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KulturPoetik

Zeitschrift für kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft

Journal for Cultural Poetics

Band 1 (2001), Heft 2

Sammelrezension

 

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Monika Schmitz-Emans:

Der Körper und seine Bindestriche.
Zu Analysen der Ambiguität des Körperlichen und zur Dialektik seiner Modellierungen im wissenschaftlichen Diskurs der Gegenwart

(1) Erika Fischer-Lichte/Anne Fleig (Hg.), Körper-Inszenierungen. Präsenz und kultureller Wandel. Tübingen: Attempto 2000.
(2) Julika Funk/Cornelia Brück (Hg.), Körper-Konzepte. Tübingen: Gunter Narr 2000 (Literatur u. Anthropologie 5).
(3) Sabine Wilke, Ambiguous Embodiment. Construction and Destruction of Bodies in Modern German Literature and Culture. Heidelberg: Synchron 2000 (Hermeia 2).
(4) Margreth Egidi/Oliver Schneider/Matthias Schöning/Irene Schütze/Caroline Torra-Mattenklott (Hg.), Gestik. Figuren des Körpers in Text und Bild. Tübingen: Gunter Narr 2000 (Literatur u. Anthropologie 8).
(5) Genus. Münsteraner Arbeitskreis für gender studies (Hg.), Kultur, Geschlecht, Körper. Münster: Agenda 1999.
(6) Claudia Benthien, Haut. Literaturgeschichte – Körperbilder – Grenzdiskurse. Reinbek: Rowohlt 1999 (rororo enzyklopädie 55626).
(7) Claudia Benthien, Im Leibe wohnen. Literarische Imagologie und historische Anthropologie der Haut. Berlin: Arno Spitz 1998 (Körper, Zeichen, Kultur 4).
(8) Albrecht Koschorke, Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts. München: Fink 1999.
(9) Gunther von Hagens/Angelina Whalley, Körperwelten. Die Faszination des Echten [Ausstellungskatalog]. Heidelberg: Institut für Plastination 10. Aufl. 2000.

 

Merkwürdig, fast paradox verhält es sich mit den Körpern in der Gegenwart: Man trägt einerseits Körperverliebtheit zur Schau – nichts, das aufwendiger gepflegt, gestylt, geschmückt und inszeniert würde. Und doch scheint körperliche Präsenz zunehmend gleichgültiger zu werden: Was von den Körpern im Zeitalter der expandierenden Kommunikationstechnologie und der allseitigen Virtualisierungen bleibt, sind allenfalls digitalisierte bunte Bilder, oft auch nur statistische Daten. Zu Recht diagnostiziert Anne Fleig zur Einführung in einen rezenten Sammelband, dass »Entkörperung und Körperkult« einander widerstreiten und doch auch wieder wechselseitig bedingen. (1) Doch die Gleichzeitigkeit von Allgegenwart und Virtualisierung des Körperlichen ist nicht das einzige aktuelle Paradox: Einerseits scheint das affirmative Verhältnis des Menschen zu seinem Körper gerade in der Gegenwartskultur durch keinerlei körperfeindliche Moral gestört zu werden; seinen Körper zu pflegen, ihm sein ›Recht‹ zu verschaffen, ja sich von ihm leiten zu lassen und auf ihn zu ›hören‹, gilt nicht nur als statthaft, sondern als weise. Andererseits wurde Körpern niemals mehr und drastischere Gewalt angetan: begonnen bei der alltäglichen modebewussten Selbstverstümmelung bis hin zum technisch perfektionierten Genozid. Die tägliche Sorge um den eigenen Körper mag als kompensatorische Reaktion auf die Erfahrung gedeutet werden, wie gefährdet körperliche Attraktivität und Unversehrtheit sind; doch gerade sie führt zu Eingriffen in den Körper, die als Formen mehr oder weniger subtiler Gewalt gelten können. Plausibel erscheint, dass die den Diskurs der jüngeren Vergangenheit prägende Dekonstruktion des Subjekts zumindest indirekt einen Beitrag zum Boom des Körper-Themas geleistet hat: Sollte es keine Identität der Person im traditionellen subjektphilosophischen Sinn mehr geben, so bliebe die physische Erscheinung das Letzte, woran man sich halten kann, um sich von sich selbst wenigstens – ein Bild zu machen. Losgelöst von einem als essentiell und identisch gedachten Inneren, wird die Körperoberfläche zur Spiel-Fläche beliebiger Gestaltung, ja zum Medium der Selbst-Erfindung – so der dekonstruktivistische Befund. Mit solcher Deutung des Ich als Träger vielfältiger Prägungen geht es um mehr als plastische Chirurgie und aggressive Tattoo-Kosmetik. Diese übernehmen vielmehr den (noch relativ harmlosen) Status von Metaphern: ›Eingeschrieben‹ werden dem Nicht-Subjekt symbolische Ordnungen und Werte, Codes und Identitätsmuster. Ausgehend von der Foucaultschen Diskursanalyse etablierte sich in den letzten beiden Dekaden der Topos von der ›Einschreibung‹ von Moralen und Normen, Regeln und Denkmustern; damit aber wurde der Körper nicht aufgewertet, sondern zum bloßen Schriftgrund devaluiert – zum ›Bibliotheksphänomen‹: »Die im Gefolge dezidiert poststrukturalistischer Ansätze einsetzende Debatte um Konstruktion und Dekonstruktion des Körpers verabschiedete nicht nur die Möglichkeit authentischer Erfahrungen. Sie brachte die Materialität des Körpers hinter einer tendenziell körperlosen Welt als Textfläche weitgehend zum Verschwinden. Übrig blieb ein Körper als Effekt von diskursiven Zeichenpraktiken, der damit im Wesentlichen als passives Konstrukt gedeutet wurde«. (2) Der gegenwärtige ›Körperkult‹ erscheint nicht zuletzt auch als vieldeutige Reaktion auf diese Entsubstanzialisierung des Körperlichen: nicht zuletzt auf die Freigabe des Spielmaterials ›Körper‹ für bislang tabuisierte Praktiken. Die Performance-Künste gehen hier wohl am weitesten, sei es affirmativ, sei es auch in kritischer Akzentuierung postmoderner Verfügbarkeit des Körpers. Kaum zufällig steht die kürzliche Ausschreibung des 3. Deutschen Studienpreises durch die Körber-Stiftung unter dem Motto: »Bodycheck – Wie viel Körper braucht der Mensch?«. Zur Erläuterung des Themas erklärt der Geschäftsführer des Deutschen Studienpreises, »die aufkommenden Möglichkeiten, den menschlichen Körper umzubauen«, gäben Anlass zur Erörterung allgemein relevanter »ethischer und praktischer Fragen«. (3) Körper-Faszination allenthalben: Betroffen sind nicht allein die Bereiche der praktischen Pflege, Inszenierung, Zurschaustellung, Verehrung oder Manipulation realer Körper: Auch in der Kunst-, Kultur- und Literaturwissenschaft, in der Rechts- und Geschichtswissenschaft, der Soziologie und Politologie diskutiert man – oft kontrovers – über Körper-Entwürfe. Wie viel Körper braucht die Theorie?

