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KulturPoetik

Zeitschrift für kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft

Journal for Cultural Poetics

Band 7 (2007), Heft 1 

Rezension / Review

 

V&R

 

 

Jürgen Joachimsthaler
 

Geschichtete Räume, gedichtete Zeit(en)

 

(1) Lutz Götze, Zeitkulturen. Gedanken über die Zeit in den Kulturen. Frankfurt/M. u.a.: Peter Lang 2004. 330 S. - (2) Emma Gilby/Katja Haustein (Hg.), Space. New Dimensions in French Studies. Oxford u.a.: Peter Lang 2005. 169 S.

 

Seit Hermann Minkowski am 21. September 1908 auf der 80. Naturforscher-Versammlung zu Köln Raum und Zeit zu einem vierdimensionalen Kontinuum verknüpft und damit die Grundlage für die Erweiterung der Speziellen zur Allgemeinen Relativitätstheorie gelegt hat,(1) ist auch in naturwissenschaftlichen Kosmos-Beschreibungen selbstverständlich, was in Philosophie und Poesie seit jeher schon analogisierende oder metaphorische Praxis war: Raum und Zeit werden aufeinander abgebildet, Zeit erscheint wie eine vierte Dimension des Raums und mithin wie dieser als »eine notwendige Vorstellung, a priori, die allen äußeren Anschauungen zum Grunde liegt«.(2) Der Mensch bewegt sich in Mustern von Raum und Zeit. Zusammen mit der Phänomenologisierung erlebter Zeit und der Lebenswelt (zeitgleich zu Minkowski begonnen von Edmund Husserl) bildet dies die Grundlage für die kulturwissenschaftliche Erforschung (vorrangig) von Raum und (noch kaum) von Zeit als semantisierter Lebenssphären. Nicht der mit Hilfe geodätischer Instrumente vermessbare Raum oder die mit Hilfe der Atomzeituhr in Braunschweig objektiv quantifizierbare Zeit stehen dabei im Mittelpunkt des Interesses, sondere die kulturelle Deutung und Gestaltung, die Raum und Zeit unter wechselnden historischen, sozialen und weltanschaulichen Rahmenbedingungen konturieren - gemachter Raum und gemachte Zeit, oder, genauer, gemachte, also kulturell geformte Wahrnehmung von Raum und Zeit.

Die beiden hier zu besprechenden Bücher ordnen sich auf unterschiedliche Weise in dieses kulturwissenschaftliche Paradigma ein.


Lutz Götze, Zeitkulturen. Gedanken über die Zeit in den Kulturen. Frankfurt/M. u.a.: Peter Lang 2004. 330 S.

In einem panoramaartig breiten Überblick widmet Lutz Götze sich unterschiedlichen Zeitkulturen mit dem explizit geäußerten Anspruch, die von Kultur zu Kultur, ja oft von Subjekt zu Subjekt unterschiedliche Umgangsweise des Menschen mit der Zeit zu nutzen als Voraussetzung für das von interkultureller Toleranzethik getragene »Bemühen um Austausch und Verständigung über subjektive Zeiterfahrungen« (S. 317). Um diese Subjektivität und Relativität aller Zeitvorstellungen zu verdeutlichen, stellt er eine große Anzahl verschiedenster Zeitkonzepte aus unterschiedlichen Kulturen, Zeiten, gesellschaftlichen Teilbereichen und einander wechselseitig kaum noch wahrnehmenden Wissenschaften vor, die gerade in ihrer Vielfältigkeit zeigen, wie unterschiedlich Zeit verstanden werden kann. Zeit, das wird rasch deutlich, ist gestaltet, geformt, gedichtet - nicht umsonst behandelt Götze fiktionale Zeitdarstellungen  gleichberechtigt mit solchen ›harter‹ Wissenschaften.

