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Eine kleine Polemik zur gegenwärtigen Methodendiskussion
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| Im Jahre 1993 forderte das Jahrbuch der Deutschen Schiller-Gesellschaft (hinter dem etwas irreführenden Titel verbirgt sich übrigens eine sehr lesenswerte Fachzeitschrift zum kompletten Themen- und Epochenspektrum der Germanistik) zur Teilnahme an einer seiner Diskussionsrunden auf; das Thema lautete: "Diskussion über das Neue in der Literaturwissenschaft. Fortschritte, Innovationen, Moden" (vgl. die Ankündigung durch Walter Müller-Seidel in: JDSG 37, 1993, S. 1-8). In den Jahrgängen 38 und 39 wurden dann insgesamt dreizehn Stellungnahmen abgedruckt. Als kleine Textprobe aus meiner wissenschaftlichen Arbeit - und zugleich als Anregung, sich auch mit anderen Beiträgen (und Positionen) vertraut zu machen und selber einmal über das Thema nachzudenken - hier meine Einsendung (JDSG 39, 1995, S. 439-444): |
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Versuch, ein Modemuffel zu sein
Als Privatdozent bin ich - ich gestehe es lieber gleich - primär nicht an Moden interessiert, sondern an Marktlücken. In seiner Zusammenfassung der ersten Diskussionsrunde annonciert Walter Müller-Seidel eine solche: "Es fehlen die Anwälte des Althergebrachten - diejenigen, die es gerne sähen, wenn alles so bliebe, wie es immer war" (JDSG 38, 1994, S. 407). Wohlan, ich bin zur Stelle! Aber halt, Vorsicht - denn wie es heißt es gleich im folgenden Satz: "Vermutlich werden sie auch weiterhin fehlen; denn sie haben es nicht leicht, mit Argumenten zu überzeugen". Die für die zweite Diskussionsrunde ausgeschriebene Stellung scheint also nicht ohne Risiken zu sein. Wird da nicht ein Schleudersitz geboten, ein Prügelknabe gesucht? Und noch einmal halt: Liegt der Stellenausschreibung nicht eine höchst problematische Prämisse zugrunde? Heißt gegen Moden zu sein denn zwangsläufig: zu wollen, daß alles so bleibt, wie es immer war? Und wie war es denn immer? Modisch zweifellos! Wäre dann aber das Gegen-Moden-Sein nicht weniger die Entscheidung gegen das Neue und für das bewährte Alte, sondern vielmehr eine Entscheidung gegen das Neueste und für das Ältere, das Neue von gestern? Gegen den Neohistorismus und für den Poststrukturalismus, gegen den Poststrukturalismus und für die Sozialgeschichte, gegen die Sozialgeschichte und für die Werkimmanenz usw. ad infinitum (oder doch wenigstens bis hin zum Anfang der Wissenschaftsgeschichte). Und ein drittes Mal halt: Das Spektrum der in den Beiträgen der ersten Diskussionsrunde geäußerten Meinungen ist tatsächlich erstaunlich eng. Verführt vielleicht durch die Behauptung, es grassiere heute allenthalben ein Mißtrauen gegenüber dem Neuen (in einigen Fällen vielleicht auch beflügelt von der Hoffnung, zusammen mit den Modegegnern gleich auch so notorische Erzbösewichter wie Handke und Botho Strauß erledigen zu können), überbieten sich die Beiträger geradezu in der Verteidigung der Moden.
