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XXIX. Deutscher Romanistentag

Europa und die romanische Welt

Saarbrücken, 25. - 29. September 2005

ANKÜNDIGUNG FÜR SEKTION 14: Postmoderne Lyrik - Lyrik in der Postmoderne

Leitung: Gerhard Penzkofer (Würzburg)

Abstracts

Kurt Hahn (München)
Ici en deux“ – Das Subjekt und die Materialität in André Du Bouchets luftigem Schreiben

Das Verschwinden des Subjekts in der Zeichenmenge treibe postmodernes Schreiben, so die gängige Auffassung, in die Aporie. Bevorzugter Vermittlungsmodus, dem zersetzenden Diskursgewirr stattzugeben, sei dabei auch im Gedicht das entgrenzende Textspiel. Mit bestechender Kontinuität reflektiert die Dichtung von André Du Bouchet (1924-2001) zwar diese lyrische condition postmoderne, unterschreitet sie aber radikal. In Verschärfung moderner Schreibverfahren (Mallarmé, Reverdy) inszeniert Du Bouchet die Seite als Schnittfläche zwischen Darstellung und Dargestelltem, auf der sich die Dissemination herrenlos ausbreitet und zugleich ein hybrider Dialog der Stimmen, Werke und Gattungen statt hat. Auf der Schwundstufe von Repräsentation – Berg, Feuer, Erde, Luft modellieren in Überblendung mit dem Schreibort fortwährend dasselbe Szenario – wird jedoch Begriffen wie Materialität, Medialität und Performanz eine andere, wenn man so will: elementare Dimension zu Teil: Anhand späterer Texte (z.B. Rapides, Axiales, Ici en deux) will dieser Beitrag zeigen, dass in Du Bouchets Zeichenkonstellationen sich eine Körperlichkeit abdrückt, die immerhin Spuren von Subjektivität verrät. Seine écriture aérée vollzieht performativ den Atemrhythmus nach und markiert in der Signifikantenmaterialität die Schritte des Gehenden, ohne dass dessen Weg durch die (semiotische) Natur eine Ankunft bei sich implizieren müsste.

 

Gerhard Penzkofer (Würzburg)
Metamorphosen des Raums. Zur spatialistischen Lyrik von Pierre und Ilse Garnier

Die französische Nachkriegszeit ist auch für die Lyrik eine Zeit der Experimente. Die Lettristen entwerfen Hypergraphien und Buchstabenbilder. Das eben entwickelte Tonband hält phonetische Kollagen fest, Verbophonien, „audio-poèmes“, „Gedichtpartituren“, Sprechaktionen und „Schreirhythmen“ („crisrythmes“). Es gibt kybernetische Gedichte, kinetische Gedichte, Gedichte für bewegte Rezitation. In diesen historischen Kontext gehört auch der Spatialismus, dem sich Pierre und Ilse Garnier bis heute verschrieben haben. Der Spatialismus ist anfangs eine besondere Variante der konkreten Poesie. Wie diese entdeckt er die räumliche Präsenz und Materialität sprachlicher Zeichen. Er entwickelt Wortskulpturen, topologische und geometrische Zeichengebilde, Kollagen und Mandalas, Ideogramme oder Piktogramme. Diese Konstellationen (im Sinne von Eugen Gomringer) sagen nicht aus, sondern manifestieren ihre eigene Präsenz. Sie sind autoreferentiell. Deshalb bilden sie kein Ventil für Gefühle und Gedanken, sondern suchen den engen Bezug zu naturwissenschaftlichen und soziologisch fundierten Kommunikationsaufgaben. Als radikale Entgrenzung und Erneuerung der poetischen Sprache, als Zeichenkritik und experimentelle Kommunikation steht der Spatialismus in direktem Zusammehang mit den modernen Avantgarden. Meine Überlegungen gehen nun dahin, dass sich diese ästhetische und zeichenkritische Programmatik spätestens seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts verändert. Garnier zerstört in seinen späten Texten die Materialität der Zeichen, der Buchstabenräume und Wortkonstellationen. Seine Bildfiguren sind asketische Erinnerungen an Bildlichkeit. Verloren geht die Autoreferentialität der Gedichte. Ihre Kompositionen beziehen sich nicht auf sich selbst, sondern auf ausgedehnte Referentenkomplexionen. Dabei wird auch Geschichte reflektiert. Die spatialistische Poesie wird narrativ. Auf diese Weise finden Garniers Texte zu einer semantischen Fülle und plénitude zurück, die an die antiken Figurengedichte und carmina cancellata des Mittelalters erinnern mag. Die Texte machen diese Fülle nicht anschaulich, sie verwirklichen und sie vermehren sie nicht. Aber sie beschwören ihre Präsenz, erinnern an sie, machen sie vorstellbar. Der Spatialismus wird zu einer Imaginations- und Meditationskunst. Diese Befunde sind vielleicht, so meine Hypothese, als Symptome postmoderner Einflussnahmen zu deuten, die den späten Spatialismus als eigentümliche Überlagerung moderner und postmoderner Denk- und Gestaltungsfiguren ausweisen.