Wie eine Serie aktueller Neuerscheinungen eindrucksvoll belegt, ist gerade das Thema Körper ein Bindeglied zwischen dem akademischen Diskurs und anderen Bereichen gesellschaftlicher Praxis, zwischen den Territorien der Natur, der Geschichte und der Kunst, wobei sprachtheoretische Aspekte durchgängig mit im Spiel sind. Dass, wie Julika Funk und Cornelia Brück einleitend in den Band Körper-Konzepte in Erinnerung rufen, das Thema ›Körper‹ gerade in der wissenschaftlichen Thematisierung von Geschlechterdifferenzen eine eminente Rolle spielen muss, ist mehr als evident. (4) Funk und Brück verdeutlichen, auf Elisabeth List verweisend, worin die eigentliche Crux und zugleich die maßgebliche Provokation der Aufgabe liegt, den ›Körper‹ gedanklich und begrifflich angemessen zu interpretieren: »die Thematisierung des Körpers gestaltet sich als das Paradox einer begrifflichen Erfassung dessen, was (philosophisch) als vorbegrifflich galt« (S. 8). Gleichwohl oder eben darum: Fundiert oder doch zumindest flankiert wird das einzelwissenschaftliche Interesse an der Körperlichkeit durch die Fokussierung der Leiblichkeit in der Gegenwartsphilosophie. Fruchtbare Anstöße gehen, wie auch diverse Neupublikation belegen, von der Differenzierung zwischen den Kategorien des ›Körperlichen‹ und des ›Leiblichen‹ aus, der zufolge dem konkret erfahrenen und empfundenen ›Leib‹ ein ›Körper‹ als das von Entfremdung gezeichnete Produkt kultureller Prägung gegenübersteht. Als Beispiele für das weite Spektrum der Ansätze genannt seien die Fortführungen phänomenologischer Ansätze durch Bernhard Waldenfels (5), die Proklamation von Philosophie als »Lebensform« durch Gernot Böhme (der unter anderem eine Rückbesinnung auf die physische Präsenz und eine »Reintegration des Leibes in das Selbstbewusstsein des Menschen« fordert), (6) sowie Michel Serres mit seiner unter dem programmatischen Titel Die fünf Sinne vorgelegten »Philosophie der Gemenge und Gemische«. (7) Zweifellos: »Der Leib ist in der modernen Onto-anthropologie am Werk wie eine ›Unruh‹, die den Gang der Dinge mit regelt, sich aber andererseits einer eindeutigen Regelung entzieht«. (8) Erklärbar wird das dominante diskursübergreifende Interesse an Körperlichkeit, Leiblichkeit und Sinnlichkeit nicht zuletzt mit einer spezifischen Ausprägung moderner Kontingenzerfahrung: Im Zeichen des beunruhigenden Bewusstseins, alles könnte auch anders sein, erledigt sich der Glaube an eine verbindliche Ordnung der Natur; die Kontingenz des Körperlich-Leiblichen ist hier ein besonders stimulierendes Skandalon: »Die relative Fraglosigkeit des Leibes wandelt sich in Fraglichkeit, sobald der Mensch bei sich selbst, in seinem eigenen Denken, Wollen und Streben Halt sucht, ohne sich auf eine vorgegebene Ordnung zu verlassen«. (9) Philosophen wie Helmuth Plessner und Maurice Merleau-Ponty haben versucht, die Bindung menschlicher Orientierung in der Welt an die Leiblichkeit zu plausibilisieren. Für Merleau-Ponty ist der Leib zugleich ein Ding und der Grund des Ich-Seins, prägend für die Beziehung des Einzelnen zur Welt. Im leiblichen Handeln ist der Mensch Subjekt. Die dialektische Spannung zwischen Leib-Sein und dem ›Haben‹ eines Körpers hat ähnlich auch Helmuth Plessner ins Zentrum seiner Überlegungen gestellt. Gerade hier scheint sich ein Ansatz zu bieten, zwischen den kontroversen Thesen von der Bedingtheit des Menschen durch seine Körperlichkeit und der vom Körper als allseitig verfügbarer und codierter Instanz zu vermitteln.

Das Thema Körper wirft nicht nur die in vielerlei Hinsicht konkretisierbare Frage auf, wo die Grenze zwischen Natur und Kultur verläuft, es ist auch vielfach dazu angetan, die Existenz einer solchen Grenze selbst in Frage zu stellen. Fast selbstverständlich erscheinen nicht nur die vielfältige Gestaltbarkeit, sondern die ›Machbarkeit‹ von Körpern, auch wenn – paradoxe Kehrseite der Medaille – der Körper in seiner Hinfälligkeit, Unzuverlässigkeit und begrenzten Haltbarkeit das Letzte zu sein scheint, was sich der Kontrolle und Verfügungsgewalt durch den technisch planenden Verstand entzieht. Maßgeblich für die traditionelle Differenzierung zwischen einem ›Inneren‹ und einem ›Äußeren‹, aktueller Lieblingsgegenstand philosophischer, natur- und sozialwissenschaftlicher, politischer und kulturtheoretischer Diskurse, ist der ›Körper‹ nicht zuletzt auch ein vorrangig bedeutsames Objekt ästhetischer Praktiken – wobei der Prozess seiner Darstellung wiederum ambivalent ist, changierend zwischen ›leibhaftigem‹ Ausdruck und heteronomer Fixierung, schöpferischem Entwurf und trügerischer Imitation, Gestaltung und Vergewaltigung. Besondere Relevanz kommt der Frage nach dem Körper im Streit um die Geschlechter-Identität zu. Judith Butler löste in Gender Trouble (10) mit der These von der Fiktionalität der Geschlechteridentität heftige und kontroverse Diskussionen aus. Die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht resultiere aus kulturellen Prägungen und werde durch codierte Verhaltensmuster künstlich eingeübt, so Butler; die geschlechtliche ›Identität‹ einer Person sei insofern so kontingent wie veränderbar. Umstritten war nicht nur der Gewinn einer solchen Konzeption für die Sache des Feminismus; die entscheidende Anschlussfrage war vor allem die nach einem Residuum von Nicht-Codiertem und Nicht-Codierbaren in der Sphäre der Leiblichkeit und ihrer Erfahrung. Gelegentlich erinnert die Auseinandersetzung um ›natürliche‹ oder performativ-künstlich bedingte Geschlechtszugehörigkeit an den alten sprachphilosophischen Streit zwischen Realisten und Nominalisten, zumal sie oft auf die Frage nach dem Grund von Körper-›Sprache‹ hinausläuft. Vielleicht ist es nicht einmal abwegig, die Auseinandersetzung über die Natürlichkeit oder Artifizialität leiblich-geschlechtlicher Identität als Spätfolge der für manche Erblast verantwortlichen dualistischen Metaphysik zu deuten: Gibt es ein Residuum an Materie, das sich nicht auf Konzepte, Codes und Interpretationen reduzieren lässt?

 

Erika Fischer-Lichte/Anne Fleig (Hg.), Körper-Inszenierungen. Präsenz und kultureller Wandel. Tübingen: Attempto 2000. 171 S. ISBN 3-89308-318-9.

