Forschungslage

Das Übersetzen und Dolmetschen ist als Phänomen so alt wie die Menschheit und hat in seiner Erforschung komplexe und kontroverse Fragestellungen an der Peripherie  vieler  Disziplinen aufgeworfen: von der Frage um die ‚freie’ oder ‚wörtliche’ Übersetzung der Bibel über die ‚Unübersetzbarkeitsthese’ in Sprachwissenschaft und Philosophie und der Frage der Loyalität in der Literaturwissenschaft bis hin zum Anliegen der maschinellen Übersetzung, translatorische Prozesse zu simulieren.

Mit historisch interdisziplinären Wurzeln entwickelt sich die Übersetzungsforschung zunächst naturgemäß heterogen. Erst vor dem Hintergrund des weltpolitischen Interesses an internationalen Beziehungen und Wissenstransfer beginnt sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine  Translationswissenschaft ‚sui generis’ zu entwickeln, die eigene translatorische Begriffe und Methoden vorschlägt. Der Begriff der ‚Translation’ wird von der  ‚Leipziger Schule’ in den sechziger Jahren als Oberbegriff für das Übersetzen und Dolmetschen eingeführt. Damit schärft sich der Blick für das Gemeinsame, das proprium quid der Sprachmittlung bei aller Unterschiedlichkeit in Modus, Form, theoretischem Zugang und praktischem Anforderungsprofil. Die Verortung der Translationswissenschaft über die Eigenständigkeit ihrer Begriffe und Methoden bildet daher die Grundlage ihres Selbstverständnisses und bestimmt bis heute ihr Verhältnis zu den Nachbarwissenschaften.

Literatur (in Auswahl):

  • Gerzymisch-Arbogast, Heidrun (2003): "Die Translationswissenschaft in Deutschland - Start oder Fehlstart? Kritische Bemerkungen zur wissenschaftlichen Entwicklung eines Fachs". In: Nord, B./Schmitt, P. A. [Hrsg.]: Traducta Navis. Festschrift zum 60. Geburtstag von Christiane Nord. Tübingen: Stauffenburg-Verlag. ISBN 3-86057-632-1. 23-30
  • Gerzymisch-Arbogast, Heidrun (2007): 'Am Anfang war die Leipziger Schule'. In: Wotjak, Gert (Hg.): Quo vadis Translatologie? Ein halbes Jahrhundert . universitäre Ausbildung von Dolmetschern und Übersetzern in Leipzig. Rückschau, Zwischenbilanz und Perspektiven aus der Außensicht. Berlin:Frank & Timme. 59-78.