 

Wolfram Nitsch (Köln)
Photographie und Schrift bei Gérard Macé

Spätestens seit Baudelaires mit einer Widmung an Nadar versehenem Sonett Le rêve d’un curieux hat auch die Lyrik an der literarischen Modellierung des Photographischen teil, die bislang hauptsächlich an narrativen Texten untersucht worden ist. Konsequent entfaltet wird eine solche intermediale Auseinandersetzung mit dem Lichtbild jedoch erst in der Lyrik des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts, insbesondere bei Gérard Macé. An Prosagedichten aus seinem Band La mémoire aime chasser dans le noir (1993) soll vor dem Hintergrund seiner essayistischen Arbeiten über Schriftlichkeit und Bildlichkeit dargelegt werden, inwiefern sich lyrische Rede als «photographie sans appareil» darbieten und inwiefern sie dadurch die ihr zeitgenössische theoretische Reflexion über das Photographische bereichern kann.

 

Irmgard Scharold (Erlangen)
La tentation de l’anonyme – Die französische Lyrikerin Esther Tellermann

« Puisque je ne suis pas maître du mot qui surgit, du poème antérieur ou à venir, mais que tous ceux qui m’ont précédé, investissent mon geste, lui donne l’intelligence et la limite de l’élève. » (E. Tellermann)

Der Dominanz des Symbolischen – greifbar auch in den literarischen Diskursen der großen Autoren – setzt die französische Lyrikerin Esther Tellermann (*1947) eine Schreibweise bewusster Askese entgegen. Tellermann schreibt und argumentiert aus einer post-freudianischen und post-lacanianischen Perspektive heraus, die sich der ‚unheimlichen Wiederkehr’ der immer schon geliehenen Worte („paroles empruntées“) ebenso bewusst ist wie sie um das Primat des Signifikanten weiß. Statt die Stimmen der großen Dichter („ces voix des grands saisis de poésie“) im parodistischen intertextuellen Spiel zu dekonstruieren, sucht sie die Auflösung dieser stets erinnerten Filiationen in deren polyphoner Verschmelzung, die sie als Anonymisierung begreift, als eine systematische Ent-leerung von tradierten Bedeutungen und Mythen, als ein Abschleifen der Form und eine Distanzierung von der Historie. Tellermanns Texte, deren Ästhetik an die Werke eines Giacometti oder Beckett erinnert, erweisen sich so als Palimpseste, die in der Geste des Ausradierens von Konzepten wie Subjektivität, Originalität, Tradition und Geschichte diese zugleich noch einmal aufrufen und dadurch eine eigentümliche Duplizität gewinnen, in der alles zu einem eigentümlichen ‚entre-deux’ gerinnt: Zwischen Realität und Traum, zwischen Kollektivität und Individualität gewinnen ihre lyrischen ,Erzählungen’ eine neue archetypische Qualität.

Ausgehend von den poetologischen Reflexionen der Lyrikerin will der Beitrag die Situierung des Œuvres (1976–2004) zwischen Moderne und Postmoderne diskutieren.