In ihrer Einleitung zu dem Band Körper-Inszenierungen erklärt Anne Fleig das Denken des Körpers zur gegenwärtig »zentralen Herausforderung interdisziplinärer Forschung« (S. 7). Der Band nimmt diese Herausforderung an, wobei die Verfasser der Beiträge sich einerseits durchaus heterogenen Themen und Gegenständen ästhetischer, alltagskultureller und diskursgeschichtlicher Art widmen, diese Themen andererseits aber doch durch die Akzentuierung der performativen Dimension des Leiblichen miteinander verklammert sind. Mit einer Gruppe von Beiträgen geht es schwerpunktmäßig um »die Bedeutung von Körper-Inszenierungen für die Konstitution und Erfahrung von Präsenz in verschiedenen medialen Formen«, mit einer zweiten um ihre Bedeutung für »kulturelle Veränderungen«, in deren Verlauf sich Körperbilder und Körpersprachen wandeln (S. 13). Kohärenz gewinnt der Band zudem durch die kompetente und aspektreiche Einführung von Anne Fleig, die zum einen eine Übersicht über das komplexe diskursive Feld der letzten Jahrzehnte bietet, zum anderen verdeutlicht, wie sich das Konzept des Performativen im Spannungsfeld der Positionen zwischen dekonstruktivistischen und substanzialistischen Deutungen der Leiblichkeit lokalisiert und zwischen den extremen Positionen dadurch zu vermitteln sucht, dass das Augenmerk auf die »Eigendynamik körperlicher Prozesse« gelenkt wird. Der inszenierte Körper, der sich performativ selbst realisiert, ist einerseits kein nur Vorgegebenes, keine substanzielle Entität jenseits aller Codierungen, andererseits aber ist seine Materialität und Präsenz doch unverzichtbar und hinter den Zeichen und Codes nicht zum Verschwinden zu bringen. Das Konzept der Körper-Inszenierung, der performativ realisierten Körperlichkeit, lässt die traditionelle Dichotomie des Künstlichen und Natürlichen hinter sich und versucht auch, dem Dualismus von Körper und Seele ein dialektisch vermittelndes Modell entgegenzusetzen. Der inszenierte Körper ist aktiv und reaktiv zugleich; er realisiert sich selbst durch sein Tun und ist den Medien und Sprachen, durch welche sich eine solche Realisation vollzieht, weder vor- noch nachgeordnet. Aus der Perspektive seiner »performativen« Wirklichkeit betrachtet, situiere sich – so Fleig – der Körper in einem »Dazwischen«; der Räumlichkeit seiner Existenz kommt bei seiner Deutung eine Bedeutung zu, die ihn als mehr denn ein beliebiges Zeichen unter anderen erscheinen lässt. Den Dualismus von Körper und Zeichen dialektisch vermittelnd, fokussiert der Begriff ›Körper-Inszenierungen‹ (dessen Bindestrich selbst von konzeptueller Relevanz ist) »die Prozeßhaftigkeit künstlerischer und kultureller Praxis in ihrer leibgebundenen Gegenwärtigkeit« (S. 12).

Erika Fischer-Lichte skizziert in ihrem grundlegenden Beitrag über »Entgrenzungen des Körpers« eine Ästhetik des Performativen, wie sie aus der Kulturgeschichte des Theaters ablesbar wird. Schwerpunkte liegen dabei auf der Erörterung der Körperkonzepte, welche der Katharsiskonzeption des Aristoteles und der Wirkungsästhetik des aufklärerischen Theaters zugrunde liegen. Dabei erweist sich die fundamentale Bedeutung leitender Vorstellungen von Körperlichkeit für die jeweilige Dramenästhetik. Die griechische Theaterpraxis im Zeichen des Katharsisprogramms korrespondiert der zeitgenössischen Theorie der Körperwärme und dem Glauben an die Übertragbarkeit dieser Wärme von den Akteuren auf das Publikum. Das aufklärerische Theater vertraute auf die Möglichkeit der Übertragung von Empfindungen analog zur Infektion durch Krankheitserreger; in beiden Fällen versteht sich die dramatische Inszenierung als Eingriff in ein »Kräftefeld« (S. 34) zwischen menschlichen Körpern. Manfred Pfisters Beitrag über »Inszenierungen des Lachens im Theater der frühen und späten Neuzeit« widmet sich verschiedenen historischen Ausprägungen einer »performativen Anthropologie des Lachens« (S. 36) und erörtert an markanten Beispielen Lach-Anlässe, die dem Publikum geboten werden, Spielformen der Inszenierung des Lachens durch die Körpersprache der Akteure sowie Beispiele expliziter Thematisierung des Lachens durch den Dramentext. Während die Druckfassungen der Shakespearedramen zeigen, wie sich die Bearbeiter aus prinzipiellen ästhetischen Erwägungen heraus einer Vertextung des Lachens widersetzten, sind Becketts Stücke als Enzyklopädien des Lachens lesbar. Unter dem Leitwort »Nomaden« vergleicht Gert Mattenklott die Werke Gides, Bowles’ und Goytisolos als Auseinandersetzungen mit der Frage nach der Beziehung zwischen literarischem Text und leibhaftiger Existenz des Schreibenden. Bei Gide und diversen Nachfolgern wird den dabei erhobenen Befunden zufolge die »Fiktion eines objektiven Selbst« tragend, »das sich tatsächlich in jedem neuen Schreibakt erst erzeugt« und das den »natürlichen Körper des autobiographischen Ich« als eine Instanz zur Beglaubigung seiner Ansprüche zu vereinnahmen sucht (S. 58). Anne Fleig analysiert Elfriede Jelineks Schauspiel Ein Sportstück als Beitrag zu einer performativen Theaterkultur, welche Materialität und sinnliche Präsenz der Körper ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, und vergleicht zwei Inszenierungen dieses Dramas miteinander. Leitend ist dabei die Idee einer angestrebten dramaturgischen »Produktion von Präsenz«, welche das Mimetische hinter sich lassen und neuartige Formen des Antagonismus von Sprache und Körperlichkeit erzeugen würde. Der »Kosmographie« eines »Selbst« ist die Studie von Bonnie Marranca mit dem so programmatisch wie neologistisch klingenden Titel »Die Autobiologie Rachel Rosenthals« gewidmet. Diese Darstellung des Schaffens einer Performance-Künstlerin, die auf der Basis des Glaubens an »lebenserhaltende Bilder« an mythische Konzepte anzuknüpfen und sich selbst als mythische Gestalt zu inszenieren sucht, hinterlässt – bei aller Sympathie für die politischen Ideen, denen sich Rachel Rosenthal (und Bonnie Marranca) verschreiben – einen zwiespältigen Eindruck. Zeigt sie doch die Anfälligkeit einer Ästhetik der Performance für Ideologisierungen, die sich spätestens dann geltend macht, wenn sich die Auratisierung des Körpers mit einem affirmativen Glauben an die Natur und das ›Weibliche‹ verbinden. Gernot Böhmes Beitrag »Zur Phänomenologie der Geschlechter« unter dem Haupttitel »Du trittst in Erscheinung« greift in kritischer Auseinandersetzung mit Butler und anderen Leugnern des ›natürlichen Geschlechts‹, aber auch mit dem konservativ geprägten substanzialistischen Weiblichkeitskonzept Frederik Buytendijks die Frage nach der geschlechtlichen Identität auf. Er kleidet seinen Aufriss zu einer »Phänomenologie der Geschlechter« originellerweise in die dem eigenen Konzept einer situativ-interaktiven Erfahrung des Geschlechtlichen korrespondierende Form eines fiktiven Briefs an ein weibliches Gegenüber. Die »Entwicklung der Körpersprache im japanischen Nô-Theater« umreißt Stanca Scholz-Cionca in ihrem Beitrag. Bisher fehlt eine Geschichte der Körpersprache dieser heute stark kodifizierten und reglementierten Theaterform, deren Vorgeschichte sich, wie Scholz-Cionca demonstriert, aus Text- und Bild-Dokumenten immerhin partiell rekonstruieren lässt. Einer anderen Form körpersprachlicher Performanz ist Gunter Gebauers Abhandlung über den Fußball in seiner Eigenschaft als »Nationale Repräsentation durch Körper-Inszenierungen« gewidmet. Ausgehend vom Vergleich eines Fußballspiels mit einem überdimensionierten Theaterereignis beleuchtet Gebauer vor allem die Voraussetzungen, unter denen diese Form der Inszenierung von Körpern für die symbolische Selbstdarstellung von Nationen vereinnahmt werden kann. Dietmar Kamper lenkt in seinem Beitrag zum Stichwort »Berührungsangst« den Blick auf rezente mediale Entwicklungen, die er als »die aktuelle Verabschiedung des Körpers in seiner dunklen Schwere« mittels lichter, leichter, immaterieller Bilder beschreibt und als zeitgenössische Spielform eines epochenübergreifenden Projekts der »›Geistwerdung‹ des Menschen« begreift. Mit gnostisch-dualistischen Vorstellungen und anderen leibfeindlichen Konzepten vorwiegend christlicher Prägung verknüpft sei diese Entmaterialisierung des Leiblichen durch die programmatische Idee des ›Noli me tangere‹. Bild und Körperempfindung, Gesichts- und Tastsinn erscheinen in Kampers mediologischem Szenario als Antagonisten; ob Letzterer die Welt vor dem Verfall an die Abstraktion zu retten vermag, hält auch er für fraglich.

