Semiotik von Affektzeichen (aus Skript von Prof. Krause, 1996)

Es gibt also eine primäre Semiotik von stimmlichen Affektzeichen, die einen Rückschluß auf die Emotionen erlauben. Aufgrund der Morphologie des Sprechapparates und der bestätigten Verwendung von Zeichen mit willkürlicher und konventioneller Festlegung meinen die gegenwärtigen Forscher, man könne die Verwendung der Sprache nicht weiter als 40.000 Jahre zurückdatieren. Von diesem Zeitpunkt an werden dann auch die archäologischen Funde plötzlich radikal anders. Der Neandertaler - so der Konsens - hat keine Sprache entwickelt. Deshalb - so meinen die Autoren - sei er auch - trotz eines weit größeren Gehirngewichtes in Relation zum Körper - dem gegenwärtigen homo sapiens nicht gewachsen gewesen. Die Sprache ist also etwas sehr junges und hat sich auf die Affektzeichen aufgelagert. Für die Entwicklung der Sprache wurden als Voraussetzungen angesehen, einmal die Existenz der vokalen Affektzeichen, dann unbenutzte kognitive Kapazitäten des Zentralnervensystems, dann die Morphologie des Gehirns und schließlich die Morphologie des Sprechapparates und schließlich spezifische Formen von Sozialstrukturen. Das ursprüngliche vokale Affektzeichen ist für das Kleinkind aber wohl auch für die Primaten und die Benutzung der affektiven Zeichen der Zustand selbst, hat also noch keine introspektiv abgebildete Zeichenfunktion. Das Wissen, daß die Zeichen selbst Zeichen sind, wird als essentiell für die Entwicklung der Sprache angesehen. Je nach Autor wird es reflexive, meaning, second order meaning oder Monitorieren des Monitors genannt. Wenn diese Entdeckung einmal gemacht ist, dann können die Zeichen selbst symbolisch verwendet werden, obwohl sie schon eine festgelegte biologische Bedeutung erster Art haben. Daraus kann sich dann ein kontextfreies produktives Referenzsystem entwickeln. Wie sich die gesprochene Sprache aus der Affektlautgebung entwickelt hat, ist unklar. Einmal könnte die willkürliche Imitation der gehörten Laute eine Rolle spielen, also z.B. die Imitation von unwillkürlich geäußerten eigenen Lauten, so wie Kinder für eine Narbe oder Verschorfung den Begriff 'das Aua' benutzen. Es könnte sich auch um die Imitation der Vokalisierungen anderer Lebewesen handeln sowie Kinder zum Hund 'der Wauwau' sagen, oder es könnte sich um die Imitation von natürlich vorkommenden Lauten handeln, Lautmalerei oder Onomatopöie genannt, wobei allerdings all diese Theorien natürlich voraussetzen, daß die kognitive Kapazität für die Imitation bereits vorhanden ist. Die meisten Autoren sind sich einig, daß die linguistische zentralnervöse Kapazität bereits vorhanden war und bei den Schimpansen auch vorhanden ist, aber in deren kulturellem Umfeld n icht benötigt wurde. Tatsächlich können ja die höheren Primaten über weite Strecken die American Sign Language erlernen, so daß die mangelnde Sprachproduktion der Primaten weniger eine Frage ihres Zentralnervensystems als des Fehlens der Morphologie des Sprechapparates darstellt. Der Abstand zwischen dem Kehlkopf und der Lunge - also die sog. Pharynx - ist zu kurz für die Produktion von nicht-affektiven Lautgebungen.