 

Elisabeth Bauer (Regensburg)
Voyage en Digitalie. Französische Lyrik im Zeichen des Computers

Mit der digitalen Revolution des ausgehenden 20. Jahrhunderts ist im Kontext der neuen Medien (i.e. Computer & Internet), eine neue literarische Gattung entstanden: die digitale Literatur. Als genuine Literaturform des Computermediums schöpft sie ihre ästhetische und stilistische Differenz aus dessen technischen Prämissen.
Dabei knüpfen, für das Französische, die digitalen Werke überraschend eng an die Traditionen der Printliteratur an, so dass sich insbesondere die Kategorien der Narrativik und Lyrik im digitalen Medium wieder erkennen lassen.
Während die narrativen Werke, der Name Hyperfiction verrät es, auf dem Strukturprinzip des Hypertextes basierend die narrativen Instanzen der Strukturanalyse verändern und dezidiert auf eine ausgeprägte Benutzerintegration abzielen, vertieft die digitale Lyrik die Kluft zwischen den Gattungen auch auf medial-formaler Ebene, indem sie auf die hypertextuelle Superstruktur verzichtet.
So verbannt das Konzept poésie et art programmés eines Philippe Bootz den Gedichtleser/User ganz aus dem Werk, beraubt ihn jeglicher Teilhabe und beansprucht militant, ganz für sich zu bestehen. Die Betonung des Eigenwerts von Typographie und Seitenlayout lenkt den Blick auf die Materialität des Textes, vielmehr auf dessen Virtualität; die medial erweiterte Nachfolgerschaft zur Konkreten und Visuellen Poesie wird darin offenkundig. Das Gedicht als Film, dessen multimediale Protagonisten Text- und Bildanimationen sind, setzt den Leser einer dem Computermedium untypischen, und daher umso intensiver empfundenen, Entschleunigung aus. Ergänzt durch eine dadaistisch anmutende Theatralik der Lautlichkeit des Gedichtes wird der „Textkörper" flüchtig und immateriell: Das Gedicht als Ganzes wandelt sich zum systemgesteuerten Ereignis, zum Anti-Happening, das nur passiv beobachtet werden will und sich den eingeübten Interaktionsversuchen des Users konsequent entzieht.
Diese einander diametral entgegenstehenden ästhetischen Strategien und Ansprüche der Hyperfiction und der digitalen Poesie schlagen sich symptomatisch bereits in ihren Distributionsformen nieder: Sind die Hyperfictions für eine maximal große Leserschaft frei zugänglich im Internet verfügbar, erscheinen die digitalen Gedichte nahezu ausschließlich auf CD-ROM im Rahmen von höchst spezialisierten Magazinen in kleiner Auflage, z.B. “alire” und “DOC(K)S”. Sie entziehen sich so der Inflation vorgeblicher Information und dem Zufallskonsumenten im Internet – der parnassische Anspruch elitärer Lyrik hat sich also bis ins Computerzeitalter gerettet. Der mépris dem Massenpublikum gegenüber zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass einige digitale Dichter ihre Werke ausschließlich für Mac und nicht PC konzipieren.
Vielfältig, geradezu rhizomatisch sind die historischen Rückbezüge der gegenwärtigen digitalen Dichtung, ihr (post-) modernes Erbe lässt sich nicht leugnen. Die digitale Revolution hat sich also für die (digitale) Poesie weich in Samt gekleidet. Dennoch ist der Verdacht eines simplen Medienwechsels unbegründet – aus alten Versatzstücken und neuem medialen Kontext hat sie sich ein unverwechselbares Antlitz geschaffen.

 

Monika Sokol (Bayreuth)
Anmerkungen zur Postmoderne-Diskussion aus der Perspektive der Rap-Forschung

                                            Die Realität ist die Zukunft der Leute von gestern
                                            Kool Savaz feat. Azad, All 4 One (2005)