Gut, vergessen wir das mit der Marktlücke. Wahr ist jedenfalls, daß ich mich nicht selten über Moden ärgere. (Das war das "coming out"!). Auf die Idee zu wollen, daß alles so bleibt, wie es ist (oder gar: wie es war), bin ich allerdings noch nie gekommen. Was also ärgert mich an Moden - und was wäre die Alternative, die mich freuen würde? 1) Das offensichtlichste Merkmal der Mode - die nouveauté - kann es nicht sein, was meinen Adrenalinspiegel erhöht. Neues heißt zwar für mich nicht Fortschritt - das noch zu glauben, wäre allzu unmodisch, selbst für einen bekennenden Modemuffel -, aber doch Abwechslung, Anregung, Impuls zu geistiger Bewegung und geistiger Beweglichkeit. Darin liegt der unbestreitbare Charme der Moden, ihr fraglosester Ertrag. Selbst wer nach solcher Bewegung auf seinen alten Platz zurückkehrt, tut es doch wenigstens mit neu gestärkter Sicherheit, mit neuen Argumenten - und vielleicht ja auch mit einigen neuen Erkenntnissen. Ein allgemein akzeptables Kriterium für die Ab- und Ausgrenzung des wahrhaft Innovativen gegenüber dem bloß Modischen (oder gar: dem "falschen Neuen") läßt sich so freilich kaum gewinnen - und wurde, wenig verwunderlich, auch in den bisherigen Diskussionsbeiträgen eher beschworen als benannt (Japp, Schulze-Buschhaus in JDSG 38). Moden und Innovationen zu unterscheiden, dürfte für den Zeitgenossen kaum möglich sein: Innovationen kommen - teilweise - von Moden, aber nicht alle Moden führen zu Innovationen, das heißt: zu dauernden (eine Zeitlang länger als Moden dauernden) Veränderungen im Mainstream. Darüber richtet, fürchte ich, allein die Geschichte. Und ob ihr Urteil immer gerecht ist, ob wirklich immer die Schlechten in den Orkus fahren und die Guten im Töpfchen der Tradition landen - wer wollte das, ohne das Sicherheitsnetz einer geschichtsphilosophischen Perspektive, noch zu behaupten wagen? 2) Dann ist es vielleicht ein anderes offensichtliches Merkmal der Mode, das dem Modemuffel mißfällt: ihr Kollektivismus, ihr Herdengeist. Da fühle ich mich schon eher angesprochen. Denn darüber sollten wir uns im klaren sein: Wenn wir von wissenschaftlichen Moden reden, dann reden wir nicht von den großen Couturiers, den kühnen Innovatoren und Erfindern selbst - dann reden wir von der Heerschar ihrer Kopisten, ihrer Anwender und Umsetzer. Damit will ich nicht Originalität gegen bloße Nachahmung ausspielen. Ich muß zwar gestehen, daß ich es persönlich immer schwer gefunden habe, vorgegebene Gedankengebäude einfach zu übernehmen - aber das mag ein genetischer Defekt sein oder eine Folge falscher Lektüre (einmal den ersten Absatz von Kants 'Was ist Aufklärung?' gelesen - es ist niemals gutzumachen ...). Für besonders originell habe ich mich deswegen aber nie gehalten. Originalität, wir haben es inzwischen wohl alle begriffen, ist ein karges Gut, dessen knappe Ressourcen auf verschiedene Weise und in verschiedenen Graden eingesetzt werden können - durchaus auch in der Applikation vorgefundener Ideen. Nein, das eigentliche Problem liegt in den Mechanismen dieser Aneignungsprozesse: Was ich selbst erfunden (oder nach kritischer Prüfung übernommen) habe, das verändere ich nach Belieben, zumindest solange ich nicht zum Dogmatiker meiner selbst geworden bin. Foucault etwa hat mit sich selbst ständig ein eigenwilliges Hase-Igel-Rennen gespielt: Wenn der Theorie-Hase seine Zielfahne aufgepflanzt hatte, war der Praxis-Igel schon wieder in einer ganz anderen Diskursfurche unterwegs. Für den gläubigen Foucault-Schüler jedoch werden die Schriften des Meisters - oft, allzu oft - zum sakrosankten Dogmengebäude, das nur noch ehrfürchtig ausgelegt werden darf.