Die primäre Bedeutung von mimischen oder stimmlichen Ausdruckskonfigurationen

Über die primäre Bedeutung von mimischen oder stimmlichen Ausdruckskonfigurationen gab es seit Darwins Arbeit über den Ausdruck von Emotionen bei Mensch und Tier aus dem Jahr 1872 Kontroversen. Darwins Buch war ein Bestseller gewesen um dann für einige Zeit ganz zu verschwinden. Die Frage, ob wir Zugriff auf ein Zeichensystem haben, das sich nicht erst in einer Kultur entwickelt, hat die Gemüter immer wieder sehr erregt, weil damit offensichtlich Grundfragen, wie man die menschliche Existenz definieren möchte, angeschnitten werden. Die Kulturrelativisten und die Ethologen haben darüber wilde Debatten und einfallsreiche Untersuchungen gemacht, die bis heute wenn auch auf anderm Niveau fortgesetzt wurden.

Im folgenden will ich Ihnen einige Untersuchungen exemplarisch vorstellen und anhand Ihner die Problematik und den Stand der Forschung erläutern.

Vorweg noch einige grundlegende Definitionen. Die wissenschaftliche Bezeichnung für die Beschäftigung mit Bedeutungen ist die Semantik. In der philosophischen Bedeutungstheorie hat man zwischen der extensionalen und der intensionalen Bedeutung unterschieden. Die extensionale Bedeutung eines Zeichens (z.B) eines Wortes, ist all das, worauf man mit diesem Zeichen verweisen kann. Die Extension des Wortes "Gold" zum Beispiel ist alles Gold das es gibt. Die von Buch wäre alle Bücher. Die von Gesangbuch alle Bücher mit Liedtexten. Die intensionale Bedeutung ist die Menge von Bedingungen, die etwas erfüllen muß, damit es der Bedeutung zugerechnet werden kann. Die Bedeutung eines Zeichens zu kennen, heißt idealerweise die Wahrheitsbedingung für die Verwendung des Zeichens zu kennen. Anders ausgedrückt, ein Wissen darüber zu haben, unter welchen Bedingungen der Satz " Dieses Objekt ist Gold oder ist ein Buch " zu einer wahren Aussage führt.

Dieser philosophische Zugriff ist schon beim Verständnis der Sprachbedeutung nicht sehr tragfähig.

Einmal haben die meisten Wörter der gesprochenen Sprache gar keine Bedeutung, denken sie an Worte wie der, die, das, von usw.

Schließlich kennen wir den Wahrheitswert häufig nicht. Man mag beim Zahnarzt und auf der Bank über Gold sprechen, ob es dann wirklich Gold ist, ist eine Sache der Metallurgie. Man versteht häufig die Bedeutung eines Zeichens und benützt es,ohne seine Wahrheitsbedingungen zu kennen.

Deshalb hat man eine Gebrauchstheorie der Bedeutung (pragmatische relationale Semantik) entwickelt. Die Benutzung von Affektiven oder Sprachzeichen ist eine menschliche Verhaltensweise, die immer in den Kontexten menschlichen Lebensvollzugs eingebettet ist. Deshalb wird die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke, aber auch der Affektzeichen möglicherweise vom kommunikativen Sprachgebrauch her mitbestimmt. Zeichen hätten dann zwar lexikalische, intensionale Bedeutung im Sinne der Wahrheitsfrage, aber es gäbe auch identische Zeichen, deren spezifische Bedeutung sich erst durch das Feld, in dem sie verwendet werden, definiert.

Als ich 1o Jahre alt war und einen Briefwechsel mit einem gleichaltrigen englischen Knaben begonnen hatte, erhielt ich eines Tages einen Brief, der wie folgt begann.

"Lieber Rainer, Brunnen, bist Du auch in einem Jugendknüttel". Ich habe den Brief mit in die Klasse genommen und wir haben versucht nachzuvollziehen, was dem Jungen geschehen ist. Wir fanden in einem einfachen Lexikon für das deutsche Wort Brunnen das englische Wort well. Unter dem englischen Wort well fanden wir drei deutsche Bedeutungsgruppen, nämlich einmal gut, tüchtig zum andern nun, na und schließlich Brunnen. Unter Knüttel fand ich im deutschen Lexikon unter anderem das englische Wort club. Unter club als englisches Wort fand ich wiederum die drei Bedeutungsgruppen Keule, Verein und die Eichel der Spielkarten. Er hatte sagen wollen, na bist Du auch in einer Jugendorganisation. Einzelne Zeichen erreichen ihre definitive Bedeutung erst, wenn sie im Kontext verortet werden.

