Fachrichtung SLAVISTIK, Universität des Saarlandes  
     
   
 
 
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Gegenstand der Slavistik

Slavistik (Slavische Philologie) im weiteren Sinne ist eine wissenschaftliche Disziplin, deren Untersuchungsgegenstand die Kultur der slavischsprachigen Völker, der Slavia, ist. Da der Untersuchungsgegenstand im wesentlichen sprachlich abgegrenzt ist, liegt der Schwerpunkt der Slavistik in denjenigen Bereichen der Kultur, die sprachliche Mittel einsetzen, d.h. in der Sprache selbst (Slavische Sprachwissenschaft) und in der Literatur (Slavische Literaturwissenschaft). Die anderen Bereiche der Kultur werden aber immer auch mit berücksichtigt.

 Die Slavistik beschäftigt sich grundsätzlich mit allen slavischen Sprachen und den durch sie vermittelten kulturellen Inhalten. Es handelt sich deshalb bei ihr um keine Einzelphilologie. Vielmehr ist es ihre Aufgabe, in Lehre und Forschung das nötige Rüstzeug zu vermitteln bzw. anzuwenden, mit dessen Hilfe man sich in ein beliebiges Gebiet der Slavia vertieft einarbeiten kann. In der Regel geschieht dies durch Schwerpunktsetzung (mit aktiver Sprachbeherrschung und vertieftem Wissen in einer oder zwei Sprachen) und durch Vermittlung allgemeinslavischer, vergleichender Kenntnisse. So kann die Slavistik dem Anspruch gerecht werden, alle Slavinen (d.h. alle slavischen Einzelsprachen und -kulturen) in Lehre und Forschung zu berücksichtigen (auf vergleichender Ebene), ohne deswegen auf die notwendige wissenschaftliche Tiefe (in den Schwerpunkten) verzichten zu müssen.


 

Die slavischen Sprachen

Slavische Sprachen werden von ungefähr 300 Millionen Menschen muttersprachlich gesprochen; sie bilden damit in Europa die zahlenmäßig stärkste Sprachgruppe. Russisch ist die größte Einzelsprache in Europa und die siebtgrößte Sprache weltweit (bezogen auf die Zahl der Personen, die sie als Muttersprache sprechen). Das slavische Sprachgebiet erstreckt sich über Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa und umfaßt die meisten Länder des ehemaligen Ostblocks.

 Dieses Gebiet teilen sich mehr als ein Dutzend Standardsprachen, die gewöhnlich aufgrund struktureller Gemeinsamkeiten und geographischer Lage in drei Gruppen zusammengefaßt werden. Fast alle diese Standardsprachen haben in einem Land offiziellen Status. Die Angaben zur Zahl derjenigen, die diese Standardsprachen sprechen, schwanken stark (in der Übersicht geschätzte Angaben in Millionen). Kulturell ist das Gebiet verschiedenen Einflußbereichen zuzuordnen: dem westlich-abendländischen (Slavia romana), dem byzantinisch-orthodoxen (Slavia orthodoxa) und am Rande dem islamischen (Slavia islamica), was sich im allgemeinen auch in den verwendeten Schriften widerspiegelt (lateinisch bzw. kyrillisch).

Gr.  Standardsprache Landessprache in: Zahl Schrift  Kulturkreis
Polnisch  1 Polen 40  lat.
Niedersorbisch  2 (Brandenburg)  0.01 lat.
West  Obersorbisch  3 (Sachsen) 0.05 lat.
Tschechisch  4 Tschechische Republik  10 lat. Slavia romana
Slovakisch  5 Slowakei lat.
Slovenisch  6 Slowenien  lat.
Kroatisch (-)  7 Kroatien    lat.
(Bosnisch  8 Bosnien-Herzegowina  17 lat./kyr.Slavia 
islamica)
Süd  Serbisch (-) 9 Republik Serbien kyr.
Makedonisch  10 Mazedonien kyr.
Bulgarisch  11 Bulgarien  kyr.
Russisch  12 Rußland  150  kyr. Slavia orthodoxa
Ost Ukrainisch  13 Ukraine  45  kyr.
Weißrussisch  14 Weißrußland 10  kyr.

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Geschichte der Slavistik

Die Slavistik hat sich an den Universitäten im deutschsprachigen Raum verhältnismäßig spät etabliert. Slavische Sprachen wurden aber schon vor der Einrichtung besonderer Lehrstühle für Slavistik im Rahmen der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft mit vertreten. Von dieser Seite gab es auch immer wieder Bemühungen um die Etablierung der Slavistik als selbständiger Disziplin. Der zweite wichtige Impuls ergab sich aus der Tatsache, daß Deutschland an slavischsprachige Länder angrenzt und (v.a. bis 1918) über beträchtliche slavischsprachige Bevölkerungsteile verfügte (und bis heute verfügt: man denke an das sorbische Gebiet, an die fast eine Million Polnischsprachiger oder an die heute meist slavischsprachigen Aussiedler/innen). Der Schwerpunkt der Slavistik lag deshalb zunächst auch im Osten Deutschlands (Einrichtung von Lehrstühlen in Breslau 1842, in Leipzig 1870, in Berlin 1872). Weitere Lehrstühle wurden bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts an wenigen größeren Universitäten eingerichtet.