 

Julika Funk/Cornelia Brück (Hg.), Körper-Konzepte. Tübingen: Gunter Narr 2000 (Literatur u. Anthropologie 5). 246 S. ISBN 3-8233-5704-2.

Dass das Thema ›Körper‹ in der aktuellen Diskussion über Geschlechterdifferenz erwartungsgemäß eine Schlüsselrolle spielt, motivierte den Frauenrat der Universität Konstanz in Zusammenarbeit mit dem SFB »Literatur und Anthropologie« 1998 dazu, den ›Körper‹ ins thematische Zentrum eines Kolloquiums über kulturwissenschaftliche Beiträge zur Geschlechterforschung zu stellen. Wiederum wird einleitend zu Recht die Disparatheit der zum ›Körper‹-Thema bezogenen Positionen herausgestellt: Deutet man auf der einen Seite den Körper als natürliche Gegebenheit und als Garant für Identität oder (identitätskonstitutive) Differenz, so erscheint er auf der anderen Seite als bloßer Träger vielfältiger ›kultureller Einschreibungen‹, als textuelles Produkt von Texten. Das verbindende Interesse der Beiträger zu diesem Band gilt verschiedenen Konzepten von Körperlichkeit im Zeichen der Leitfrage nach den Funktionen der Körper-Repräsentationen innerhalb der differenten Kulturen, ihrer Teilbereiche und ihrer Selbstbeschreibungen. Bei der Fokussierung auf die Geschlechter-Thematik bietet wiederum die vor allem mit dem Namen Butler verknüpfte Theorie vom (geschlechtlichen) Körper als einem bloßen Effekt von Zeichenprozessen eine wichtige Herausforderung. Wie die Herausgeberinnen aber betonen, erscheint mittlerweile die Gegenüberstellung »essentialistischer« und »konstruktivistischer« Ansätze als »unangemessen scharf« (S. 8). Als unzulässige Vereinfachung, ja als schlechte »Mythisierung« erweisen sich – angesichts der Komplexität von Befunden über den Körper und seine Beziehungen zu dem ihm jeweils Anderen – sowohl die These, der Körper sei nur ein kulturelles Konstrukt, als die gegenläufige seiner Gleichsetzung mit ›Natur‹. Die Ambivalenz der Körperlichen sei, so die Bilanz der (auf rezente Positionsbestimmungen verweisenden) Herausgeberinnen, wohl unaufhebbar, insofern der Körper im Spannungsfeld mehrerer Ordnungen stehe: hier die sprachlich geprägte Ordnung des Symbolischen, dort die von »Lust, Schmerz, Trauma, Tod und Zeitlichkeit« bestimmte Ordnung des Realen. Überzeugend nimmt sich da die Deutung des zwischen beiden Ordnungen stehenden Körpers als Zone des »Übergangs«, als Schnittstelle oder aber als Ort der Grenzverwischung aus (S. 10). Die Beiträge des Bandes widmen sich vor allem Formen der medialen Körper-Repräsentation. Dietmar Kampers Beitrag »BilderKörper X KörperBilder« stellt eine »Wiederkehr« der Körper im Imaginären in Aussicht: im Reich der übermächtigen und durch nichts zu depotenzierenden Bilder. Alice Pechriggls »begriffssystematische Skizze« zum Thema »Der Körper in den Gestaltungen und Schichtungen des geschlechtsspezifischen Imaginären« widmet sich den unablässigen Transformationen des Körpers und akzentuiert dabei insbesondere das »Projektionsflächenimaginäre« des Weiblichen, das nach Diagnose der Verfasserin kein ›männliches‹ Pendant besitzt. Manfred Weinberg geht der Opposition zwischen einem Konzept ›natürlicher‹ Geschlechterdifferenz und der Auffassung von der kulturellen Konstruktion des Geschlechtlichen nach, indem er von der radikalen These Judith Butlers aus Wilhelm von Humboldts Auseinandersetzung mit der Frage nach einer weiblichen und einer männlichen ›Natur‹ beleuchtet. Bei Humboldt diagnostiziert er eine unaufhebbare Ambiguität zwischen der Deutung der Geschlechterdifferenz als elementarer anthropologischer Gegebenheit und als kultureller Konstruktion. Spezifischen Körper-Konstrukten in ihren jeweiligen kulturellen Kontexten widmen sich die folgenden Beiträge: Daniel Wildmann analysiert die »Konstruktion begehrter Männerkörper im ›Dritten Reich‹ auf der Basis der Differenzierung zwischen ›Ariern‹ und ›Juden‹. Adrian Stähli befasst sich mit dem von griechisch-antiken Männerstatuen vermittelten Männer-(Körper-)Bild und seinen Implikationen. Barbara Feichtinger untersucht im Rekurs auf frühchristliche Quellen die »Ambivalenz asketischer Körperkonzepte der Spätantike«. Besonders instruktiv erscheint dabei die diskursgeschichtliche Skizze zum dualistischen Ansatz platonisch-frühchristlicher Prägung, der ein vertieftes Verständnis der langen Geschichte körper- und sexualfeindlicher Ethik ermöglicht, zugleich aber deutlich macht, dass sich die Dinge schon früh differenzierter verhalten, dass insbesondere schon früh Spannungen und Ambivalenzen den asketischen Diskurs um Geschlechterdifferenzen und Sexualität prägten. Dagmar Günther thematisiert »Körperbilder im österreichisch-deutschen Alpinismus« zwischen 1870 und 1930, Gertraud Koch die »Konzeption des Körpers in der Informatik«, wobei sie zugleich wichtige Entwicklungslinien der Modellierung »künstlicher Intelligenz« nachzeichnet. Den Beziehungen zwischen Literatur und Körperbildern gehen zwei anglistische Abhandlungen nach: Angeregt von der Mannheimer Ausstellung »Körperwelten« (s.u.) und ihren Analogien zum renaissancistischen Anatomietheater, erörtert Mathias Pozsgai unter dem Titel »Topographien des Authentischen« analoge »Körperbilder in Anatomie und Literatur«, die Beziehung zwischen Körperkunde und Buchkultur in der frühen Neuzeit sowie den Reflex des zeitgenössischen Körperdiskurses bei Shakespeare. Gabriele Rippls Abhandlung gilt der »Eloquenz des weiblichen Körpers in englischen Melodramen des 19. Jahrhunderts«. Der als ›beredsam‹ aufgefasste weibliche Körper wird in diesem Massenmedium zu einem buchstäblich sprechenden Beispiel für »inkarnierte Rhetorik«. Den Körperinszenierungen der beiden Performance-Künstlerinnen Cindy Sherman und Orlan widmet Inge Baxman einen Beitrag, der das Interesse dieser Arbeiten an der Fetischisierung und Fragmentierung des weiblichen Körpers darlegt. Einen Überblick über »Tanzende Körper im Wandel der Zeit« gibt Bettina Hessler im Zeichen der Leitfrage, welches (Selbst-)Verständnis der Geschlechter in verschiedenen Tanzstilen zum Ausdruck kommt und sich jeweils performativ konsolidiert.

 

Sabine Wilke, Ambiguous Embodiment. Construction and Destruction of Bodies in Modern German Literature and Culture. Heidelberg: Synchron 2000 (Hermeia 2). 230 S. ISBN 3-935025-01-7.