Gilt dies auch für die emotionalen Zeichen? Und was ist überhaupt die Wahrheitsfrage für emotionale Zeichen ? Ob ich das fühle was ich zeige, ob der andere das versteht, was ich intendiere aber selbst gar nicht fühle? Wir haben das Problem ja bereits zu Beginn diskutiert.

Damit zusammenhängend taucht ein weiteres Problem auf. In der Theorie der Sprachzeichen unterscheiden wir zumindest in den linearen Sprachen drei linguistische Einheiten, nämlich die Phoneme, die wir durch die 26 Buchstaben des Alphabetes darzustellen versuchen, dann die Silben mittels der wir die Lautfolgen beschreiben. Beide haben für sich keine Bedeutung, erst auf der Ebene der Kombination der Silben in Worte - Morpheme genannt- wird Bedeutung zugeordnet. Worte sind also die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten, die sich aber aus Vokalen und Silben zusammensetzen. Ist dies bei den Emotionszeichen auch so. Gibt es kleinste bedeutungstragende Einheiten, den Morphemen der gesprochenen Sprache entsprechend, die sich aus Innervationsmustern zusammensetzen, die unterhalb von ihnen liegen, und auf spezifische Art und Weise zusammengesetzt werden. Denken Sie zum Beispiel an die 19 verschiedenen Gesichtsmuskeln, die in der Größenordnung etwa dem Alphabet entsprechen könnten.

Nun muß eine Sprache zumindest orthographisch nicht linear aufgebaut sein wie die unsere, aber in der Phonetik sind doch alle Sprachen zumindest insofern vergleichbar, als sie aus einem beschränkten Satz nicht bedeutungstragender Zeichen bedeutungstragende Einheiten zusammenbauen.

Die Rolle der Beziehung

Darüber hinaus bestimmt sich die Bedeutung eines sprachlichen Zeichens durch die Art der Beziehung, in der es benutzt wird.""Guten Tag. Mein Name ist xy, ich bin Elektriker, und ich suche Kontakte". Während er sich verbeugt, schaut er das Mikrophonkabel, das aus der Wand kommt an. Dies sagt einer unserer Patienten bei der Vorstellung zu einem ihm völlig Unbekannten.

Die Verwendung des Wortes "Kontakt" (ursprünglich con - tangere Berühren) auf die beiden Gegenstandsbereiche "Drähte" und "Menschen" in ein und demselben syntaktischen und pragmatischen Kontext ist vom Denk- und Kommunikationsvorgang unzulässig, obgleich von der Sprachbedeutung des Wortes nicht falsch. Ein gesunder Sprecher hätte gewußt, daß die Verdichtung der beiden Kontexte in einem Wort zu einer unzulässigen Generalisierung führt. Der Patient sieht nicht, daß die metaphorische Verwendung des Bildes in den beiden Gegenstandsbereichen nicht identisch sein kann, es sei denn, ich deanimiere Personen zu Drähten und Beziehungen zu Strom, oder ich mache Drähte zu Personen und Strom zu Liebe. Ein anderer sagt mitten in einer politischen Diskussion zu seinem Partner, Ja sehen Sie, da kann man das nackte Fleisch der EG Landwirtschaftspolitik sehen. "Tatsächlich hatten die beiden über die Irrungen der EG Landwirtschaftspolitik gesprochen. Möglicherweise hatte er nackte Tatsachen sagen wollen, eine Metaphorik die immerhin möglich ist, da sie nun aber über Fleisch gesprochen hatten, hat er möglicherweise beide Bedeutungskontexte zusammengefaßt. Nacktes Fleisch sehen, kann man aber eigentlich nur im Kontext von lebendigem speziell menschlichen Körpern. Notgedrungen denkt der Zuhörer beim nackten Fleisch an Rinderhälften, obgleich er auf nackte Menschen verwiesen wird.