Die Bezeichnung Rap geht auf das afroamerikanische Verb to rap (urspr. ,schlagen, treffen‘) zurück, das seit dem 18. Jhd. in der Bedeutung ,treffend / gekonnt / versiert verbal agieren (sprechen)‘ belegt ist. Rapping bezeichnete zuerst also eine schwach formularisch grundierte Diskurstechnik, die in oralen Diskurstraditionen ausgebaut, tradiert und kultiviert wurde. Metonymisch erweitert bezeichnet der Begriff Rap heute ein musiko-diskursives Genre bzw. eine genre-konstitutive Verbindung aus rhythmisch dominierter musikalischer Textur und integriertem, elaboriertem Diskurs. Medial und transkulturell hybrid und insgesamt postmodern anmutend geriet Rap zunächst ins Blickfeld von Cultural Studies und New Musicology, die Bindung der Praxis an bestimmte gesellschaftliche Gruppen weckte das Interesse von Soziologen und Ethnographen. Aufgrund der eher gesprochenen als gesungenen Realisierung und der Erkennbarkeit lyrischer Verfahren wurde es dann auch immer üblicher, Rap als (para)literarische bzw. (para)lyrische Gattung zu betrachten - und textwissenschaftlich zu analysieren.
Ich möchte in meinem Beitrag zeigen, inwiefern die vielen Arbeiten, die Rap als Phänomen einer wie auch immer definierten Postmoderne klassifizieren und analysieren, wesentliche Aspekte der Genre-Praxis übersehen oder sogar bewusst ausblenden. In einem zweiten Schritt wird es dann darum gehen, gerade diese ausgeblendeten Bereiche in den Fokus zu stellen und für die Diskussion des Postmoderne-Begriffs im Bereich künstlerischer Ausdrucksformen im allgemeinen und lyrischer im besonderen fruchtbar zu machen.

 

Thorsten Greiner (Würzburg)
“L’ipotesi che tutto sia un bisticcio”. Zur Lyrik des späten Montale

Die Frage, ob das, was man Postmoderne nennt, nicht nur in Erzählliteratur, sondern auch in der Lyrik Spuren hinterlassen hat, die auf eine Literatur von Rang deuten, hängt nicht allein davon ab, was man als typisch postmodern ansieht, sondern auch davon, wie man sich die Weiterentwicklung der modernen Lyrik im 20. Jahrhundert vorstellt. In ähnlicher Weise wie man die Postmoderne weniger als Bruch denn als Radikalisierung bestimmter Ausprägungen der Moderne auffassen kann, ließe sich eine ab dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts einsetzende Transformation des so wirkungsmächtigen Paradigmas der hermetischen modernen Lyrik denken, bei der sich Merkmale des Postmodernen wie der Verlust eines emphatischen Subjektbegriffs, der Hang zum Spiel mit fremder Rede oder die Grenzöffnung zu Trivialkunst mit dem verbinden, was den Modellcharakter des hermetischen Paradigmas der Moderne seit seinen Anfängen ausmacht: der Spannung von Irrationalismus und Reflexion (Baudelaire: „Deux qualités littéraires fondamentales: surnaturalisme et ironie“), die etwa bei Rimbaud im Programm eines „raisonné dérèglement de tous les sens“ erscheint, nach dem ersten Modernisierungsschub der Avantgarden des 20. Jahrhunderts sich in den Gegensatz einer reflexionsdominierten (Valéry) und einer irrationalistischen Komponente (Surrealismus) aufspaltet, um ab den 30er Jahren zu ganz unterschiedlichen Varianten einer Dialektik der beiden Pole zurückzukehren (Saint-John Perse, Char, Bonnefoy).
Die größte Schwierigkeit eines solchen Versuchs, in der Lyrik Moderne und Postmoderne miteinander zu vermitteln, scheint in der offensichtlichen Unvereinbarkeit einer souveränen Gegenschöpfungsästhetik der Moderne mit dem Spielcharakter der Postmoderne, die den Glauben an autonomes Imaginieren verloren hat, zu liegen. Doch ist daran zu erinnern, dass das dialektische Modell moderner Lyrik eine Verbindung aus Fremd- und Selbstbestimmung, aus dem Abenteuer der Auseinandersetzung mit dem Irrationalen, ganz Anderen und der reflektierten Inszenierung dieses Abenteuers darstellt (und dass Ricardous Formel von der Ablösung der „écriture d’une aventure“ durch die „aventure d’une écriture“ für moderne Lyrik insofern nicht gilt, als in ihr beide Modi schon immer zusammenfielen). Zu postulieren wäre für eine postmodern beeinflusste moderne Lyrik also so etwas wie eine entmystifizierte Dialektik des alten Paradigmas, bei der das emphatisch Fremde ebenso wie das emphatisch Eigene entzaubert wurde. Beides, das Faszinosum des Irrationalen und seine kalkulierte Inszenierung, präsentiert sich von nun an in schlichterer Form, ohne deshalb an Prägnanz einzubüßen. Die Dialektik von Fremd- und Selbstbestimmung kann sich jetzt als Hingabe an ein Spiel mit fremden Diskursen manifestieren, dessen Regeln der Spielende selbst zu erfinden hat. Im beiläufig unauffälligen Inszenieren des Spiels hält sich jener Rest an Subjektivität, auf den die Gattung Lyrik selbst in Zeiten der Postmoderne nicht verzichten zu können scheint.
Die hier skizzierte Hypothese einer Beziehung zwischen dem literarhistorischen Faktum moderner Lyrik und der Postmoderne soll an einem Klassiker der italienischen Lyrik des 20. Jahrhunderts erprobt werden. Beim späten Montale findet sich fast nichts mehr von der zwar kargen, aber immer noch deutlich symbolhaft verdichteten Welt der Naturdinge aus dem Frühwerk. Schon die Werktitel aus den 70er Jahren weisen auf ein heterogenes Gemisch („Satura“, 1971) bzw. auf eine Hinwendung zum Alltäglichen („Diario del '71 e del '72“, 1973 und „Quaderno di quattro anni“, 1977), mit der das Prosaisch-Triviale bald aperçuhaft zur sarkastischen Demontage metaphysischer Gewissheiten eingesetzt, bald in der Form von Zitat oder Redefetzen sprachspielerisch in den Dienst einer Semiose gestellt wird, in der sich ein Ich nur noch ironisch seiner selbst versichern kann.