Leitgedanke der Untersuchungen Wilkes ist der Befund einer tiefen Ambivalenz menschlicher Ver-Körperung in der Moderne – ablesbar an jener für die Kultur des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts spezifischen Exposition und Organisation des Körperlichen, welche einerseits als Selbstkonstitution im Medium des Körpers, andererseits aber auch als Selbstverstümmelung beschrieben werden kann. ›Verkörperungen‹ in diesem Sinne sind – schon als Folge ihrer Nicht-Endgültigkeit, ihres transitorischen Charakters, ihrer metamorphotischen Vielfalt – sowohl Selbstentwürfe als auch Besiegelungen der Auslöschung des Ich, oft genug, auf dramatische Weise, beides gleichzeitig. Wilke konzentriert sich auf Beispiele aus der Literatur-, Film- und Performancekunst des deutschsprachigen Raumes und versteht ihre Monographie als Beitrag zur Analyse der deutschen Kultur, doch die Grundbefunde dürften zu weiten Teilen übertragbar sein. Wilke stellt insbesondere, anknüpfend an Elaine Scarry, einen plausiblen Zusammenhang zwischen dem Sprachskeptizismus der 70er und 80er Jahre und dem Interesse am Thema Körperlichkeit her (S. 3). Ihre Studien gelten im ersten Teil ihres Buches exemplarischen Formen der ästhetischen Modellierung von weiblicher oder männlicher Körper-Identität: diversen Bildern der Frau in Literatur und Film der Gegenwart, dem Zusammenhang von Schönheitskult, Kleidung und Bildnissen in Wedekinds Geschlechtertragödien, sowie der Performanz von ›Männlichkeit‹ durch Bodybuilding, Narzissmus und Voyeurismus bei Bodo Kirchhoff. Teil II erörtert die Folgen dialektischer Spannung zwischen Negation und Begehren des Körpers. Exemplarisch analysiert wird die Darstellung gequälter und bestrafter Subjekte bei Kafka, insbesondere in der Strafkolonie, sowie die Erotisierung von Körpern durch Negation von Subjektivität im Bereich sadomasochistischer Praktiken. Leitend ist für die Untersuchungen durchgängig die These, dass die verschiedenen Spielformen künstlerisch-ästhetischer und außerkünstlerischer Inszenierung von Körperlichkeit miteinander korrespondieren und einander bespiegeln, ja dass es im Zeichen des Großprojekts inszenierter und arrangierter Körperlichkeit letztlich keine kategoriale Differenz zwischen Kunst und Nichtkunst gibt. Damit werden eine literarische Gestalt wie Wedekinds Lulu und Arnold Schwarzenegger miteinander kompatibel. Die parallelen und oft ineinander greifenden Prozesse der Konstruktion und Dekonstruktion von Körpern, so Wilkes bilanzierende Diagnose über die deutsche Kultur, erzeugen durchgängige und unaufhebbare Ambivalenzen: ›Verkörperung‹ vollzieht sich im Spannungsfeld von Verstümmelung und Befreiung.

 

Margreth Egidi/Oliver Schneider/Matthias Schöning/Irene Schütze/Caroline Torra-Mattenklott (Hg.), Gestik. Figuren des Körpers in Text und Bild. Tübingen: Gunter Narr 2000 (Literatur u. Anthropologie 8). 349 S. ISBN 3-8233-5707-7.

Die Beiträge einer Tagung zum Thema »Gestik in Text und Bild« versammelt dieser Band, der sich damit der Repräsentation von Körperlichkeit und ihrer Semantik aus literatur-, kunst- und kulturwissenschaftlicher Sicht widmet. Die Wahrnehmung von Gesten, so die Herausgeber einleitend, ist stets in Kontexte eingebettet. Der Versuch, sie hieraus zu isolieren, erscheint problematisch; der Versuch, sie sprachlich auszudeuten steht im Zeichen der Unbestimmtheit – eine verbindliche Beschreibungssprache gibt es ebenso wenig wie verbindliche Anhaltspunkte zur Deutung individueller Gesten als Aktualisierungen eines bestimmten Codes. Angesichts solcher Unbestimmtheit des Gestischen versteht sich das im vorliegenden Band dokumentierte interdisziplinäre Projekt als eine phänomenologische Annäherungen ans Gestische in den Spuren der Leiblichkeitskonzeption Merleau-Pontys, der gerade dem Gestischen intensive Aufmerksamkeit geschenkt hat, und unter zusätzlichem Rekurs auf die Luhmannsche Konzeption von Beobachtungen verschiedener Ordnung. Schwerpunkte der interdisziplinären Zusammenarbeit bildeten sich in den Bereichen »Anthropologie und Semiotik der Geste« (im Spannungsfeld zwischen »Ausdruck, Konvention« und »Disziplin«), »Geste im kommunikativen Kontext«, »im künstlerischen Medium« und »im Text«. Die Studien gelten, erstens, historischen Konzepten von Gestik (implizit also auch von Körperlichkeit) in verschiedenen Kulturen und Epochen, zweitens, der Gestik als einem Medium ästhetischer Gestaltung – und zwar auf zwei Ebenen: der Gestik von dargestellten Figuren einerseits, der im Werk sich manifestierenden Gestik andererseits. Schließlich befasst sich ein Teil der Beiträger mit der ›Gestik‹ von Texten, ausgehend von der Feststellung, dass das Metaphernfeld um die Geste vielfach dazu dient, die spezifischen Eigenschaften von Texten und textgenetischen Prozessen zu beschreiben.

›Gestik‹ erweist sich beim Durchgang durch den Band erwartungsgemäß als weites Feld interdisziplinärer Forschung, zudem an den Rändern unscharf, zumal wenn es um metaphorische ›Gestik‹ geht (wie, beispielsweise, anlässlich der Auseinandersetzung zwischen Gadamer und Derrida, in der absichtsvoll differente Denk- und Bekundungsstile einen sachlichen Konsens von vornherein verhinderten). Dass das Gelände des ›Körperlichen‹ bei der Erörterung des ›Gestischen‹ oft verlassen wird, hängt mir der Situierung der Geste im Grenzbereich zwischen Physis und Psyche, aber auch zwischen Erscheinung und Metapher zusammen. Um ein Auseinanderfallen der verschiedenartigen Themen und Untersuchungsgegenstände zu verhindern, haben die Herausgeber dem Band eine informative Einleitung zur Kultur- und Begriffsgeschichte der Geste sowie zu systematischen und historischen Aspekten der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Gestik vorangestellt.

 

Genus. Münsteraner Arbeitskreis für gender studies (Hg.), Kultur, Geschlecht, Körper. Münster: Agenda 1999. 316 S. ISBN 3-89688-061-6.

Der Band Kultur, Geschlecht, Körper präsentiert die Arbeitsergebnisse zweier Vorlesungsreihen von 1997/97 und 1998 zur Gender-Thematik. Einleitend wird die Verortung der Gender-Studies im Spektrum kulturwissenschaftlicher Forschungen in Erinnerung gerufen und erläutert: Insofern mit dem englischen, dort zur Bezeichnung grammatischer ›Geschlechter‹ gebräuchlichen Lehnwort ›Gender‹ explizit die soziale und kulturelle Konstruktion von Geschlechtsidentität im Unterschied zur Konzeption eines ›natürlichen‹ Geschlechts (sex) gemeint ist, widmet sich die Genderforschung konsequenterweise der (kulturell bedingten) Codierung von Geschlechtlichkeit. Auch die Herausgeber des Münsteraner Bandes verweisen auf die stimulierende Provokation durch die (Butlersche) These von der Inexistenz eines ›natürlichen‹ Geschlechts, in der – wie auch in konstruktivistischen Konzepten anderer Provenienz – die Differenz zwischen Kultur und Natur als solche aufgehoben wird (vgl. S. 10f.). Aktuell erscheint die Frage nach Residuen des Natürlichen jenseits der Codierungen vor allem von einem Standort jenseits der poststrukturalistischen Dekonstruktion tradierter Leitdifferenzen aus. Das Thema ›Körper‹ und spezifisch die Frage nach der Geschlechterdifferenz provoziert in seiner Dringlichkeit (die man in früheren Zeiten wohl ›existenziell‹ genannt hätte) die Suche nach Neuorientierungen jenseits des ›Zerfalls der großen Erzählungen‹. Die Frauen- und Geschlechterforschung befinde sich, so der von Theresa Wobbe und Gesa Lindemann übernommene Befund der Einleitung (Ciba, Hense, Van Hoorn), in einer »entsicherten Situation« (S. 11), Geschlechterforschung bewege sich an verschiedenen »Denkachsen« entlang. In dieser Situation geht es den Beiträgerinnen und Beiträgern des Bandes um systematische und historische Orientierungsmöglichkeiten.