Gibt es eine Syntax der nonverbalen Zeichen und wenn ja wie ist sie mit der Bedeutungsfrage verküpft.Ändern die nonverbalen Zeichen ihre Bedeutung in Abhängigkeit von der Beziehung?

Es gab und gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen, die sich mit dieser Art von Fragen beschäftigen. Ehe wir uns ihnen zuwenden, sollte man sich über die möglichen Validitätskriterien klar werden. Unter Validität eines Meßinstrumentes verstehen wir das Ausmaß nachdem es dasjenige mißt was es messen soll. Was soll den das Affektzeichen messen. Um Validität zu bestimmen, muß man ein vom Text/Zeichen unabhängiges Kriterium haben.


Die einfachste Beziehung zwischen Zeichen und zu messendem wäre, daß es indikativ dafür ist, wie sich der Benutzer des Zeichens fühlt. Dann blieben wir innerhalb einer Person und das Zeichen hätte eine Indikatorfunktion für den Zustand des Benutzers. Dazu könnte man allenfalls den Zeichenproduzenten fragen wie es ihm geht. Der muß dazu seine Sprache oder andere Zeichen benutzen. Es ist aber zu bedenken, daß möglicherweise die Schnittmenge zwischen den Sprachzeichen für Emotionen und den nonverbalen Zeichen nicht sehr groß ist, und desweiteren wäre zu befürchten, daß beide in unterschiedlichen Kulturen teilweise unterschiedliche Gegenstandsbereiche abdecken. Wenn wir in den indogermanischen Sprachen ca. 500 verschiedene Sprachzeichen für oder im Umfeld von emotionalen Zuständen haben und nur 7 solcher Zeichen in der Mimik, hätten wir ein eklatantes Mißverhältnis zwischen den beiden Gegenstandsbereichen. Schlußendlich gibt es in den unterschiedlichen Konturen Sprachzeichen, die Gefühlszustände beschreiben, die in den anderen Kulturen in der vorliegenden Form nicht bekannt sind. Anscheinend haben die Iphaluksprachen von Mikronesien keine Worte, die dem deutschen Wort Wut entsprechen sowie das Englische kein Wort kennt, das die Emotion "liged" der.....sprache der Philippinen abdeckt. Im Koreanischen gibt es zwei Begriffe "dab dab hadar" und "ul hadar", auf die ich später zurück kommen werde, die ebenfalls keine direkte semantische Entsprechung haben. Mit diesem Vorgang hätte man zusätzlich die Syntax und den Kontext noch nicht untersucht.

Schließlich könnte das Zeichen aber auch indikativ dafür sein, was der Sender will, was er anstrebt, dann hätte es eine Appellfunktion. Der Vater schaut das Kind ärgerlich an, weil er das Kind beeindrucken will, er tut dies ganz unbemerkt, aber innerlich ärgert er sich nicht über das Kind, sondern ist voller Sorge. Wiederum ist möglicherweise die Schnittmenge zwischen Indikatoren und Appellbedeutungen möglicherweise gar nicht sehr groß.

Schließlich könnte es sein, daß sich das Zeichen weder auf die Person selbst bezieht noch auf den Interaktionspartner sondern auf ein drittes Objekt über das beide zusammen kommunizieren (Symbolfunktion).


