Heute ist der vorletzte Tag meiner Reise nach Kyoto. Gerade besichtige ich den Tofuku-ji. Ich ziehe meine Schuhe aus und gehe über den glatten Holzboden vorsichtig
auf den Steingarten des Tempels zu. Fasziniert vom Anblick des Gartens setze ich mich zwischen die wenigen japanischen Touristen auf die warmen Holzstufen. Zeit zum Nachdenken. Wie bin ich eigentlich
in dieses schöne Land gekommen? Wie in diesen wunderbaren Tempel im sommerlichen Kyoto? Es ist ruhig. Die Menschen um mich herum sind ganz leise, wollen einander nicht stören. So erlebe ich es
oft in Japan. Selbst in Tokyo, dieser wilden Stadt mit ihren vielen Bewohnern finde ich oft Ruhe. Sogar in den grossen Bahnhöfen vermisse ich das überlaute Stimmengewirr, dass ich aus Deutschland kenne. Das
ist eine sehr beeindruckende und unerwartete Erfahrung. Der Tofuku-ji liegt etwas abseits vom Touristenstrom südllich des Kyoto-eki. Den Tip, hierher zu kommen, bekam ich von einer Angestellten
im Touristenbüro der Stadtverwaltung. Sie sagte es sei der schönste Tempel in Kyoto. Nun weiss ich zwar nicht, ob er wirklich der Schönste Kyotos ist, aber es ist der Schönste, den ich besichtigte.Am
ersten Tag meiner Reise nach Kyoto habe ich den Ryoanji gesehen und am darauffolgenden Tag führte mein Weg vom Heian-Schrein zum Chion-in Tempel. Von diesem einzigartigen Ort war ich so begeitert, daß ich
fast drei Stunden dort verbrachte.
Von Kyoto aus unternahm ich zwei Ausflüge. Einer ging nach Himeji, der andere nach Nara. Dort erlebte ich einen schwül-heißen Tag und eine sehr geschäftige Bevölkerung.
Erst gegen Abend erfuhr ich, daß es sich geloht hatte, die Hitze zu ertragen. Ich hatte das Glück, ein großes Laternenfest mitzuerleben. 3000 Laternen waren im Bereich um einen großen Schrein herum beleutet.
An die wunderbare romantische Stimmung dieses Abends werde ich mich noch lange erinnern.
Auch wenn ich in diesem Augenblick die schweißtreibende Hitze vergesse, ist es hier in Kyoto viel heißer als
in Tokyo. Vor allem die angenehm kühlen Stunden des frühen Vormittages genieße ich sehr.
Mein Tag fängt gewöhnlich morgens um 7:30 Uhr an. Das Frühstück mit Frau Koike, meiner Gatsgeberin, ist meist die
einzige Zeit des Tages, die wir zusammen verbringen. Ich stelle ihr viele Fragen und sie berichtet mir über ihr Land, die Menschen, die Gesellschaft, das Essen, die Kultur. Manchmal erzählt sie auch von
ihren Erlebnissen in Deutschland und wir tauschen viele persönliche deutsch-japanische Erfahrungen aus. Die Zeit mit Frau Koike ist wunderbar und ich beneide schon jetzt meine Nachfolger.
Nach dem
Frühstück gehe ich zur U-Bahn-Station und fahre nach Shinjuku, einem für europäische Verhältnisse überdimensional großen Bahnhof. Von dort sind es nur noch wenige Meter bis zur Sprach-Schule
Asahi-Culture-Centre. Die Schule, im 15. Stock eines neuen riesigen Hochhauses, hat einige kleine Klassen. Ich studiere im Level 2 des Intensiv-Kurses und meine Klasse besteht aus 8 Teilnehmern. In diesem
Sommerkurs lernen wir ca. 250 Kanji und viele verschiedene Verbformen. Ich bemerkte, daß die japanische Grammatik sehr logisch aufgebaut ist. Die Vielzahl der verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten und
Höflichkeitsformen ist mir jedoch immer noch ein Geheimnis. Der Unterricht findet nur in japanischer Sprache statt. Drei Stunden rein japanische Konversation pro Tag haben mich in meinem Studium weiter
fortschreiten lassen.
Nach dem Unterricht fahre ich nach Ochanomizu. Dort hospitiere ich in der Kanzlei von Prof. Kigawa. Meine Aufgabe ist es, drei Gutachten über das deutsche Insolvenzrecht anzufertigen.
Die drei Papiere geben einen Überblick über den Regelungsinhalt des deutschen Anfechtungsrechts innerhalb und außerhalb der Konkursordnung. Es wird das Gestz in geltender Form beschrieben und mit der 1999 in
Kraft tretenden Neuregelung verglichen. Zuletzt habe ich mich mit der gleichen Rechtsmaterie für Österreich beschäftigt. Die Arbeit macht mir sehr viel Spass. Das Thema reizt mich als praxisrelevantes
Gebiet, welches durch seine kommende Neuregelung auch einen starken aktuellen Bezug hat. Durch die drei Arbeiten habe ich entdeckt, daß ich sehr gerne wissenschaftlich arbeite.
In der Kanzlei nehme ich
außerdem an einem Seminar zum deutschen Zivilprozeßrecht teil, wodurch ich Kontakte zu japanischen Jurastudenten knüpfte.
Da ich mit viel Freude bei der Arbeit bin, komme ich oft erst gegen neun Uhr abends
aus dem Büro. Mein Alltag ist also dem Rhythmus der Stadt, in der ich lebe, angepaßt. Selbst an den Wochenenden bleibt kaum Zeit auszuruhen. Ich genieße es trotzdem fast jedes Wochenende, etwas neues zu
endecken. So durfte ich an einem Zazen-kai teilnehmen. Der Bruder meiner Gastgeberin hat mich mit nach Kamakura genommen, wo ich meine ersten Unterweisungen erhielt.
Durch eine Lehrerin in der Sprachschule
bekam ich die Gelegenheit, einem Ocha-kai beizuwohnen. Es ist ein sagenhaftes Erlebnis zu sehen, mit welcher Präzision und Eleganz jeder Handgriff ausgeführt wird.
An anderen Wochenenden besuche ich
neugewonnene Freunde außerhalb Tokyos und treffe eine japanische Freundin, die ich schon seit einigen Jahren aus Europa kenne. Es ist eine herrliche Zeit, aber manchmal, wenn ich gerade von einer neuen
Entdeckung heimkehre, wünsche ich mir, meine Tage in Tokyo hätten 30 Stunden.
So geht es mir auch jetzt, wenn ich den Steingarten verlassen muß. Ich wünschte mir sehr, ich könnte noch einige Tage in
Kyoto bleiben. Noch vielmehr wünschte ich mir, länger in Japan bleiben zu können. Leider kann ich darauf jetzt nicht hoffen. Aber ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch, denn ich bin sicher,
daß mein Weg mich nicht zum letzten Mal hierher geführt hat.
Christine Gärtner