 

Martha Kleinhans (Würzburg)
Patrizia Valduga: violente Mystik und lyrisches Medikament

Vieles spricht dafür, die Gedichte der italienischen Lyrikerin Patrizia Valduga (geb. 1953 in Castelfranco, Veneto) nicht unter das Signum der Postmoderne zu stellen, scheint sie doch einen bewusst elitären Dichtungsbegriff zu vertreten, der mit Zeitgeist und Zeitgeschmack, mit vergnüglicher Konsumierbarkeit von Lyrik nichts zu tun haben will. Die Überflutung unserer Gesellschaft mit Fernsehbildern und einem den Massenmedien entlehnten reduktionistischen Jargon sind ihr ein Gräuel. „Il vero ,terminale’, in fede mia, / è chi ama Benni, la Tamaro, Eco... / chi palpita per la similpoesia...“ – Wahrlich unheilbar krank ist, so polemisiert sie in der Gedichtsammlung Corsia degli incurabili, derjenige, der postmoderne Bestsellerautoren wie Stefano Benni, Susanna Tamaro und Umberto Eco schätze. Einem solchen Schreiben verweigert sie die Zuordnung zur Poesie.
Es stellt sich die Frage, ob Valdugas ambitionierte Lyrik mehr als selbstbewusste Pose ist, und weiter, ob sie sich vielleicht nicht doch innerhalb der Postmodernediskussion verorten läßt. Anhand ausgewählter Analysebeispiele zeigt der Vortrag wesentliche Charakteristika ihres Dichtens auf und konfrontiert sie mit postmodernen Lyrikkonzepten. Darf man diese Lyrik zu Recht als originellen neolirismo verstehen, der der italienischen Lyrik des 21. Jahrhunderts frische Impulse zu geben vermag?
Valduga bevorzugt geschlossene Strophenformen wie das Sonett, traditionelle Metren und Reime, deren obsessionelle Züge ihr nicht verborgen bleiben. Die Dichterin glaubt an die therapeutische Funktion von Lyrik und deutet etwa in der triadischen Mehrdeutigkeit von Medicamentum als Pharmakon, Gift und Liebestrank die Zielrichtung an. Schreiben ist für sie Mittel gegen die Angst, aber auch ein Ritual, sich dem Tode zu exponieren. Wie die Widmung eines Lyrikbandes „a chi combatte i berlusconi della terra“ offenbart, scheut sie sich keineswegs vor politischer Positionierung, im Vordergrund steht aber stets das Ringen mit Sprache, die Sorge um die Sprache („vogliono assassinare l’italiano!“), das subtile und sensible Feilen an der Sprache. Nicht so sehr die Reihe der evozierten Dichter als das formvollendete Gewebe aus intertextuellen Zitaten und Gegenwartssprache, die Kombination von kruder Alltäglichkeit (bis hin zur Pornographie) mit der ‚hohen’ Tradition italienischer Poesie (in einer eigentümlichen Reihe von Jacopone da Todi, katholischen Barockdichtern, Pascoli, Manzoni, Montale bis Rébora) schafft faszinierend-irritierende lyrische Kunstwerke, die den gängigen zeitgenössischen Tendenzen der Lyrik entgegenlaufen und sie doch nicht völlig ignorieren können.
Zahlreiche Aspekte von Valdugas Lyrik könnten auch unter dem Stichwort ‚postmodern’ subsumiert werden. Beispielsweise entbehrt ihre Selbstcharakterisierung als religiöse Dichterin nicht der Provokation, erscheint diese als Teil eines wohl kalkulierten, permanenten Tabubruchs. Valdugas Dichtung wird zudem von einer kruden Obszönität beherrscht, die alle erdenklichen Phasen und Mechanismen des Sexualaktes benennt. Auch vor degoutanten Inszenierungen schreckt sie nicht zurück: In Donna di dolori reflektiert eine Frau, deren Körper bereits bestattet ist und sich in Auflösung befindet, über sich und die Welt. Religiöse Rituale und Textstrukturen (z.B. in Requiem) werden mit extremen Formen der Sexualität und des Todes verknüpft und erzeugen den Eindruck einer profanisierten Mystik. Onomatopoetische Klangexperimente fokussieren aktuelle Probleme wie beispielsweise das Krankheitsbild der Bulimie in Altri medicamenta 1980-1982. Immer wieder sucht Valduga schließlich die intermediale Begegnung, etwa mit dem Theater und - wie jüngst in Manfred - mit der Malerei.