Wenn man nun die erste Frage verfolgt und nach der Indikatorfunktion des emotionalen Zeichens sucht, könnte man sich wie am Anfang diskutiert, vorstellen, am sichersten sei der Rückschluß dann, wenn gleichzeitig die anderen drei Komponenten der Emotionen mobilisiert werden, und z.B. die Physiologie, die inneren Bilder und deren sprachliche Repräsentanz meßbar vorhanden sind. Dieses Denkmodell ist keineswegs zwingend, in der modernen Hirnforschung geht man eigentlich weitgehend davon aus, das Gehirn aus verschiedenen Systemen mit verschiedenen Funktionen zusammengesetzt ist, so daß man die verschiedenen Systeme als Module betrachten kann, die zwar irgendwie zusammengesetzt sind, aber keineswegs in Phase laufen müssen. Es wäre im Gegenteil zu erwarten, daß je nach Kultur und Lerngeschichte unterschiedliche Verknüpfungen wahrscheinlich sind. Man könnte sich das Emotionssystem als eine Art Interface der verschiedenen Subsysteme vorstellen dessen Nutzen und Gewinn darin besteht, daß es die verschiedenen Teilkomponenten nicht in Phase laufen läßt. Die Gefühlsarbeit besteht zum Beispiel darin, daß gerade bei intensivem Ärger dieser nicht nach außen gezeigt wird, umgekehrt wird keineswegs jedes Ausdrucksverhalten innerlich abgebildet. Die einfachste Validierungsart besteht darin, die Ausdruckshaltigkeit eines Zeichens dadurch zu überprüfen, daß man eine Referenzgruppe die die gleichen Zeichen benutzt, befrägt, welche Art von Bedeutung für sie dieses Zeichen hat.

JACFEE und JACKNEUF

Auf der Grundlage einer noch unveröffentlichten wohl umfassendsten Studie möchte ich Ihnen einen Teil der Forschungen der damit auftauchenden Probleme darlegen. Matsumoto und Ekman (19..)haben einen Test entwickelt "JACFEE" und JACNEUF (Japanese and caucasian facial expression of emotion). In diesem Test haben sie Japanische und kaukasische, das sind also in diesem Falle weiße Amerikaner männlichen und weiblichen Geschlechtes mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken, die dadurch "geeicht" waren, daß sichergestellt war, daß die Versuchspersonen tatsächlich dieselben Inervationsmuster aufzuweisen hatten. 271 Amerikaner, 75 Polen, 45 Ungarn, 34 Vietnamesen und 32 Sumatranern wurden zwei mal diese Bilder vorgelegt. 44 Japaner aus einem ersten Experiment wurden auch noch hinzugefügt. In jeder Darstellung wurden die Fotos 10 Sekunden lang vorgeführt. Beim ersten Anschauen kreuzten die Versuchspersonen einen von 7 vorgegebenen Emotionsbegriffen, nämlich Ärger, Verachtung, Ekel, Furcht, Freude, Trauer und Überraschung an, von dem sie glaubten, daß er die Emotion am besten repräsentieren würde. Im Durchschnitt stimmten 78% aller Personen in der Identifikation der "richtigen" Benennung für die Emotion überein. Binomenaltests für die Abweichung vom Zufall sind alle hoch signifikant ( 0.001 Niveau). Sieht man sich die Resultate genauer an, finden wir bei einzelnen Vorlagen durchaus Werte, nach denen nur 25,30,31% einzelner Beurteilergruppen in Bezug auf die Übereinstimmung um die sogenannt richtige Benennung einen Konsens gefunden hatten.


Im folgenden habe ich ihnen diejenigen 4 Bilder aus den 56 herausgesucht, die die höchste und die niedrigste Übereinstimmung gehabt haben. Bild Nr.1 sollte Trauer darstellen. In den USA haben 87,6% diesen label gewählt, in Japan nur 31,8, in Sumatra 73,3, in Vietnam 30,3, in Polen 48,6 und in Ungarn 64,6%. Das zweite Bild sollte Ärger darstellen. In den USA haben 86,1%, in Japan 43,2%, in Sumatra 64,5%, in Vietnam 75,8%, in Polen 86,5 und in Ungarn 86% diesen Begriff gewählt. Interessant ist, daß ausgerechnet bei diesem Vorgehen mit einer japanischen Modellperson die Übereinstimmung in Bezug auf den Begriff "Wut" so gering ist.