 Nach dem zweiten Weltkrieg nahm die Entwicklung der Slavistik im Westen und im Osten (in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR) einen unterschiedlichen Verlauf. In der DDR wurde die Russistik bevorzugt ausgebaut, die Gesamtslavistik dagegen zurückgedrängt. An größeren Universitäten wurden dafür Einzelphilologien eingerichtet; dadurch war die Slavia an der Universität insgesamt vertreten, aber nicht gesamthaft im Rahmen eines Studiengangs studierbar. In der Bundesrepublik wurde das Prinzip der Gesamtslavistik beibehalten und zunächst meist im Rahmen relativ kleiner Institute verwirklicht (eine Professur). In den sechziger und siebziger Jahren setzte sich allmählich eine Erweiterung auf zwei Professuren durch (eine für Sprachwissenschaft, eine für Literaturwissenschaft), immer unter Beibehaltung der Leitidee der Gesamtslavistik. Nur vereinzelt kam es zu einer stärkeren Differenzierung nach einzelnen Slavinen. Zum Ausbau der Slavistik in der Bundesrepublik trug auch bei, daß Russisch in den Fächerkanon der Gymnasien aufgenommen und damit zur Schulsprache wurde.

 Nach der Wiedervereinigung ergab sich bei der Erneuerung der Hochschulen in der ehemaligen DDR das Problem, daß die Russistik (im Verhältnis zu Nachfrage und Bedarf) im allgemeinen zu gut ausgebaut war, während die Slavistik weitgehend fehlte. In seinen Empfehlungen zu den Geisteswissenschaften an den Universitäten der neuen Länder hat der Wissenschaftsrat eine Mindestausstattung für die Slavistik vorgeschlagen, die im wesentlichen die Konzeption der Gesamtslavistik weiterführt, hinsichtlich der personellen Ausstattung aber über dem Durchschnitt dessen liegt, was in den Universitäten der alten Länder vorhanden ist.

 Eine neuere Erscheinung im universitären slavistischen Angebot ist die Einrichtung spezialisierter Ausbildungsangebote, die Kultur und Sprache eines slavischen Landes in Intensivkursen einem nicht Slavistik studierenden Personenkreis vermitteln. Das älteste Beispiel ist das Polonicum in Mainz; eines der jüngsten Beispiele ist das Bulgaricum in Saarbrücken. Diese Ausbildungsangebote werden in der Regel vom slavistischen Institut der betreffenden Universität betreut.

 Was die Nachfrage von seiten der Studierenden angeht, so liegt die Slavistik zwischen den kleinen Fächern und den Massenfächern mit z.T. regional bedingten beträchtlichen Unterschieden. Dazu kommt, daß sie "konjunkturabhängig" ist. Der allmählichen Zunahme in den sechziger und vor allem siebziger Jahren folgte eine stark gestiegene Nachfrage ab der Mitte der achtziger Jahre (Einfluß der Politik der Öffnung), dieser wiederum ein merkliches Abflauen in den neunziger Jahren (Entwicklungen in Rußland und insbesondere auf dem Balkan). Gleichzeitig ist eine Verlagerung des studentischen Interesses festzustellen: während die Russistik z.T. starke Einbußen erleidet, wächst die Nachfrage nach andern, insbesondere westslavischen Sprachen und Kulturen.


 

Stellung der Slavistik innerhalb der Geisteswissenschaften

Traditionell ist die Slavistik aus der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft hervorgegangen. Zu diesem ersten Schwerpunkt gesellte sich, wie bei anderen Philologien, sehr rasch die Literaturwissenschaft. Da es sich bei der Slavistik nicht um eine Einzelphilologie handelt, ist sie stark komparatistisch (und zwar bezüglich Sprache und Literatur) ausgerichtet. Sie ist ihrer Struktur nach am ehesten der Romanistik vergleichbar.

 Trotz vieler Gemeinsamkeiten mit anderen Philologien unterscheidet sich die Slavistik in manchen Punkten deutlich von anderen fremdsprachlichen Philologien und insbesondere von den sogenannten Schulfächern. Da slavische Sprachen und die Kultur slavischsprachiger Länder in West- und Mitteleuropa nicht zum allgemeinen Wissenskanon gehören, obliegt es der Slavistik, Grundwissen auf diesen Gebieten zu vermitteln, und zwar sowohl für die eigenen Studierenden als auch für weitere Kreise. Darüber hinaus hat sie dafür zu sorgen, daß slavische Aspekte bei übergreifenden Themenstellungen mit berücksichtigt werden. Dies gilt insbesondere für die allgemeine Sprachwissenschaft und für die literaturwissenschaftliche Komparatistik (in der Geschichte wird die slavische Komponente meist im Rahmen von Lehrstühlen für Osteuropäische Geschichte berücksichtigt). Für die allgemeine Sprachwissenschaft sind slavische Sprachen deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie zu den mit am besten wissenschaftlich untersuchten Nicht-SAE-Sprachen (Standard Average European, d.h. im wesentlichen germanische und romanische Sprachen) gehören und weil gerade von der slavischen Sprachwissenschaft wichtige theoretische Impulse für die allgemeine Sprachwissenschaft ausgegangen sind und noch ausgehen. Im Bereich der Komparatistik kann die Slavistik die traditionell eher germanisch - romanisch ausgerichtete Betrachtungsweise zu einer gesamteuropäischen Perspektive erweitern.

 
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