Um diese Vielfalt jedoch darstellerisch bewältigen zu können, muss er ein notwendiges Wagnis eingehen. Wie nämlich lassen sich literarische, philosophische, psychologische, neurologische, phänomenologische, biologische, physikalische oder aus unterschiedlichen Epochen, Kulturkreisen, Texten oder Sprachen rekonstruierte kulturhistorische, ethnologische oder linguistische Zeitbegriffe überhaupt miteinander vermitteln? Götze verweigert sich systematisch jedem fachlich beschränkten Spezialistentum und breitet von einer Warte interessierter, gebildeten Dilettantismus (in des Wortes bester Bedeutung) nicht scheuender Universalgelehrsamkeit aus die verschiedensten Vorstellungen von ›Zeit‹ vor dem Leser aus. Einem Zeitalter der beschleunigten Wissensproduktion und alexandrinischer, das angesammelte Wissen nicht mehr beherrschender Unübersichtlichkeit angemessen greift er zurück auf die (dem Internet-Zeitalter mit seinen online-Lexika durchaus kompatible) Textform modularisierter Kompendien, die Wissen mit Hilfe geschickt ausgewählter und mit kurzer Einführung versehener Zitate in kleinen, pointierten Informationseinheiten verfügbar macht. Man darf keinen der jeweils anderen Fachbereichen oder Kulturen sich widmenden Textbausteine in Götzes Buch für sich alleine betrachten - für jeden gäbe es einen Spezialisten, der es besser könnte, der detaillierter, genauer, manchmal wohl auch richtiger wäre(3) - man muss jenseits aller Einzelkritik (die bei einem derart umfassenden Unternehmen gar nicht zu vermeiden ist) die Gesamtleistung, das aus den einzelnen Steinchen sich ergebende Mosaik als Ganzes würdigen - und dann hat Götze Wichtiges geleistet: Eine in dieser Art wohl einmalige Sammlung verschiedenster Zeitvorstellungen.

Er ordnet diese in zehn Hauptabschnitte: »Das Zeitbewusstsein der Antike«, »die Philosophen der Neuzeit« (von Kant bis zu Marx und Engels), »Das zwanzigste Jahrhundert« (von Husserl bis zu Gadamer und dem eher esoterischen Jean Gebser), »Zeitvorstellung in den Künsten« (fast nur in der Literatur), »Der Zeitbegriff in den Naturwissenschaften«, »Das Zeitbewusstsein in der Psychologie und den Neurowissenschaften«, »Philosophisch-religiöses Zeitbewusstsein« (von den altindischen Veden bis zum Zen-Buddhismus), »Anthropologische Reflexionen« (über die Mayas, »Naturvölker« in Afrika, Asien und Polynesien, japanische Zeitmaße - und die »russische Seele«),  »Sprachwissenschaftliche Reflexionen über die Zeit« (hauptsächlich ein Plädoyer des Sprachwissenschaftlers und -didaktikers Götze gegen die missverständliche Latinisierung der sogenannten »Tempusformen« im Deutschen)(4) und »Zeitsinn und Zeitwahrnehmung in der Moderne«. Jedes dieser Kapitel besteht aus mehreren Unterkapiteln von jeweils nur wenigen Seiten, auf denen jeweils ein Zeitkonzept eines Philosophen, Schriftstellers, Wissenschaftlers oder einer Kultur, einer Sprache vorgestellt wird.