Bild Nr.3 sollte Angst darstellen. Hier haben 75,8% der Amerikaner, 43,2% der Japaner, 53,1% der Sumatraner und 76,5% der Vietnamesen sowie 73% der Polen und 71% der Ungarnm den Begriff gewählt. Das letzte Bild sollte ebenfalls Furcht darstellen. 75,8% der Amerikaner,45% der Japaner, 25% der Sumatraner, 64% der Vietnamesen und 62,2% der Polen und 51% der Ungarn wählten den entsprechenden Begriff.

Die 4 Bilder mit der höchsten Übereinstimmung bewegen sich alle im Bereich zwischen 100 und 97%.


Eine Varianzanalyse mit den Faktoren dargestellter Affekt, Herkunftsland der Beurteiler, Geschlecht und Rasse der Personen, die als Darsteller der Emotionen dienten, ergibt folgende Resultate:

1) Die Verteilung der Urteile über die dargestellten Affekte hinweg weicht hochsignifkant vom Zufall ab. Sie ist bei Angst am niedrigsten, im Durchschnitt 65% Übereinstimmung, bei Freude am höchsten (nahe 100%). Überraschung, Trauer, Ärger, Verachtung bewegen sich um 80% herum (Abbildung-Affekt). Betrachtet man die Erkennungswerte in den Ländern, findet man ebenfalls signifikante Unterschiede mit einem Gipfel bei den Ungarn und Polen und der geringsten Übereinstimmungsrate bei den Japanern mit durchschnittlich 76% (Bild-Land). Schließlich findet man noch eine Wechselwirkung zwischen Affekt und Land dergestalt, daß bestimmte Affekte in bestimmten Ländern besonders schwierig einzuschätzen waren. Das Geschlecht sowie die Rasse der Darsteller hatte keinen signifikanten Einfluß auf die Übereinstimmungsrate.


2)Wenn man keine forced-choice Wahlen vorgibt, sondern freie Beschreibungen, kann es sein, daß die Versuchspersonen keine im engeren Sinne emotionalen Worte benutzen, sondern situative Kontexte beschreiben. Sie würden z.B. sagen bei einem Bild das Freude darstellen soll, "Sie sieht aus, als schaue sie einem Kind zu, das spielt!" In einer Studie von Russell (1991) hatte er Fotos, die Verachtung und Ärger darstellen sollten, aus der gleichen Serie, die ich ihnen gezeigt habe, benutzt, und freie Antworten erlaubt. Jede Versuchsperson konnte eigene Begrifflichkeiten für eine von 16 Fotographien, (8 Verachtungs- und 8 Ärgerphotographien) wählen. Die Gesamtsumme aller Vpn war 320. Die Frage war, welche Stimmung oder Emotion die Frau oder der Mann auf dem Foto zeigt. Viele Personen waren wenig geneigt, ein einzelnes Wort zu wählen. Im allgemeinen dachten sie sich eine Szene oder Geschichte aus und der Versuchsleiter fuhr dann fort, wenn sie ein einzelnes Wort wählen müßten, welches würde das dann sein. Das Ergebnis waren< 121 unterschiedliche Reaktionen, 40 für den Ärgerausdruck, 81 für die Verachtung. Die syntaktisch unterschiedlichen Formen wurden ignoriert. Die unterschiedlichen Namen, die von wenigstens 2 Versuchspersonen gewählt wurden und die Häufigkeit, mit der sie produziert wurden, waren wie folgt. Wutausdruck: (49 x Frustation), (41 x Ärger), (18 x mad, wütend,verrückt), (4 x constipated), (3 x upset), (2 x confused), (2 x making decition), (2 x pertobed), (2 x perplexed), (2 x irretable), (2 x doubt), (2 x pissed of), (2 x scored), (27x idiosynkrasien). Bei der contempt expression 16x disgust, 10x scored, 9x dissapointment, 6x puzzled, 6x confusion, 5x frustation, 5x indifference, 5x snak, 3x contempt, 3x perplex, 3x pissed out, 3x.....,3x disgruntled, 2x stupid, Desweiteren immer zweimal, depression, intensive,inpatient,satisfaction, troubled, arrogant,............