 

Robert Fajen (Würzburg)
Poesie der Überschreibung: Zur Lyrik der gioventù cannibale

Die Literatur des italienischen pulp, die wegen ihres Hangs zur grellen Gewalt in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts für Skandale sorgte, kann als provokante Radikalisierung der Postmoderne verstanden werden. Die Autoren der gioventù cannibale heben in ihren Texten ästhetische, mediale und moralische Grenzen auf, indem sie z. B. amerikanische Horrorfilme ebenso wie Alessandro Manzoni zitieren, die Trash-,Kultur‘ des Massenmediums Fernsehen mit Fragmenten des naturwissenschaftlichen Diskurses verknüpfen oder metatextuelles Raffinement mit kruder Pornographie mischen. Angesichts der Entwicklung des postmodernen Paradigmas ist es freilich wenig überraschend, dass die italienischen Pop-Literaten bislang narrative Formen bevorzugt und mit lyrischen Texten – wohl wegen der geringen Breitenwirkung – allenfalls am Rande experimentiert haben. Dies hat sich erst 2001 schlagartig geändert, als bei Einaudi der Gedichtband Nelle galassie / oggi come oggi der drei ,Kannibalen‘ Raul Montanari, Aldo Nove und Tiziano Scarpa erschien. Innerhalb von zwei Tagen war die Erstauflage des in der renommierten Reihe Collezione di poesia publizierten Buches vergriffen. Sein Erfolg liegt in seiner Konzeption begründet: Die drei Autoren bezeichnen ihre Texte als Covers und beziehen sich dabei auf die in der Pop-Musik gängige Praxis, bekannte Lieder in neuen Arrangements zu interpretieren. Die Gedichte von Nelle galassie / oggi come oggi nehmen diese Form der réécriture beim Wort und inszenieren einen spielerischen Dialog mit prominenten englisch- und deutschsprachigen Pop-Songs aus den letzten vierzig Jahren: Die italienischen Texte ,überschreiben‘ die fremdsprachigen Texte und erfinden so eine neue Stimme für eine Musik, die das Lebensgefühl einer ganzen Generation geprägt hat. Ziel des geplanten Vortrages wird es zum einen sein, die unterschiedlichen literarischen Verfahren genauer ins Auge zu fassen, die in Montanaris, Noves und Tizianos Cover-Versionen verwendet werden; zum anderen soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit Nelle galassie / oggi come oggi als postmoderne Lyrik den ästhetischen Konzeptionen der modernen Avantgarden entgegengesetzt ist.