Das Ergebnis ist ein modularisiertes Kaleidoskop, ein durch Leitmotive und Leitfragen in sich vielfach verlinkter Hypertext, den jeder Leser nach seinen eigenen Vorstellungen ordnen muss. Zusammengehalten wird das Ganze nicht durch ein logisches Korsett, die Kleinkapitel »sind [...] jeweils in sich abgeschlossen« (S. 11), sondern durch eine im gesamten Buch allgegenwärtige, heftige Polemik nicht scheuende Zeit-Ethik: Götze verwahrt sich mit dem steten Hinweis darauf, dass »Zeit Menschenwerk sei« (S. 10), es eine »objektive Zeit« also nicht geben könne, gegen den Anspruch nur einer, der westlichen Zeit-Kultur, ihre Zeitvorstellung dem Rest der Welt diktieren zu können. Die Abwehr dieser Anmaßung führt zu zivilisations- und sozialkritisch relevanten Einsichten: »Zeitfragen sind Machtfragen: wer die Zeit Anderer bestimmt, gewinnt Macht« (S. 11). Dass Götze in seiner engagierten Kampfansage dabei gelegentlich über das Ziel hinausschießt, beeinträchtigt seine (nicht immer gegen die Leerformeln einer überkommenen Kulturkritik gefeite)(5) Argumentation leider manchmal, wiewohl sie bei etwas vorsichtigerer Abwägung durchaus richtig wäre. So verurteilt er die Messung von Zeit, die weltweite Durchsetzung von Uhrzeit und (westlichem) Kalender als Verabsolutierung eines nur partikularen, westlich-technischen  Zeitverständnisses:  

Die Überzeugung von einer objektiven und exakt messbaren Zeit, basierend auf naturwissenschaftlichen Messverfahren, ist eine Annahme, die ihrer wissenschaftlichen Verifizierung noch bedarf. Der Begriff Zeit ist immer eine Interpretation und damit kulturspezifisch (S. 268).

Nicht die Messung von Zeit jedoch ist das Problem, sondern der kulturell geprägte Umgang mit den Messergebnissen. Auch die Hopi (auf deren Zeitverständnis die Sapir-Whorf-Hypothese um die sprachlich geprägte Relativität von Raum- und Zeitwahrnehmungen sich beruft) benutzen heute Funkuhren (ihre Kinder müssen ja pünktlich zum Schulbus), aber Uhren sagen noch nichts darüber aus, was verabredete Zeiten bedeuten: Darf - oder soll - man zu spät kommen? Wieviel? Zeitmessung ist primär - und diesen Aspekt übersieht Götze - die Voraussetzung für kommunikativen, sozialen Umgang mit der Zeit: Wer ein Treffen vereinbart, braucht einen Treffpunkt in Raum und Zeit - und Konventionen für den Umgang mit Terminen. Götzes nur zu unterstützendes Plädoyer für Toleranz anderen Zeitkulturen gegenüber wendet sich so gerade dort gegen sich selbst, wo eine allzu einseitige Verurteilung der westlichen Zeitkultur daraus wird: Der steten Ablehnung der disziplinierten westlichen Zeitmessung steht Lob für den - doch noch exakteren - Kalender der Maya in unaufgelöstem Widerspruch gegenüber (S. 192).

Götzes Plädoyer gegen die westliche Zeitkultur ist jedoch jenseits solcher Kleinigkeiten immer auch eine hellsichtige Kritik kapitalistischer Zeitnutzung und Beschleunigung (die keine Sache des »Westens« allein ist). Dem Räderwerk der Termine und immer kürzer werdenden Fristen setzt er in alter europäischer Tradition die Utopie der Muse entgegen: Der Geschäftigkeit, dem otium der Sklaven, Lohnarbeiter und von fremden Zeitvorgaben getriebenen Abhängigen das negotium, das nur dem eigenen Gutdünken folgende Leben der Freien. Aus der Perspektive des von zu viel Getriebe geplagten (und um die ökologische Verfasstheit des Planeten besorgten) geistigen Menschen entwirft Götze dabei rousseauistisch eingefärbte Gegenbilder von abgelegenen Zeitinseln voll Stille und Beschaulichkeit bei »Naturvölkern« (S. 208) und träumt von »Nischen der Entschleunigung« (S. 296); dass die von Zeitnot Getriebenen nicht unbedingt freiwillig so hektisch sind (»Deshalb sind Zeitnot und materielle Not eng miteinander verbunden«; S. 302) sieht er dabei sehr wohl. Er bleibt stehen ganz kurz vor einer kritischen Soziologie der Zeit, die die Frage nach dem Verhältnis von Zeit-Oberschicht und Zeit-Unterschicht zu stellen hätte, wie also die Zeit der einen mit der Zeitnot der anderen zusammenhängt - und die Klage der einen über die Ruhelosigkeit der anderen mit deren Getriebensein.

