Die bewegte Vergangenheit

»No sports« hat der sportliche Churchill nie gesagt. Davon ist Wolfgang Behringer überzeugt. Auch als Wahlspruch vergangener Zeiten tauge der Ausspruch nicht – im Gegenteil. Der Historiker, der an der Saar-Uni Geschichte der Frühen Neuzeit lehrt, hat die Kulturgeschichte des Sports erforscht. Sein Fazit: Die Wurzeln des Sports reichen tiefer in unsere Kultur, als es moderne Medienspektakel vielleicht vermuten lassen.

Hand aufs Herz: Hätten Sie gedacht, dass Heinrich VIII. ein Tennis-As war? Medici-Fürsten rempelnde Fußballer? Der römische Kaiser Konstantin ein Rennsport-Fan? Wolfgang Behringer zeigt, dass sie genau das waren. Der Historiker hat die Kulturgeschichte des Sports von der Antike bis zur Gegenwart erforscht und eine Gesamtdarstellung in einem Buch veröffentlicht. Zehn Jahre lang hat er Material gesammelt und ausgewertet, viele Quellen, die bis dahin in Archiven schlummerten wie Briefwechsel, Tagebücher, Memoiren, Rechnungsbücher. Was er herausfand, offenbart eine erstaunliche Sportlichkeit und Sportbegeisterung durch die Jahrhunderte und alle Bevölkerungsschichten – besonders in Adelskreisen und bei gekrönten Häuptern. Und eine besondere Bedeutung des Sports für das Verständnis der Geschichte überhaupt. In den Geschichtsbüchern kommt der Sport gleichwohl so gut wie nicht vor. Ganz zu Unrecht, wie Professor Behringer betont. »Der Sport ist Teil der Alltagsgeschichte. Er nahm in den meisten Gesellschaften einen hohen Stellenwert ein und prägte diese«, sagt er und tritt entschieden Stimmen entgegen, die behaupten, der Sport hätte nach der Antike bis zur »Erfindung des richtigen Sports« im 19. Jahrhundert einen Durchhänger gehabt. Gerade der frühen Neuzeit, also dem Zeitalter vom ersten Buchdruck bis zum Eisenbahnbau, komme hohe Bedeutung zu. »Sie hat eine Scharnierfunktion zwischen der olympischen Antike und dem Aufschwung des modernen Sports«, erklärt er.

Neben Kunst und Wissenschaft erlebte in der Renaissance auch der Sport nach antikem Vorbild eine Wiedergeburt. Er wandelte sich vom Kampf auf Leben und Tod hin zum Spiel. Statt brutaler Kraft und ritterlichen Gewaltsportarten wurden Können und Eleganz der Bewegungen spielerisch demonstriert. Geschicklichkeitsspiele wie Ringstechen kamen auf – was nicht zuletzt durch blutige Unfälle wie den Turniertod des französischen Königs Heinrich II. 1559 angespornt wurde. »Das antike Bildungsideal, geistige durch körperliche Erziehung zu fördern, wurde wiederbelebt, der Körper geformt und trainiert. Damit einher ging eine große Sportbegeisterung«, sagt Behringer. Die Spiele des einfachen Volkes – wie Ballspiele – wurden von den Oberschichten aufgegriffen, verfeinert, mit Regeln versehen und durch feste Spielplätze institutionalisiert. Sie wurden wie auch die militärische Übung sportifiziert, in sportliche Form gebracht. »Dieser Vorgang der Sportifizierung ist auch heute nicht abgeschlossen und zählt zu den Fundamentalprozessen der Moderne. Wie Säkularisierung oder Globalisierung sollte er als einer der rund ein Dutzend Schlüsselbegriffe der Neueren Geschichte verstanden werden, die grundlegende Prozesse der Veränderung beschreiben «, erklärt er.Barack Obama zeigt zuweilen seinen trainierten Oberkörper beim Schwimmen, Putin reitet gern oben ohne, weitere Beispiele finden sich mühelos. Die Mächtigen wollen beweisen: Ich bin fit, regierungs- und leistungsfähig. Was heute gilt, galt auch für die Fürsten früherer Zeiten. Könige demonstrierten ihre Schieß- und Reitkünste bei der Jagd, ihre Wendigkeit und ihr Durchsetzungsvermögen beim Fechten oder bei Ballspielen. Tennis wurde seit dem späten Mittelalter leidenschaftlich gespielt – auch von Heinrich VIII. von England, der fast täglich spielte; Gerüchten zufolge sogar, während seine zweite Frau enthauptet wurde. »Heinrich VIII. war in jungen Jahren einer der sportlichsten Fürsten seiner Zeit. Er stellte seine Kraft und Energie bewusst zur Schau«, sagt Behringer. »Treffen junger Fürsten glichen oft wochenlangen Sportveranstaltungen.« Eine Sternstunde erlebte die Tennisgeschichte etwa 1522, als Heinrich mit Kaiser Karl V. im Doppel gegen den Prinzen von Oranien und den Markgrafen von Brandenburg antrat. Und wobei heute dank der Medien alle selbst zuschauen könnten, saßen früher die Adligen im Publikum und bezeugten die Fürsten-Fitness.