Herta Nagl-Docekal widmet sich dem problematischen Thema der Geschlechtergerechtigkeit, der bestehenden Rechtspraxis und den Asymmetrien, die sie bezogen auf die Geschlechtszugehörigkeit von Männern und Frauen für konstitutiv hält. Gertrud Nunner-Winkler kritisiert hingegen das Differenzdenken des Feminismus, den essentialistischen Glauben an eine kategoriale Geschlechterdifferenz; sie richtet sich insbesondere gegen das ideologische Konstrukt einer »weiblichen Moral«. Der Bedeutung des Körpers in der Kontroverse um ›sex‹ und ›gender‹ ist Marie-Luise Angerers Aufsatz gewidmet, der gegen Butler die »Instabilität« des Körpers betont. Kritik an Butler übt auch Saskia Wendel, die die Beziehung zwischen Subjekt und Geschlechtlichkeit aus phänomenologischer Perspektive erörtert und dabei vor allem die Differenz zwischen ›Körper‹ und ›Leib‹ zum Leitfaden nimmt. Überlegungen Merleau-Pontys fortführend, ordnet sie die Kategorie des ›sex‹ dem eigenleiblichen Begehren zu, ›gender‹ hingegen dem Bereich kultureller und gesellschaftlicher Codierung. Eine Reihe von Beiträgen aus der Literatur-, Film- und Geschichtswissenschaft umreißen und analysieren im folgenden Beispiele für die Codierung von Geschlechtsidentität im medialen Feld. Mechthild Albert untersucht spanische Bürgerkriegsromane falangistischer Provenienz als Beispiele für die Funktionalisierung von Geschlechterklischees für die Konstruktion von Feindbildern. Sabine Schülting analysiert »koloniale Liebesgeschichten« im 18. und 20. Jahrhundert unter dem Aspekt stereotyper Frauenbilder und expliziert die Kritik dieser Stereotype durch Henry Hwangs M. Butterfly. Die Signifikanz von Geschlechterkonflikten für die Filmerzählung thematisiert Thomas Koebner, dessen Befunden zufolge der Film zwar einerseits von der Kontrastierung ›männlicher‹ und ›weiblicher‹ Identitätsmuster lebt, andererseits aber aus der Vertauschbarkeit der geschlechtlichen (Pseudo-)Identitäten besondere Effekte zieht. Einen Beitrag zur Kulturgeschichte der Frauen bietet Anne Bollmann mit ihrer Studie zu Frauenkonventen und -klöstern des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, deren Angehörige eine spezifische Textform im Grenzbereich zwischen Vita und Chronik kultiviert haben. Natalie Scholz setzt sich mit exemplarischen (und kontrastiven) Frauenbiographien in der gesellschaftlichen Umbruchszeit nach der französischen Revolution auseinander, in der adlige und bürgerliche Frauen sich gezwungen sahen, tradierte Rollenbilder und entsprechende Lebensmuster zu revidieren. Komplementär zur Frauengeschichte wird mit Thomas Kühnes Beitrag über den »Mythos der Kameradschaft« im zweiten Weltkrieg ein Stück Männergeschichte in den Blick gerückt. Die geschichtswissenschaftlichen Beiträge des Bandes gelten insgesamt weniger dem ›Körper‹ als den Rahmenbedingungen, unter denen in bestimmten geschichtlichen Epochen das Leben von Frauen und Männern codiert wurde. Insgesamt dokumentiert der Band aber eben dadurch die Konvergenz zwischen kulturwissenschaftlicher ›Körper‹- und Genderforschung und anderen Disziplinen.

 

Claudia Benthien, Haut. Literaturgeschichte – Körperbilder – Grenzdiskurse. Reinbek: Rowohlt 1999 (rororo enzyklopädie 55626). 320 S. ISBN 3-499-55626-x.

Claudia Benthien. Im Leibe wohnen. Literarische Imagologie und historische Anthropologie der Haut. Berlin: Arno Spitz 1998 (Körper, Zeichen, Kultur 4). 320 S. ISBN 3-87061-801-9.

Mit dem rororo-enzyklopädie-Band legt Benthien eine überarbeitete und gekürzte Fassung ihrer Habilitationsschrift vor; dieser Transfer in die populäre Reihe ist der interdisziplinären und diskursübergreifenden Bedeutung ihres Themas ebenso angemessen wie der beeindruckenden Fülle von Beobachtungen, die Benthien von der Haut der abendländischen Kultur abliest. Die Haut ist ein semiologisch wie physiologisch hochsignifikanter Teil des Körpers, der als »symbolische Fläche ›zwischen‹ Selbst und Welt« (S. 7) in besonderem Maße der Codierung unterliegt. Den einleitend unterstellten »Status«-Wandel der Haut in den vergangenen Jahrhunderten geht die Monographie im Rekurs auf zahlreiche Quellen nach (wobei Benthien literarische und bildkünstlerische Artefakte als kulturwissenschaftlich relevante Quellen liest). Durchgängig erweist sich dabei »Die Tiefe der Oberfläche« (so der Titel der Einleitung, 7ff.). Die einzelnen Kapitel gehen den diversen Semantisierungen der Haut und ihrer Bedeutung für metaphorische Konzepte des Ich-Welt-Verhältnisses sowie der sozialen ›Identität‹ nach: Unter dem Stichwort »Grenzmetaphern« erörtert Benthien sprachliche Wendungen, in denen es um die Haut geht, und durch welche diese symbolisch besetzt wird. Das Kapitel über »Körpergrenzen und Wissensproduktion in Medizin und kultureller Praxis« zeichnet den historischen Wandel von Körperkonzepten nach. Gerade hier bestehen wichtige thematische Konvergenzen zwischen der 1998 erschienenen Habil-Schrift Benthiens und der 1999 publizierten Habil-Schrift Albrecht Koschorkes (s.u.); beide kommen, offenbar ohne wechselseitigen Austausch, hinsichtlich der frühneuzeitlichen Modellierung des Körpers und seiner Physik zu durchaus analogen Befunden. Weitere Kapitel gelten der »Häutung« im Spannungsfeld ihrer Bedeutungen als »Enthüllung«, »Folter« und »Metamorphose«; der auf die Leinwand gebannten Haut als einem »Seelenspiegel«; der »Verrätselung« von Personen durch ihre Haut-Oberfläche (Kafka erweist sich als Fundgrube für »Körperfremdbilder«); der Imagologie von Geschlechterdifferenzen am Leitfaden der Topoi von »Panzerhaut« und »Muttermal« (hier überschneidet sich das Erkenntnisinteresse Benthiens mit dem der semiologischen Genderforschung); der »Andershäutigkeit« als Thema spekulativer ›wissenschaftlicher‹ Theorien und als Objekt literarischer Semantisierung; der »Problematik der Hautfarben im afroamerikanischen Diskurs« (wobei sich die Konvergenz von Körperthematik und kulturell-politischen Identitätsdiskursen erweist); der Beziehung zwischen »Hand und Haut«; der komplexen Valenz von »Berührungen«; der »Haut in den neuen Medien«. Benthien versteht ihre Studie insgesamt als Beitrag zu einer »Kulturpoetik«, aus deren Perspektive »das Literarische nicht als […] für sich stehendes Phänomen betrachtet […], sondern […] als eingebunden in verschiedenartigste Diskurse begriffen wird«. (S. 7) Das unter diesem Leitgedanken entfaltete Haut-Panorama ist eine ergiebige Fundgrube für Literatur- wie für Kulturwissenschaftler – und für jeden anderen, der eine Haut trägt.

