Literatur im Spagat


Sikander Singh ist neuer Leiter des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass und versteht sich als Mittler zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit 

ER SIEHT NICHT WIRKLICH SO AUS, ALS OB ER EINEN SPAGAT BEHERRSCHT. 
Menschen, die so etwas können, sind in der Regel klein und drahtig. Sikander Singh ist das nicht. Der hoch aufgeschossene Literaturwissenschaftler beherrscht die schwierige Turnübung dennoch virtuos – zumindest intellektuell. Denn der neue Chef des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass, dem einzigen universitären Literaturarchiv Deutschlands, erforscht einerseits auf hohem Niveau die regionale Literatur, wagt sich andererseits jedoch auch in die vermeintlichen Niederungen der nichtakademischen Welt. »Ich habe ja nichts davon, wenn nur der Fachkollege mich versteht«, sagt Singh, der im Mai seine »Traumstelle« im Saarland antrat, wie er sagt.

Sikander Singh hat neben der Lust am Forscherdasein auch ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein, eine Begeisterung für die Literatur, die er auch Laien vermitteln möchte. »Ich möchte den Menschen die lebendige Seite der Literatur zeigen. Wenn mir das gelingt, ist schon viel gewonnen. « Diese Motivation brachte ihn in einen Zwiespalt, der ihm jetzt, als Leiter des Literaturarchivs an der Uni, jedoch zugute kommt. »Ich bin immer zweigleisig gefahren«, erklärt der gebürtige Rheinländer, der zuvor unter anderem an der Uni Düsseldorf und im Goethe-Schiller- Archiv in Weimar gearbeitet hat. »Hier im Saarland musste ich mich nicht entscheiden zwischen der Wissenschaft und der Praxis in den Archiven und in Literaturmuseen«, sagt Singh, dessen Leidenschaft beiden Bereichen gleichermaßen gilt. »Man kann auch sagen, ich sei entscheidungsschwach «, fügt der Heinrich-Heine-Experte augenzwinkernd hinzu.

Die »hohe« Wissenschaft habe die vermeintliche Kärrnerarbeit in den Literaturarchiven lange mit Dünkel betrachtet, erklärt der 39-Jährige diesen Konflikt. »Das ist aber inzwischen erfreulicherweise fast nicht mehr der Fall.« Und diese Annäherung zwischen Theorie und Praxis empfindet er als »Riesenchance«: »Wir können hier literaturwissenschaftliche Forschung nach außen tragen.«

Das machen die Mitarbeiter des Archivs vornehmlich mit Vorträgen und Ausstellungen, in denen beispielsweise die Nachlässe von Schriftstellern präsentiert werden. Eine weitere Ausstellung, die derzeit im Archiv auf dem Unicampus Dudweiler zu sehen ist, zeigt die Arbeitswelt und die Probleme, mit denen Archivare täglich zu kämpfen haben: Wie erhalte ich Schriftstücke, deren Papier von Säure zerfressen ist? Wie beuge ich dem Informationsverlust vor, der durch neue Speichermedien droht? Eine cd beispielsweise kann Informationen nur einige Jahre verlässlich speichern.

Die Einarbeitung in die regionale Literatur dies- und jenseits der Grenzen fällt dem Nicht-Saarländer Singh dabei nicht sonderlich schwer. »In Nordrhein-Westfalen dreht sich die Literaturgeschichte zum Beispiel um Bergbau und um die Arbeitswelt. Das ist hier auch sehr ausgeprägt «, nennt er Parallelen zwischen seinem alten und seinem neuen Lebensmittelpunkt. Dennoch ist die Region Saar-Lor-Lux-Elsass anders. »Vor allem im Saarland hat sich die Bevölkerung und damit auch die Literatur einen eigenen Weg gesucht. Es ist wie das berühmte gallische Dorf: kantig und liebenswürdig zwischen den großen Mächten«, vergleicht Singh.

Ihn fasziniert an der regionalen Literatur vor allem ihre Bedeutung für große, bekannte Strömungen: »Ähnlich wie bei einem großen Fluss, der von Nebenflüssen gespeist wird, entstehen große Literaturströmungen meist aus vielen kleinen regionalen Literaturstilen«, sagt der Wissenschaftler. Daher biete sich regionale Literatur besonders für Tiefenanalysen größerer Strömungen an.

Die Themen, die im Nebenfluss Saar-Lor-Lux-Elsass schwimmen, werden ihm auch in Zukunft ins Netz gehen. Dem Bergbau und »100 Jahre Erster Weltkrieg« beispielsweise wird sich das Literaturarchiv in naher Zukunft widmen. Solche Themen sind grenzenlos. »Literaten arbeiten ja oft an denselben Dingen und betrachten die Grenze eben nur von verschiedenen Seiten«, sagt Sikander Singh. »Das muss man selbstverständlich jenseits nationaler Perspektiven betrachten.« Auch diesen Spagat über die Grenzen hinweg möchte er meistern. Da sage noch einer, Turner müssten klein und drahtig sein.

_Thorsten Mohr

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