Man mag an diesem Buch etliche Details und manch eine Einseitigkeit auszusetzen haben, auf rein sachlicher Ebene bleibt schon die Zusammenstellung der verschiedenen Zeitmodelle ein großes Verdienst, während die polemische Seite des Buches Fragen provoziert, die weit über das hinausreichen, was ein Einzelner in einem einzelnen Buch beantworten kann - das Buch ist mit seiner Lektüre nicht ›erledigt‹, es ist - hoffentlich - der Beginn einer neuen kulturwissenschaftlichen Beschäftigung nun auch mit der Zeit.



Emma Gilby/Katja Haustein (Hg.), Space. New Dimensions in French Studies. Oxford u.a.: Peter Lang 2005. 169 S.

 

Wo Götze - und dies muss einige Eigenarten seiner Darstellungs- und Argumentationsweise entschuldigen - weitgehend Neuland betritt, bewegt sich das zweite hier zu besprechende Buch in kulturwissenschaftlich bereits fest gefügten Bahnen: ›Raum‹ wurde in den letzten Jahren interdisziplinär bereits vielfach bearbeitet und erscheint dabei (analog zur gemachten, zur gedichteten Zeit) durchgängig als das Ergebnis einer ›Production de l’Espace‹ (Henri Lefebvre). Geographisch realer Raum wird demzufolge überschrieben mit Signifikanten, Bedeutungen, kulturellen Orientierungsmarken und Handlungsanweisungen, die die Bewohner des jeweiligen Raums in eine eigene »Semiosphäre« einhüllen, die sie für die reale Welt halten mögen. Oft überlagern mehrere solcher Semiosphären sich an einem Ort, kultureller Raum besteht dann quasi aus mehreren (semantischen) Schichten.

Der Einleitung zufolge will auch dieser Band, Ergebnis einer Nachwuchstagung aus dem Bereich der britischen French Studies, »relations between signification and lived spatiality« (S. 15) verhandeln. Die meisten Beiträge legen ein aus dem aktuellen Forschungsstand abgeleitetes entsprechendes theoretisches Konzept zugrunde und wenden dieses dann auf jeweils einen (meist literarischen) Quellentext an. Der Wert des Bandes besteht denn auch nicht so sehr im Theoretischen (da gibt es kaum Neues), als im Gegenstandsbereich: Die Beiträger bestätigen den Stand der Theorie mit bisher kaum bekannten Beispielen. Die Herausgeberinnen ordnen die neun Beiträge zu drei Gruppen aus jeweils drei Texten. Die erste trägt den Titel »Spaces suffused« und wird eröffnet von Emma J. Cayley, die Texte aus der Debatte um Alain Chartiers La belle Dame sans mercy (1424) vorstellt, in der für erotische Annäherungsversuche die (für höfische Verhaltensweisen keineswegs seltene) Metapher des Schachspiels verwendet wird. Sehr viel näher am Thema bewegt sich dann Martin Calder, der »the control of physical space, both for practical entertainment, and for the symbolic manipulation of emotional and psychological experiences« (S. 41) in Gartenarchitektur und -deutung des 18. Jahrhunderts untersucht und damit den Wandel vom geometrischen Barock- zum quasi ›empfindsamen‹ und ›natürlichen‹ englischen Garten anhand von René Louis de Girardins einflussreichem Traktat De la composition des paysages und Dominique Vivant Denons Erzählung Point de lendemain (beide 1777) analysiert. Wieder ganz anderer Art ist der Raum, mit dem sich Emily Tomlinson beschäftigt: Sie stellt Assia Djebars Roman Le Blanc de l’Algérie (1995) vor als komplexe Auseinandersetzung mit den ›weißen Räumen‹, die die Ermordung algerischer Schriftsteller durch (ihrerseits vom politischen Leben ausgeschlossene) Islamisten Mitte der 1990er Jahre »at the heart of francophone Algerian culture, at the heart of francophone Algerian literature« (S. 60) hinterlassen hat.