 

Albrecht Koschorke, Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts. München: Fink 1999. 507 S. ISBN 3-7705-3377-1.

Koschorkes Habilitationsschrift hat, wie der Umschlagtext bereits unmissverständlich betont, zwei Themen. Das erste ist eine Wandlung des naturwissenschaftlich-medizinischen Konzepts vom Körper, die sich nach Koschorkes Befund im Laufe des 18. Jahrhunderts vollzieht. Orientierte man sich bis dahin noch, in den Spuren der antiken Humoral-Lehre, an der Idee eines »humoralen« Leibs, der in einem Flüssigkeitsaustausch mit seiner Umwelt steht, so wird diese »humorale« Konzeption, parallel zu neuen Entdeckungen in der Physik und der Naturwissenschaft, nun durch eine »neuronale« abgelöst, welche den Körper als geschlossenen, vom Nervensystem gesteuerten Organismus versteht.

Das zweite Thema des Buches ist ein nach Koschorkes Auffassung mit jenem Wandel des Körperparadigmas eng verknüpfter mediengeschichtlicher Prozess: Im 18. Jahrhundert vollzieht sich insofern eine wichtige Veränderung der Kommunikationsverhältnisse und Praktiken, als der Schriftverkehr qualitativ und quantitativ erheblich an Gewicht gewinnt. Zur Bewältigung und Kompensation physischer Abwesenheit erfindet die kommunikationsfreudige Kultur des Zeitalter der Aufklärung und der Empfindsamkeit vielfältige Schreibpraktiken, die den Schriftverkehr nicht nur ritualisieren, sondern zugleich oftmals reflektieren. Koschorke möchte den Zusammenhang zwischen medizinisch-anthropologischem Paradigmenwechsel und Schreibkultur nachweisen, um die »Anthropologie der modernen Schriftkultur« zu umreißen. Geschildert werden vor allem zwei Übergänge: von einem Modell des ›Über-Flusses‹ zu einem der in sich geschlossenen Zirkulation sowie von einer Zirkulation der Körpersäfte zur Substitution dieses Kreislaufes durch die Zirkulation der Schrift.

Als Beitrag zu einer Geschichte der Körperkonzepte macht Koschorkes Studie durch vielfältige Belege plausibel, dass und wie ›Körperlichkeit‹ der Umcodierung unterliegt und wie verschiedenste Bereiche der Wissenschaft, der Literatur und der Alltagspraxis in diesen Umcodierungsprozess verstrickt sind. Ob die Codierungen innerhalb einer Epoche insgesamt so weitgehend homogen sind, wie in der vorliegenden Studie suggeriert wird, mag dahingestellt sein. In jedem Fall bietet Koschorkes Unterscheidung des »humoralen« Leibs vom »neuronalen« einen Leitfaden, der bei der weiteren Sichtung und Auswertung von Dokumenten zur Interpretation der Körperlichkeit im 18. Jahrhundert (und später) dienlich sein kann. Koschorke bewegt sich insofern in den von Friedrich Kittlers Aufschreibsystemen gewiesenen Bahnen, als er gleichfalls voraussetzt, dass »die mediale Apparatur festlegt, wie Informationen erzeugt, übermittelt, verarbeitet und aufbewahrt werden«. Darüber hinaus jedoch seien »die als angebliche Urphänomene eingesetzten maschinellen Zeichenspeicher und -generatoren […] ihrerseits das Resultat einer ihnen vorausgehenden, im weitesten Sinn kulturell verhandelten Produktions- und Nachfragelogik« (S. 11) Das Interesse der Medientheorie müsse der »Interdependenz von technischer Medialität und Semiose« gelten – der »engen Verflochtenheit der ›Formen‹ und der ›Inhalte‹ von Zeichenvorgängen« (S. 11).

Zum Demonstrationsobjekt im Sinne dieser Interdependenzthese wird die Kultur der so genannten Empfindsamkeit, die Koschorke in bewusster Erweiterung des üblicherweise zur Periodisierung innerhalb der Literaturgeschichte verwendeten Begriffs als Schlüssel zur Aufklärungskultur interpretiert: ein Zeitalter des vielfältigen Schriftverkehrs und der damit eng verknüpften Reflexion über Schrift. In einem ersten Teil wird unter dem Leitwort »Zirkulationen« dargelegt, welchen Veränderungen die Kommunikationskultur im 18. Jahrhundert unterlag; Unterkapitel gelten der »Erotik des Umgangs« im höfischen und bürgerlichen Umfeld, den Konzepten von Liebe und Ehe, von Moral, Hygiene und ›verschlossenem‹ Körper, der »Ökonomie des Überschusses« und der Onanie. Als dominierendes Körpermodell setzt sich das Konzept des Organismus gegen das ältere hydraulische Maschinenmodell durch; parallel dazu beginnt man, die ökonomische Zirkulation organologisch zu deuten. Überschüsse, so impliziert das Modell bezogen auf die Wirtschaft wie auf den Körper, sind als »Mehrwert« kein Fremdkörper, der abgestoßen werden muss, sondern sie können und sollten re-investiert werden, um dem Kreislauf neue Kräfte zuzuführen (S. 71). In Teil II geht es um die Folgen des konzeptionellen »Umbaus des Menschen« auf den Ebenen des Physiologischen, der Empfindungen und der Semantik. Als Schlüsselkonzept für das Verständnis ›empfindsamer‹ Kulturtechniken stellt Koschorke den Typus des »kommunikativ anschlussfähigen ›inneren‹ Menschen« heraus (S. 12). Teil III bietet zum einen Analysen von Texten der empfindsamen Literatur im Zeichen der Frage nach dem sie grundierenden Körper-Seele-Modell. Zum anderen wird die korrespondierende zeitspezifische Modellierung des Schriftverkehrs nachvollzogen, die sich in mehrere Phasen gliedert: eine der Privation und des Entzugs von Präsenz, eine der geistigen Ersetzung von Präsenz, der Kompensation durch Schrift, sowie eine dritte, in der sich ein »neues Mediensubjekt« konstituiert. Die Teile IV bis VIII beleuchten die Schriftkultur seit der Empfindsamkeit aus verschiedenen Perspektiven und orientieren sich dabei vorrangig an ihren Selbstbeschreibungen, um deren innere Konsistenz darzulegen. Teil IV widmet sich speziell dem Problem der Imagination in ihrer dialektischen Beziehung zu Privationserfahrungen, Teile V und VI einer unter dem metaphorischen Leitwort der »Seeleneinschreibeverfahren« zusammengefassten komplexen Schrifttopik, VII den von der expandierenden Schriftkultur selbst reflektierten negativen Phänomenen wie der Lesesucht und der lektürebedingten Aberrationen, VIII der problematischen Dichotomie von ›Natur‹ und ›Kultur‹.