Um all das nicht nur zu behaupten, sondern wenigstens ansatzweise zu belegen, vor allem aber um zu zeigen, daß dies zwar der gängige aber keineswegs der einzig mögliche Umgang mit Moden ist, hier ein kleines, beliebig ausgewähltes Beispiel: Die Rede vom "Tod des Subjekts" gehört sicher zum Bereich aktueller germanistischer Moden. Der Subjekte dieser Rede sind viele, und alle reden sie ein bißchen anders. Da ich aber nun schon einmal Foucault als Beispiel gewählt habe, bleibe ich bei ihm, genauer: beim frühen, noch vor-genealogischen Foucault, der die Diskursanalyse schon erfunden, die Machtheorie jedoch noch nicht entdeckt hat. Was für Vorstellungen verbindet er denn - sagen wir: in der 'Archäologie der Dinge' - mit dem (horribile dictu) "Subjekt"?
Soweit Foucault. Sicherlich gibt es auch heute noch vereinzelt Leute, die an das Subjekt glauben, das die 'Archäologie' mit großer Geste dekonstruiert. Zu Recht stellt sich jedoch schon Foucault in die Tradition einer langen Ahnenreihe von Depotenzierern des Subjektkonzepts idealistischer Provenienz: Marx, Nietzsche, Freud, die Strukturalisten - haben sie uns die alten Träume nicht längst gründlich verdorben? Und dennoch: Heißt das wirklich, daß wir das Subjekt in Bausch und Bogen verabschieden müssen? Wäre es nicht möglich (und heuristisch ungleich produktiver), statt dessen, die genannten Einwände aufgreifend, Subjektivität/Individualität anders, differenzierter zu entwerfen?
Wichtiger noch: Statt mit monotoner Gleichförmigkeit vom Tod des Subjekts zu reden und alle zu verachten, die dieses Erkenntnisfortschritts (soviel zum Mythos der "posthistoire"!) noch immer nicht teilhaftig geworden sind, statt also nur gläubigen Theorieimport zu betreiben - sollten wir uns als Literaturwissenschaftler nicht gerade hier auf das uns eigene Erkenntnispotential besinnen?
3) Mindestens ebenso sehr wie dieser ständige, nie eingestandene Verrat am ureigensten, allein berechtigten Pathos der Mode, ihrer nouveauté, stört mich noch ein zweites Phänomen, das freilich genausowenig notwendige Konsequenz von Innovation und Theorieimport ist: der terreur der Moden.
Mit Verlegern und Presse hat dieser terreur übrigens wenig zu tun, eher schon mit den Mechanismen des Wissenschaftsbetriebs, der in seiner alexandrinischen Potenzierung nach Abwechslung giert, und mit der institutionellen Hierarchie des Universitätsbetriebes, in der die Rebellen von gestern mit dem Einrücken in Machtpositionen nicht selten ihre Vorgänger an Dogmatik noch weit überbieten. Mindestens für den Blick des historischen Relativisten hat es immer Moden gegeben und nur Moden; auch Traditionen und Kontinuitäten sind in sie einbezogen, auch sie wandeln sich, nur langsamer, unauffälliger. Heute mag es mehr Moden geben als früher und sie mögen schneller wechseln - aber vielleicht ist selbst das nur eine Täuschung, ein Blick auf die Gegenwart mit den "Mikroskopaugen" (der fehlenden Distanz) des Zeitgenossen. Moden gab und gibt es - faktisch, unvermeidlich und vielleicht deswegen ja auch: phänomenal, jenseits von Gut und Böse. Was sie letztlich unschuldig macht - zugegebenermaßen nur sub specie aeternitatis oder wenigstens aetatis -, ist die Unabwendbarkeit ihres Vergehens. (Das gilt natürlich nicht für ideologische Normierungen, die dem Wissenschaftsbetrieb vom Staat oder anderen Autoritäten vorgeschrieben werden; die sollte man aber besser nicht als "Moden" bezeichnen).
Manfred Engel
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FR 4.1 -
Germanistik / Universität des Saarlandes Letzte Überarbeitung: 22.07.2003 (me) |