Welchen Stellenwert der Sport beim Adel hatte, zeigt ein Blick in die Ritterakademien der Frühen Neuzeit. Hier wurden Geist und Körper des jungen Adels gebildet – neben Reiten, Fechten, Ringen absolvierten sie ein komplettes Leichtathletikprogramm. »Nur etwa ein Fünftel der Gebäude waren Hörsäle, Bibliotheken und Verwaltungsgebäude. Alles andere diente dem Sport: Da gab es Ball-, Fecht- und Reithallen. Und Sportlehrer waren besser bezahlt als Professoren «, so Behringer.

Ballspiele waren besonders beliebt. Um Geschick ging es beim Pallone, das in Deutschland und Italien die populärste Sportart war. Hier mussten die Teams ähnlich wie beim Volleyball verhindern, dass der Ball den Boden berührte. »Sobald man gezielt sucht, wird man überall in Quellen fündig, vor allem in Tagebüchern. In dem des Reichsfürsten Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg aus dem 16. Jahrhundert etwa findet sich fast täglich der Eintrag ›nachmittags Pallone‹«, sagt Behringer.

Auch die Geschichte des Fußballs reicht weit zurück. Seine Mittelaltervariante kann in einem Atemzug mit Steinschlachten und Faustkämpfen genannt werden. Ein Spiel dauerte so lange, wie es hell war, ohne Spielfeld, feste Spielerzahl oder gar Regeln. Stadttore dienten als Tor. Massenraufereien, Unfälle und Todesfälle waren nicht selten. Und so wurde es des Öfteren verboten. In Italien traten beim Calcio genannten Fußball Dörfer und Stadtviertel gegeneinander an. Die Medici, die wie der sportbegeisterte Cosimo I. selbst spielten, erhoben das Spiel zu ihrem Markenzeichen. Sie pflegten eine galantere Version – grob, aber bereits mit genauen Regeln, versuchten die 27 Spieler einer Mannschaft das gegnerische Zelt zu treffen. 1863 wurde Fußball in England Schulsport und im Zuge dessen Regeln und eine Spielerzahl von elf festgelegt.

Viele Anhänger hatte Pallamaglio – ein dem Golf und Krocket ähnliches Schlagballspiel, das auf sehr geraden Spielflächen gespielt wurde. Das Spiel prägte sich in manches Stadtbild ein, wie Behringer aufklärt: »Die ersten Shopping-Malls nutzten frühere Pallamaglio-Anlagen, die zu Prachtstraßen und schließlich zu Einkaufsstraßen wurden « – und so den Malls ihren Namen gaben.

Sport als Zuschauer zu verfolgen, ist jahrtausendealte Tradition – wie das Phänomen der Fan-Kultur. In der Antike standen Wagen- und Pferderennen hoch im Kurs, was schon Zahl, Größe und Lage der Rennbahnen belegen. Kaiser Konstantin ließ das Hippodrom in Konstantinopel neben seinem Palast für 100.000 Zuschauer ausbauen. »Im Circus Maximus in Rom verfolgten zu Cäsars Zeiten bis zu 150.000 Zuschauer die Rennen. Das macht diese Sportstätte zu einer der größten aller Zeiten«, erklärt Behringer. Noch heute läge der Circus Maximus an zehnter Stelle der Rangliste der weltweit größten Stadien. Übrigens belegen aktuell acht Auto- und zwei Pferderennbahnen die Spitzenplätze. »Die Mischung aus Gefahr, Geschwindigkeit und Geld zog die Menschen seit jeher in ihren Bann. Der Rennsport war teuer. Eine Quadriga kostete so viel wie ein Formel-1-Wagen heute, nur die Reichsten konnten sich solch ein Hobby leisten«, sagt der Historiker. Auch gewettet wurde im großen Stil und mit hohen Einsätzen. »Das gilt übrigens für alle Sportarten zu allen Zeiten«, sagt er.

In der Renaissance waren zwar die Glanzzeiten der Wagenrennen längst vorbei. Rennen nach antikem Vorbild wurden aber wieder veranstaltet. So sahen sich die Päpste Pius II. und Leo X. aus dem Hause Medici in der Nachfolge römischer Kaiser und erinnerten mit Wagenrennen und Tierhatzen an Roms vergangenen Ruhm. Pferderennen außerhalb von Stadien waren beliebt: wie in Florenz. Hier bewiesen die Reiter ihre Geschicklichkeit in den Straßenschluchten. »Englische Reisende berichteten von einem großartigen Spektakel mit miserabler Sicht«, sagt Behringer. In Deutschland wurden Pferderennen vor allem bei Volksund Dorffesten ausgetragen, wo alle Arten von Sport vertreten waren – vom Wettlauf der Frauen über Kegeln und Schwertkampf bis hin zu Schießwettbewerben.

Behringer belegt: Der Sport schrieb und schreibt Geschichte – auch als ihre Kulisse: »Der Ballhausschwur zu Beginn der Französischen Revolution wurde nicht etwa in einem Tanzsaal, sondern in einer Tennishalle abgeleistet«.

_Claudia Ehrlich

»Kulturgeschichte des Sports. Vom antiken Olympia bis ins 21. Jahrhundert«
von Wolfgang Behringer ist erschienen bei C.H. Beck, 2012, ISBN 978-3-406-63205-1 

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