 

Stefanie Rubenis (München)
15 Desideri von Alda Teodorani – ein Audio Art Book

15 Desideri ist ein Art Book, das 15 Erzählungen enthält, die sowohl gedruckt und mit Bildern illustriert sind, als auch von der Autorin (auf CD) gelesen werden, während ihre Stimme von einer eigens dafür komponierten Musik unterlegt ist. Es handelt sich um ein hybrides Gebilde aus Text, Klang und Bild. Die Erzählungen könnte man mit „noir erotico“ beschreiben. Ich möchte diskutieren, ob dieses von der Autorin erfundene genre als postmoderne Prosa an der Grenze zur Poplyrik beschrieben und historisch verortet werden kann und ob damit eine neue Strömung in der italienischen Literatur erkennbar wird, zu der man etwa auch Aldo Nove und vor allem Lello Voce zählen kann.

 

Hans Paschen (Stuttgart)
„Mit den Dingen sprechen“: poesia anti-diarréica. Das Verhältnis der Poetik João Cabral de Melo Netos zur Diskussion um die Postmoderne

Die historische Phase der „Postmoderne“ ließe sich vielleicht, angesichts der großen Heterogenität der künstlerischen Realisierungen in dieser Zeit, am besten als eine Phase der kritischen Selbstbesinnung abendländischer Tradition in der Zeit vom zweiten Weltkrieg bis zum Fall der Mauer beschreiben. Der kulturellen „Peripherie“ käme so gesehen in derselben Zeit die Rolle einer beginnenden Selbstaffirmation in einer zunehmend globalen Kultur zu. Im Zusammenhang der brasilianischen Literaturgeschichte stellt sich die Periodisierung der Modernismen allerdings ohnehin anders dar, indem die Avantgardebewegung selbst bereits in unterschiedliche Phasen zerfällt, so dass die „Postmoderne“ einigen Autoren als ein „terceiro modernismo“ (Moisés) erscheint.
Die zeitliche Erstreckung des dichterischen Werks von João Cabral de Melo Neto (von O Engenheiro 1945 bis Sevilha andando 1990) deckt sich mit dieser Zeitspanne und bietet sich daher an, verschiedene Aspekte dieser Entwicklung aus der Sicht einer peripheren Literatur zu thematisieren. Die Leitfrage der Untersuchung ist also, wie sich dieses Werk zu verschiedenen künstlerischen Tendenzen bzw. theoretischen Polemiken dieser Zeit verhält.
Dabei wird zuerst die Beziehung zur unmittelbar vorangehenden Avantgardebewegung unter Berücksichtigung der brasilianischen Literaturverhältnisse betrachtet, um dann die Poetik von João Cabral de Melo Neto anhand von Werkbeispielen aus unterschiedlichen Schaffensphasen – Morte e Vida Severina (1956) im Zusammenhang mit der Diskussion um Sartres Begriff der engagierten Literatur; Educação pela pedra (1966) im Zusammenhang mit der poesia concreta – einigen Aspekten der Diskussion um die Postmoderne gegenüber zu stellen. Schließlich werden die Wandlungen der Poetik in den Werken nach Educação pela pedra in Bezug auf die Postmoderne-Diskussion in Betracht gezogen.

 

Itzíar López Guil
Escaparates y venenos en la última poesía de Felipe Benítez Reyes