Die zweite Dreier-Gruppe bildet unter dem Titel »Marking and Making Spaces« den in sich schlüssigsten und überzeugendsten Teil des Bandes: Alle drei Texte behandeln (im weitesten Sinne des Wortes) Probleme des Kolonialismus. Phillip John Usher beschreibt die Repräsentation des bekannten Raums auf Landkarten nach der Entdeckung Amerikas als eine Herausforderung für die bis dahin um Jerusalem als idealem Mittelpunkt der Welt zentrierte kartographische Darstellungsweise. Dem Nord-Süd-Kontrast in der kanadischen Literatur widmet sich Rosemary Chapman am Beispiel von Gabrielle Roys Roman La montagne secrète (1961), in dem etliche der binären Gegensätze, aus denen der Kontrast aufgebaut wird, dadurch in Frage gestellt werden, dass die in den Norden gewanderte Hauptperson (weiß und männlich) durch die Augen der ›anderen‹, der ›unzivilisierten‹ Ureinwohner betrachtet und damit Alterität umgekehrt wird. Kathryn Gannon schließlich rekonstruiert aus Antonine Maillets Pélagie-la-charrette (1979) ein anderes Alteritätsgefälle in Kanada: Die Bewohner der französischen Kolonie Acadia waren 1755 von den Engländern nach Georgia deportiert worden, Acadia verschwand von der Landkarte. Maillets Roman überträgt vor diesem Hintergrund alle bekannten Gegensätze zwischen Kolonisierten und Kolonialisierenden auf das Verhältnis zwischen franco- and anglophonen Kanadiern (bis hin zur Verschmelzung der Francophonen mit den indianischen Ureinwohnern). Die durchaus spannende Dialektik in dieser narrativen Konstruktion (der Machtkampf zwischen zwei Kolonialvölkern führt zur postkolonialen Gleichsetzung des Schwächeren mit den Ureinwohnern) allerdings wird von Gannon kaum ausgeleuchtet, sie begnügt sich mit zustimmender Wiedergabe (und fragt auch nicht nach deren Funktion in innerkanadischen Auseinandersetzungen).

Die letzte Gruppe von Beiträgen trägt den Titel »The Urban Species of Space« und beginnt mit einer eindringlichen Analyse des Films Hiroshima mon amour (1959, Regie Alain Resnais, Drehbuch Marguerite Duras) durch Emma Wilson, die die Schnitttechnik und damit die narrative Überlagerung von Orten und Zeiten (Hiroshima 1945, das von den Nationalsozialisten besetzte Nevers, Hiroshima 1957) auf ihre widerständig paradoxe Bedeutung hin analysiert: »creative geography, cross-cutting between locations, serves to indicate instead the ways in which no place (of self or other) can be known, no trauma recalled« (S. 131). Mairi Liston beschreibt dann die Tagebücher der Brüder Goncourt als Vorläufer von Walter Benjamins Passagen-Werk, wobei sie die intensive Beobachtungs- und Beschreibungstätigkeit der beiden auf eine Verlusterfahrung zurückführt: Die langsame Nivellierung der Ständeunterschiede (architektonisch manifestiert im Paris Haussmanns) habe sie zu einem Gestus der Entlarvung inspiriert, der es ihnen erlaubte, den neuen Reichtum der Bourgeoisie (und ihre oft prunkende Ästhetik) als ›künstlich‹, ›unecht‹ und innerlich ›leer‹ zu entlarven. Einer anderen ›Leere‹ widmet sich schließlich im letzten Beitrag Eve Richardson: Sie verbindet Marc Augés bekannte Definition der ›Nicht-Orte‹ mit Mahmoud Sami-Alis Theorie des Banalen, um auf dieser Basis zwei Romane von Jean-Philippe Toussaint und Nicholson Baker als »strategies for negotiating these spaces« (S. 160) zu interpretieren. Der Unterdrückung der Individualität in Durchgangsräumen, durch die die Passagiere mit Hilfe streng schematisierter Handlungsanweisungen hindurchgeschleust werden, begegne Literatur mit Techniken dekonstruktiver Darstellung und widerständiger Imagination, einer (so der letzte Satz des Buches) »solicitation of the subject, that provokes the function of the Imaginary in ourselves« (S. 161).