Es gelingt Koschorke, auf insgesamt überzeugende Weise die Korrespondenzen zwischen anthropologischen, physiologischen, kommunikations- und medientheoretischen sowie medienästhetischen Diskursen aufzuzeigen; sie werden ›zusammengelesen‹ im Zeichen der organisierenden Hypothese, die Kultur der Empfindsamkeit setze auf der Basis eines bestimmten anthropologischen Grundmodells auf die Homologie von ›Körperströmen‹ und ›Schriftverkehr‹. Die Tauglichkeit dieses Lesemusters zur Organisation von Einzelbeobachtungen zu einem kohärenten Gesamtbild erweist sich im Ganzen durchaus. Insofern sowohl die Konzepte des »humoralen« und des »neuronalen« Körpers als auch das von »Schrift-Strömen« und »Schrift-Verkehr« durch ihre unhintergehbare Metaphorizität geprägt sind, stellt die doppelte Thematik, der sich Koschorke zuwendet, den Leser freilich vor die oft unbeantwortbare Frage, wo die Verfasser der angeführten Belegtexte explizit und bewusst metaphorisch sprechen und wo sie der Suggestion von Metaphern in dem Sinn erliegen, dass sie sie zur Grundlage anthropologischer, physikalischer und medientheoretischer Modellbildungen machen. Analoges gilt für Koschorkes Darstellung selbst. Das ›Strömen‹ von Tinte ist doch etwas anderes als das ›Strömen‹ von Körperflüssigkeiten. Die Idee der Schrift-Stellerei lässt sich mit der Vorstellung der »Körperströme« ja auch schon deutlich weniger leicht verknüpfen. Die Idee, dass der Strom von Tinte in der empfindsamen Briefkultur die zurückzuhaltenden Körperströme ersetzt (als deren sublimiertes Surrogat), hat etwas Suggestives, zumal Schrift seit der Antike als Surrogat für ›Lebendiges‹ galt. Zu bedenken ist allerdings angesichts literarischer Texte, dass der empfindsame Brief der schönen Literatur ja gar nicht dahin-geströmt wird, sondern gedruckt (mit klebriger Materie) und dass das Manuskript zum Setzer geht, bevor es den Leser erreicht. Dies wiederum wussten die Beteiligten am literarischen Kommunikationsprozess sehr wohl. Anthropologisch-psychologische Konzepte, die sich dem Gesamtbild nicht ohne Reibungsverluste integrieren lassen, bleiben (was nicht als Einwand gegen das Bild gelten muss) eher unterbelichtet, so der Mesmerismus, dessen zentrale Idee einer Fernwirkung durch unsichtbare Kräfte (nach dem Modell der magnetischen Anziehung und Abstoßung) einen Ansatz darstellt, bei dem Kommunikation – auch wenn von einem magnetischen ›Fluidum‹ die Rede ist – in einer auch den Zeitgenossen schwer fasslichen Weise ent-materialisiert wird.

 

Gunther von Hagens/Angelina Whalley, Körperwelten. Die Faszination des Echten [Ausstellungskatalog]. Heidelberg: Institut für Plastination 10. Aufl. 2000. 296 S.

Der ›Körper‹ und seine Teile stehen seit 1997 im Zentrum eines mittlerweile an verschiedenen Orten präsentierten Ausstellungsprojekts, das viel Aufsehen erregt hat: Gezeigt werden mehr als 200 echte menschliche Präparate, die einem durch den Anatom Gunther von Hagens entwickelten speziellen Konservierungsverfahren unterzogen worden sind. (Selbst der Katalog ist eindrucksvoll.) Das menschliche Körperwasser ist dabei durch Spezialkunststoffe ersetzt worden; Körperzellen und -oberflächen bleiben in denkbar ›authentischer‹ Form erhalten und ermöglichen dauerhaft Einblicke in die Struktur von Organismus und Einzelorganen, wie sie zuvor allenfalls durch temporäre Sektionen möglich waren. Die Präparate entstanden auf der Grundlage von Körper- und Organspenden.

Es erscheint nicht abwegig, in den plastinierten Protagonisten der »Körperwelten«, die beim zum Teil faszinierten, zum Teil empörten und aufgewühlten Publikum ein Spektrum an Reaktionen zwischen frommer Bewunderung und Ekel, konzentrierter Vertiefung und Ohnmacht hervorriefen, eine Allegorie des ›Körpers‹ im Zentrum und Schnittfeld gegenwärtiger Diskurse zu sehen. Der plastinierte Natur-Kunst-Mensch erscheint insbesondere als eindrucksvolle Allegorie der Grenzlage zwischen Realem und Fiktivem, Natürlichem und Künstlichem, Authentischem und Manipuliertem, als Sinnbild all der kontroversen Ordnungsmuster, in deren Spannungsfeld sich der ›Körper‹ heute (nicht zuletzt als Folge seiner disparaten Interpretationen durch die Wissenschaft) befindet. Der Katalog zur Ausstellung dokumentiert neben den Exponaten selbst auch Reaktionen der Zuschauer – ihr Schwanken zwischen Grausen und Faszination gegenüber dem verzerrten und doch so gut wiedererkennbaren Bild ihrer eigenen Leiblichkeit. Und man mag die Aufbereitung der Körpersubstanz zum konservierten Körper-Bild in mehr als einer Hinsicht als Gleichnis der zeitgenössischen Körperkultur in ihrer ganzen Ambivalenz betrachten. Unentscheidbar bleibt insbesondere, ob dieses Verfahren den Körper devaluiert oder Ausdruck der Ehrfurcht ist. Sicher ist hingegen wohl, dass die Frage nach der Identität des Menschen, der Streit um ihren essentiellen oder konstruktiven Charakter, ja letztlich der Streit um die Leitdifferenzen zwischen Natur und Kultur, Innen und Außen immer wieder auf das eine Thema zurückführen: auf den ›Körper‹.

 

›Körper‹ ist ein Bindestrich-Thema; das zeigt unter anderem der Durchgang durch die vorgestellten Neuerscheinungen über »Körper-Inszenierungen«, »Körper-Konzepte«, »Körperwelten«, »Kultur/Geschlecht/Körper«, »Körperströme und Schriftverkehr«. Dies allein ist Indiz dafür, dass das Thema ›Körper‹ sich essentialistischen Zugriffen gegenüber wohl sperrig verhalten muss. Der Körper und sein Anderes sind zusammen zu denken, wie auch immer Letzteres bestimmt wird. Dialektische Betrachtungsweisen scheinen geboten – unabhängig von einzelwissenschaftlicher Perspektive und spezifischem Erkenntnisinteresse.

 

Prof. Dr. Monika Schmitz-Emans, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum, GB 3/60, 44780 Bochum

 

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Gedruckter Text in: KulturPoetik 1 (2001) H. 2, S. 275-289.

Ins Netz gestellt am: 22.10.2001.

Nähere Informationen finden Sie unter www.kulturpoetik.de.

Die Online-Version ist auch angezeigt im Portal
Lirez – Literaturwissenschaftliche Rezensionen.

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Anmerkungen

(1) Anne Fleig, Körper-Inszenierungen: Begriff, Geschichte, kulturelle Praxis. In: Erika Fischer-Lichte/Anne Fleig (Hg.), Körper-Inszenierungen. Präsenz und kultureller Wandel. Tübingen 2000, S. 7. [zurück]

(2) Ebd., S. 8. [zurück]

(3) Zit. nach: Transparent. Magazin der Studienstiftung 11 (2000), S. 10. [zurück]

(4) Julika Funk/Cornelia Brück (Hg.), Körper-Konzepte. Tübingen 2000, S. 7. [zurück]

(5) Vgl. u.a. Bernhard Waldenfels, Sinnesschwellen. Frankfurt/M. 1999. [zurück]

(6) Gernot Böhme, Einführung in die Philosophie. Frankfurt/M. 1994, S. 177. [zurück]

(7) Michel Serres, Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und Gemische. Frankfurt/M. 1998 [frz. Original 1985]. [zurück]

(8) Waldenfels (Anm. 5), S. 16. [zurück]

(9) Ebd. [zurück]

(10) Judith Butler, Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity. New York 1990. [zurück]