Wenn man diese Ergebnisse betrachtet, könnte man in Zweifel über die interkulturelle Übereinstimmung in Bezug auf die emotionalen Zeichen geraten.

Die Emotion "song"

Möglicherweise ist aber die Benutzung von Adjektiven bzw. singulären Adjektiven für die Charakterisierung von Emotionen ein sehr unglückliches und unreliables Verfahren und es wäre tatsächlich sehr viel natürlicher als interkulturelles, introspektives Pendant der Zeichen, Situationen beschreiben zu lassen. Wie schon erwähnt, gibt es Emotionsworte adjektivischer Form in anderen Kulturen, die wir nicht kennen oder zumindest ohne schwere Fehler nicht auf gleicher syntaktischer Ebene übersetzen können. Ich hatte schon erwähnt eine Emotion namens song, die bei den Iphaluk, ein kleiner Stamm auf einer mikronesischen Insel, eine große Rolle spielt. Dafür kennen sie das Wort Ärger in unserem Sinne nicht. Dieses Volk gilt nacht Cathrin Lutz, als eines der friedfertigsten, die beschrieben wurden. Es ist stark hierarchisch organisiert, wobei entweder die männlichen oder weiblichen Häuptlinge der verschiedenen Clans die Wächter der Sitten und Tabus sind.


"Song" ist eine Emotion, die entlang dieser Linien der Autorität geäußert wird. Die politische und moralische Führung innerhalb der Gruppen ist sehr eng mit dieser Art von emotionaler Führung verbunden. Song ist am ehesten zu umschreiben mit einer moralisch, gerechtfertigten Indignation. Im Unterschied zu unserem Ärger ist dies nur im Kollektiv möglich und in Übereinstimmung mit den Normen der Führungsgruppe. Deshalb sagt man auch nicht "I am song", sondern auch eine Einzelperson sagt "We are song".


Selbstverständlich kann man in unserer Kultur ähnliche Arten von Emotionen empfinden und wohl auch darstellen. "Gewerkschafts- und Kichenführen" im Fernsehen haben eine Kultur der gerechtfertigten Indignation, die öffentlich dargestellt wird, aber es ist in keiner Weise ein typischer Affekt für unsere Kultur und er ist auch von der situativen Häufigkeit wohl so selten, daß dafür kein eigenes Wort entstehen mußte (Empörung). Tatsächlich kann man die Bedeutung von Emotionsworten in unterschiedlichen Kulturen aber auch Familien nur durch die Eruierung der Szenen, in denen sie sich abspielen oder abspielen sollten, eruieren. Auch in Forschungen geschieht dies, wenn man mit Emotionsbegriffen aus anderen Sprachen konfrontiert wird, für die keine unmittelbare Entsprechung vorzuliegen scheint.


So sagen z.B. bilinguale Koreaner, daß es für die Begriffe dabdabhada und ulhada keine direkten deutschen Entsprechungen gäbe.


Mit einer Szenariotechnik, bei der für jedes Gefühl eine typische Situation beschrieben wird, in der es vorkommt, formulierte eine Koreanerin die Situationsschilderung. Diese wurde 3 Koreanern zuzr Überprüfung vorgelegt und anschließend noch einmal überarbeitet. 5 Deutsche wurden konsultiert, um die Verständlichkeit zu gewährleisten. Im folgenden sind nun die beiden Szenarien für die typisch koreanischen Emotionen aufgeführt.


Szenario: Dabdabhada. Seit einiger Zeit lebe ich im Ausland, wo ich mich in einer Fremdsprache verständigen muß. Obwohl meine Sprachkenntnisse Fortschritte machen, kommt es immer wieder vor, daß ich nicht genau das zum Ausdruck bringen kann, was ich sagen möchte. Im Moment, wo ich denke, ich bin einigermaßen sicher, daß mein Gesprächspartner mich richtig verstanden hat, merke ich, daß offensichtlich ein Mißverständnis vorliegt. Nach einigen vergeblichen Versuchen z.B. das richtige Wort zu finden oder es wenigstens zu umschreiben, muß ich es als unmöglich hinnehmen, mich mit meinem Gesprächspartner richtig zu verständigen. In meiner Muttersprache könnte ich mich leicht verständlich machen.