Im Einzelnen anregend wirkt der Band im Ganzen etwas konzeptlos: Die Anordnung der (zumeist lesenswerten) Beiträge bleibt ebenso undurchsichtig wie die doch oft sehr unterschiedliche Verwendungsweise von ›space‹ unreflektiert. Immerhin: Die Mehrheit der Beiträge läuft auf unterschiedliche semantische Besetzungen von Raum, auf geschichtete Räume und die Konstruktion von Zeichenwelten und Semiosphären hinaus, die Menschen in bewusste oder unbewusste Raumkonstruktionen einhüllen - vom jederzeit wieder verlassbaren Kunstgarten bis hin zur ausweglos erscheinenden ›natürlichen‹ oder kulturellen Umwelt – und sei es jener der immer mehr realen Platz einnehmenden ›Nicht-Orte‹.

Beide Bücher zusammen sind so Zeugnis eines zunehmenden Gewahr-Werdens der kulturellen Überformung der Raum-Zeit-Strukturen, des vierdimensionalen Minkowski-Raums, innerhalb dessen wir uns bewegen und orientieren. 

 


Dr. Jürgen Joachimsthaler,
Universität Heidelberg, SDF, Plöck 55, D-69117 Heidelberg; E-Mail: joachimsthaler@idf.uni-heidelberg.de

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This text is protected by copyright. All rights reserved.

Gedruckter Text in: KulturPoetik 7 (2007) H. 1, S. 122-127.

Ins Netz gestellt am: 15.04.2007.

Nähere Informationen finden Sie unter www.kulturpoetik.de.

Die Online-Version ist auch angezeigt im Portal
Lirez – Literaturwissenschaftliche Rezensionen.

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Anmerkungen

(1) Vgl. dazu Hermann Minkowski, Raum und Zeit. Berlin, Leipzig 1919. [zurück]

(2) Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft. In: Ders., Werkausgabe in 12 Bänden. Bd. 3. Hg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt/M. 1974, S. 72; zur ›Zeit‹ vgl. analog S. 78-86. [zurück]

(3) Als Philologe etwa müsste ich kritisch fragen nach dem Einfluss, den Heidegger auf Thomas Manns Zauberberg ausgeübt haben soll (so S. 108) oder warum von Nietzsche ausgerechnet Der Wille zur Macht (pikanter Weise in der von Karl Schlechta herausgegebenen Ausgabe von 1956) zitiert wird. [zurück]

(4) »Das althochdeutsche Tempussystem mit zwei Formen [...] hätte beibehalten werden sollen, weil viele Irrtümer und falsche Regeln neuerer Grammatiken dann hätten vermieden werden können« (S. 241). [zurück]

(5) Nur ein Beispiel: »Die Beschleunigung der Gesellschaft geht einher mit dem Geschwätz von Politikern und Journalisten in so genannten Talk-Shows, dieser Geräuschkulisse des Nichtigen. Begleitet wird das Trommelfeuer der Leerformeln von Trivialsprüchen der Werbebranche, die so genannte Events und Highlights ankündigt und vor allem Sprachlosigkeit verrät: Je mehr geredet und übertrieben wird, desto weniger Sinn wird vermittelt« (S. 105). [zurück]