Die Dynamik des Fremderlebens in Situationen der interkulturellen Zusammenarbeit

gefördert duch die Volkswagen-Stiftung, Forschungsschwerpunkt

"Das Fremde und das Eigene - Probleme und Möglichkeiten interkulturellen Verstehens"

(Förderungszeitraum: 01.10.1997 bis 30.09.2000)

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Dr. Bernd Krewer,
Dipl.-Psych. Markus Bredendiek,
Dipl.-Psych. Alexander Scheitza,
Dipl.-Psych. Eberhard Schenk

Problemstellung:

In einer Zeit voranschreitender Internationalisierung kommt erfolgreicher Zusammenarbeit mit fremdkulturellen Partnern eine entscheidende Bedeutung zu. Schwierigkeiten, Mißverständnisse, aber auch die besonderen Potentiale von interkultureller Kommunikation und Kooperation werden zumeist ausschließlich auf grundlegende kulturelle Unterschiede zurückgeführt. Es wird davon ausgegangen, daß die unterschiedliche kulturelle Herkunft der beteiligten Personen deren Erleben und Handeln entscheidend prägt und so zu verschiedenartigen Situationsdeutungen führt.

Demgegenüber sind wir der Ansicht, daß der Erfolg und Mißerfolg interkultureller Begegnungen nicht nur von dem Grad der kulturellen Differenz abhängt. Das Erleben und Verstehen von "Fremdem" in interkulturellen Situationen stellt sich unseres Erachtens vielmehr als Prozeß dar, bei dem verschiedene Einflußgrößen aufeinander einwirken.

Ziele:

Ziel unseres Forschungsprojektes ist es, das in der gegenwärtigen Forschung vorherrschende Erklärungsschema divergierender "Kulturstandards" weiter auszudifferenzieren. Um einen Einblick in die Dynamik von Prozessen des Fremderlebens und des Fremdverstehens zu gewinnen, halten wir eine Analyse der Wechselwirkungen von personaler, sozialer und kultureller Identität mit den jeweiligen Kontextparametern der interkulturellen Handlungssituation für wesentlich.

Unser Forschungsinteresse richtet sich auf folgende Einzelfragen:

  • In welchem Ausmaß wirken personbezogene, soziale, kontextspezifische und kulturelle Einflußgrößen auf das Erleben und Verstehen von Fremdheit in Situationen der interkulturellen Zusammenarbeit ein?
  • Wie wirken diese verschiedenen Variablen zusammen?
  • Lassen sich innerhalb einzelner Variablen Typen identifizieren, die mit spezifischen Formen des Fremderlebens und -verstehens einhergehen?
  • Lassen sich aus der Kenntnis personaler, sozialer, kultureller und kontextueller Bedingungen gerichtete Indikationen für Personalauswahl und Personalentwicklung mit dem Ziel der Steigerung interkultureller Kompetenz gewinnen?

Untersuchungsteilnehmer:

Diese Fragestellungen werden wir an ca. 400 Probanden erforschen, die in zwei unterschiedlichen Formen der interkulturellen Zusammenarbeit tätig sind. Zum einen handelt es sich um deutsche AuslandsmitarbeiterInnen der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit in verschiedenen kulturellen Kontexten tätig sind. Zum anderen werden AuslandsstudentInnen untersucht, die sich im Studienkolleg der Universität des Saarlandes auf ein Hochschulstudium in Deutschland vorbereiten.

Untersuchungsaspekte:

Die Teilnehmer der Untersuchung werden einerseits bezüglich ihres Fremderlebens und ihres Fremdverstehens befragt. In Hinblick auf das Fremderleben werden Situationen identifiziert, die von den Probanden in der interkulturellen Zusammenarbeit als besonders problematisch bzw. konflikthaft erlebt werden. Zur Bestimmung des Fremdverstehens werden darüber hinaus die Erklärungen und Lösungen interkultureller Problem- und Konfliktsituationen auf darin enthaltene Attributionsmuster und Ethnozentrismustendenzen analysiert.

Als Einflußgrößen, die auf das Fremderleben und Fremdverstehen in der interkulturellen Zusammenarbeit einwirken, werden andererseits (a) personbezogene Daten, (b) soziale Identität, (c) kulturelle Identität und (d) verschiedene Kontexte der Zusammenarbeit erfaßt. In Hinblick auf die personbezogenen Daten werden biographische Daten, Vorerfahrungen im Kontakt mit anderen Kulturen, die Motivation zur gegenwärtigen Zusammenarbeit, Erwartungen und Befürchtungen bezüglich interkultureller Zusammenarbeit sowie das reale und ideale Rollenverständnis erfragt. Darüber hinaus werden an dieser Stelle bei den Probanden Aspekte erhoben, die in der Fachliteratur häufig als Kriterien und Prädiktoren interkultureller Kompetenz genannt werden. Im einzelnen sind dies: die soziale Distanz zum Partner, die Belastbarkeit bei Unsicherheit erzeugenden Situationen (Ambiguitätstoleranz), die Sensibilität für kulturelle Unterschiede, das Selbstkonzept, die Haltung gegenüber der anderskulturellen Umgebung (Interkulturalitätsstrategie), die Fähigkeit zur Übernahme fremder Rollen sowie die Fähigkeit zu komplexem und systemischem Denken.

Als Varianten sozialer Identität werden Geschlecht, Alter, Ausbildung und Beruf der Probanden unterschieden. Die Variable kulturelle Identität ist bestimmt durch die kulturelle Herkunftsregion des Kooperationspartners. Die Kontextvariation ergibt sich aus den unterschiedlichen Bezugsrahmen Entwicklungszusammenarbeit oder Auslandsstudium, aus verschieden Projekttypen und Stellenanforderungen der Entwicklungszusammenarbeit sowie aus dem Ort der Zusammenarbeit (Deutschland oder Partnerland).

Praktische Verwendbarkeit der Ergebnisse:

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sollen dazu beitragen, Bedingungen und Qualität des Einflusses kultureller Differenzen auf die Kooperation und Kommunikation von Partnern aus verschiedenen Kulturräumen genauer einzuschätzen und vorherzusagen. Die identifizierten Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Variablen sind in diesem Sinne auch für die Praxis interkultureller Personalauswahl und -entwicklung nutzbar. Mit Hilfe unserer Ergebnisse lassen sich zum Beispiel Schlüsselkriterien für die Auswahl von Auslandsmitarbeitern bestimmen. Außerdem werden wir auf Grundlage des Datenmaterials ein Dokumentationssystem entwickeln, das bei Angabe einzelner oder kombinierter Personmerkmale, Gruppenmerkmale, Kontextcharakteristika und Kulturraumnennungen die Wahrscheinlichkeit bestimmter Konfliktbereiche einschätzbar macht. Auf diese Weise können Ziele interkulturell ausgerichteter Personalentwicklungsmaßnahmen konkreter formuliert und systematischer umgesetzt werden als in der bisher üblichen Praxis.


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