Szenario 2: ulhada

Mir geht es grundlos schlecht. Vielleicht weiß ich den Grund, warum es mir so schlecht geht, aber es ist mir lieber, wenn mir der Grund nicht bewußt wird. Ich mache die zu erledigende Arbeit ohne großes Engagement, suche mir keine extra Arbeit und bin mit dieser Gefühlslage nicht unternehmensbereit. Das Lachen hält sich von mir fern, das Lächeln trifft mich kaum an, ohne daß es mir Freude bringt. Ich weine aber nicht, weil ich keinen Grund dazu habe, es sieht nur so aus, daß es bei mir nur am hellen Tage regnet und/oder ein trübes und dunkles Wetter nur mich beherrscht".


Studenten fragen, was sie dafür für Worte benutzen würden. In Wörterbüchern werden für ulhada Begriffe wie Melancholie, Trübsinn und Schwermut als Äquivalente genannt. Dabdabhada wird als Beklommenheit, Beengtsein und Niedergeschlagenheit übersetzt. Nach Angaben von bilingualen Koreanern ist keine dieser Übersetzungen auch nur ansatzweise befriedigend.


Die Versuchspersonen Deutsche und Koreaner wurden dann aufgefordert, ihr Gefühl frei zu benennen. Jedes Szenario endete mit dem Satz "da hatte ich das folgende Gefühl", dann konnte sie ein freies Wort wählen. Tatsächlich wählten für die Szenenbeschreibung dabdabhada, und ulhada die Koreaner an erster Stelle diese beiden Worte. Die Deutschen wählten an erster Stelle Hilflosigkeit, dann Ärger für das andere Szenario Depression, (15), Einsamkeit (8)


Die von den deutschen zugeordneten mimischen Mustern waren Traurigkeit bei den Deutschen (22 Nennungen) und Ekel mit 4 Nennungen. Bei den Koreanern stand an erster Stelle Ekel und an zweiter Stelle Traurigkeit. Für die ul hadar-Szene wählten die Deutschen ebenfalls an erster Stelle Traurigkeit (26), an zweiter Stelle Ekel (16). Die Koreaner wählten an erster Stelle Traurigkeit an zweiter Ekel mit (7).


Auch hier wird es nicht schwer fallen, die emotionale Befindlichkeit nachzuvollziehen, aber sie wird in mancher Hinsicht nicht typisch für unsere Kultur sein und deshalb auch keine sprachliche Fassung benötigen. Beim ersten Szenario käme das Wort Ohnmacht der Situation wohl noch am nächsten, aber offensichtlich handelt es sich um eine soziale Ohnmacht, nämlich sich nicht mitteilen zu können. Vor dem Hintergrund der Vorstellung des Gesichtsverlustes, der in der koreanischen Kultur so bedeutsam ist, scheint eine Notwendigkeit für eine solche Art von Emotion vorhanden. Das gleiche gilt auch für ulhadar mit der bewußten Fernhaltung des Grundes, warum es einem schlecht geht ("es ist mir lieber, wenn mir der Grund nicht bewußt wird").Auch hier darf man eine soziale Motivation für das Unbewußthalten vermuten. Man weiß eigentlich, daß man auf die Kollegen und den Chef wütend ist, will es aber vorzugsweise nicht wissen.


Offensichtlich ist das Zusammenwirken von Kultur und biologisch vorgegebener emotionaler Ausrüstung sehr zentral für das Verständnis von uns Menschen, von Kulturen aber auch - wie wir später sehen werden - von psychischen Störungen. Deshalb werden wir uns im folgenden mit der sozialen Konstruktion von Gefühlen befassen.