Fragt man einen Japaner nach dem Wesen des Sumô, so hört man mit großer Wahrscheinlichkeit die drei Worte "shin gi tai" (shin=Herz (Seele, Geist, Kampfgeist, gi=Können
(Kunstfertigkeit, Technik), tai=Körper (Körperbeschaffenheit)). Nur ein Ringer, der alle drei Eigenschaften in sich vereint, kann ein großer Meister des Sumô werden.
Früher waren die zukünftigen rikishi Bauern- oder Fischersöhne aus dem hohen Norden von Hokkaidô und Tôhoku oder aus dem tiefen Süden von Kyûshû. Da sie schon immer ein hartes und
entbehrungsreiches Leben hatten, scheuten sie sich nicht vor dem harten, von vielen Regeln bestimmten Leben, das sie beim Eintritt in ein heya
erwartete. Heute gilt dies nicht mehr. Die meisten Ringer sind Jugendliche aus allen sozialen Schichten, die aufgrund ihrer sportlichen Leistungen (Schulsumô, Karate, Judo usw.) oder wegen ihres Körperbaus herausragen.
15 Jahre - Größe:
Berufsringer 177,1cm - Mittelschüler 163,7cm
15 Jahre - Gewicht:
Berufsringer 98,6kg - Mittelschüler 51,6kg
16 Jahre
- Größe:
Berufsringer 180,2cm - Mittelschüler 164,6
16 Jahre - Gewicht:
Berufsringer 102,0kg - Mittelschüler 54,7kg
aus: Möller; Sumô, 1994. Daten von 1979.
Viele junge Ringer werden von der gesellschaftlichen Hochachtung oder vom Materiellen angezogen. Die Eltern befürworten den Eintritt in ein heya, weil sie glauben, daß ihr Sohn dort eine
strenge, gute Erziehung erhält und daß er zu einem "richtigen" Mann heranwächst.
In den letzten Jahren ist die Zahl der Nachwuchsringer sprunghaft angestiegen. Die durchschnittliche Anzahl lag
immer bei etwa 800, Mitte 1993 stieg sie jedoch auf 920. Der Sumô-Verband ist jedoch nicht glücklich über diese Entwicklung und möchte in Zukunft strengere Aufnahmeprüfungen einführen.
Die Grundvoraussetzungen für einen sumôtori sind (es dürfen dabei maximal drei Ausländer in jedem heya aufgenommen werden):
1. Man muß männlich sein. (Frauen dürfen unter keinen
Umständen den Ring betreten. Dies führte 1990 zu einem großen Konflikt, da die damalige Kultusministerin Mayumi Moriyama
den Siegespokal am Ende eines Turnieres überreichen persönlich wollte.) Mädchen dürfen diesen Sport nur bis zum Ende der Grundschulzeit ausüben.
2. Die Pflichtschulzeit muß absolviert sein
(seit 1970). Der Bewerber muß allerdings unter 23 Jahre alt sein. Für Ringer aus dem Universitäts-Sumô liegt die Grenze bei 25 Jahren.
3. Der angehende Ringer muß eine Mindestgröße von
173 cm und ein Mindestgewicht von 75 kg haben. Außerdem muß er den medizinischen Erwartungen (Untersuchung des Lungenvolumens, des Blutes, des Blutdrucks und der allgemeinen Körperkraftmessung) entsprechen.
Nach dem ersten Jahr geben von 10 Ringern etwa 5-7 wieder auf.
Ein heya
ist eine großfamilienartige Lebens-, Wohn- und Trainingsgemeinschaft, die auf streng hierarchischer Ordnung basiert. Jedes Mitglied hat einen Platz mit festumrissenen Rechten und Pflichten, der sich ausschließlich nach der Stellung auf der Rangliste richtet. Ein verheirateter
sekitori hat das Recht, nach dem Mittagessen nach Hause zu seiner Familie zu gehen.
Der typische Tagesablauf eines unverheirateten Ringers während der Vorbereitung auf ein
Meisterschaftsturnier sieht folgendermaßen aus:
Ringer der unteren Ränge
5 Uhr Aufstehen
7 Uhr Training
8 Uhr Training oder Putzen u. Aufräumen
9 Uhr Vorbereitung des Mittagessens
11 Uhr sekitori beim Baden helfen
12 Uhr sekitori beim Essen bedienen; Baden; Mittagessen
14 Uhr Aufräumen, Spülen etc.
15 Uhr Mittagsschlaf
17 Uhr Besorgungen für das heya
18 Uhr Freizeit oder Training im Kraftraum
20 Uhr Abendessen und Freizeit
23 Uhr Schlafen
Ringer im sekitori-Rang
7 Uhr Aufstehen
8 Uhr Aufwärmphase
9 Uhr Training
11 Uhr Baden
12 Uhr Mittagessen; Freizeit
14 Uhr Mittagsschlaf
17 Uhr Freizeit
18 Uhr Abendessen (oft auswärts)
20 Uhr Freizeit
24 Uhr Schlafen