El poeta español Felipe Benítez Reyes es, sin duda, uno de los creadores más inquietantes de cuantos integran la corriente lírica postmoderna que ha dado en llamarse poesía de la experiencia. Ya en sus primeros poemarios se ponen de manifiesto dos formas bien distintas de concebir la poesía, mostrándose una inequívoca adhesión por aquella que caracterizará Vidas improbables (1994), libro que fue galardonado con el Premio Internacional Ciudad de Melilla, el Premio Nacional de Poesía y el Premio Nacional de la Crítica. Vidas improbables es un poemario en el que, a modo de antología poética, un Yo ficticio presenta la biografía y obra de varios poetas-personaje ordenadas diacrónicamente. Según creo haber demostrado en otros trabajos, Vidas improbables logra plasmar, llevándolas al límite, algunas de las máximas propias de la lírica postmoderna española: la ficcionalización del Yo poético y un concepto de la tradición literaria en tanto que "legado múltiple que, una vez parcelado a gusto del consumidor, cada cual asume, interpreta y finalmente engrandece o trivializa según su capacidad y entendimiento"1 . Ahora bien, la original puesta en escena de esta poética en Vidas improbables constituye la culminación de un proceso iniciado en poemarios anteriores y no podía sino traer aparejado un cambio en las estrategias discursivas que Felipe Benítez Reyes desplegará en libros posteriores: de ellas trataré de dar cuenta en mi comunicación, centrándome especialmente en su Escaparate de Venenos (2000).

1F. Benítez Reyes, Paraísos y mundos, Madrid, Hiperión, 1996, p. 22.

 

Marco Kunz (Bamberg)
Lyrik und Terrorismus: Die Madrider Attentate vom 11. März 2004 und ihre poetische Verarbeitung

Nach den Bombenanschlägen auf Madrider Vorortszüge am 11. März 2004 reagierten zahlreiche, vor allem spanische SchriftstellerInnen mit Texten auf das furchtbare Ereignis, unter andrem wurden auch Lyrikanthologien publiziert mit Gedichten, die direkt auf die Attentate Bezug nehmen: Manuel Rico (ed.), 11 de marzo 2004. 114 poemas contra el olvido (Bartleby, 2004), und VV. AA., Madrid, once de marzo. Poemas para el recuerdo (Pre-textos). Die Attentate, wie schon zuvor der 11. September in den USA, stellten eine Reihe von für die Postmoderne als typisch bezeichnete Ideen grundsätzlich in Frage: z.B. "anything goes", "déclin des métarécits de légitimation", "simulation", "end of history", usw. Kann eine "postmoderne" Ästhetik (d.h. für mich in erster Linie eine Ästhetik, die sich durch eine Bündelung spezifischer formaler Merkmale als "postmodern" bezeichnen lässt) die Krise und womöglich den Bankrott postmodernen Denkens überstehen angesichts eines Terrorismus, der unter Ausnutzung postmoderner Medien vormoderne Werte propagiert, und einer konservativen Renaissance, die unter dem Vorwand der Antiterrorkompagne teils ebenfalls antimoderne Züge trägt?

 

Henriette Partzsch (Genf)
Rhetorik des Authentischen

Die Zeit nach dem Ende der grossen Erzählungen hat ihren eigenen Mythos geschaffen: die Geschichte vom Schwinden des Wirklichen in der totalen Simulation. Der Mensch der Postmoderne bewohnt demnach eine Welt, die sich nur noch als ein Spiel von Spiegeln begreifen lässt und in ihrer totalen Virtualisierung umso nachdrücklicher auf dem Wert des Authentischen beharrt. In der Diskussion dieser Diagnose wird mit Vorliebe auf die neueren Medien wie Film, Fernsehen, Computerspiele und Internet verwiesen; die Lyrik erscheint, wenn überhaupt, in diesem Zusammenhang eher als leicht anachronistische Bastion des Widerstandes, gehört sie doch zu den Gattungen, die weniger kohärente Realitätsentwürfe schafft als vielmehr deren Brüche aufspürt.
Ein Blick auf die Situation im Spanien der letzten 20 Jahre des 20. Jahrhunderts lässt jedoch vermuten, dass gerade die Lyrik von dieser postmodernen Problematisierung der Simulation von Authentizität betroffen ist. Ich schlage daher vor, die verwirrende Vielfalt der dichterischen Strömungen in Spanien (poesía de la experiencia, poesía del silencio, nuevo poesía social, realismo sucio etc.) nicht als Beispiel des Slogan „Anything goes!“ aufzufassen, sondern sie vielmehr als unterschiedliche Antworten auf die gemeinsame Herausforderung des Schreibens in der Simulation zu lesen, eine Herausforderung, die allerdings nicht völlig neu ist, sondern als Spannung zwischen Schein und Wahrheit das lyrische Sprechen mindestens seit seiner Verwandlung in einen gedruckten Diskurs begleitet und antreibt.