
Ein doppelter Integrationsversuch: Psychoanalyse und Biologie, Trieb- und Affekttheorie:
Exkurs: Ein Besuch bei Norbert Bischof
Da die Ausführungen N. Bischofs eine zentrale Rolle für die Integration von Psychoanalyse und Biologie einnehmen, ist dieser Exkurs recht umfangreich und bietet auch eine Vertiefung an.
Er bezieht sich zu einem großen Teil auf "Das Rätsel Ödipus" von N. Bischof (1985).
Eine Definition der Emotion
N. Bischof (1989) definiert Emotion als einen zu einer Erbkoordination gehörigen erweiterten psychologischen "Einzugsbereich", der die Thematik bereits anspricht, ohne indessen auch den Weg zu ihrer Auslösung vorzugeben. Diese schon aktivierte, aber noch nicht ausagierte Antriebsthematik sei es, die als Emotion erlebt würde.
Den Weg zur finiten erbkoordinierten Handlung müsse sich der Organismus selber suchen und eben dies werde Appetenzverhalten genannt.
Nach seiner Vorstellung entstehen Emotionen dann, wenn die aktivierten spezifischen Antriebe gehemmt werden, was einmal dadurch geschieht, daß Umweltbarrieren die Endhandlung im Moment verunmöglichen oder daß konfligierende Antriebe gleichzeitig aktiviert werden.
Wichtig ist, daß die in der Emotion enthaltene Information themenbezogen und spezifisch ist.
Nach Bischof ist jeder Prozeß bis hinunter zur Wahrnehmung eine kognitive Aktivität ergo auch die Emotion.
"Wenn ich Angst verspüre, so ist dies eine vorrationale Weise zu sagen: Dieses Objekt kann mir gefährlich werden. Die Gefühle sind weder prä- noch postkognitiv, sie sind selbst kogntiv." (Bischof, 1989, S. 195)
Lust/Unlust, sowie die Erregung betrachtet er als ein sekundäres Derivat der Handhabung der spezifischen Emotion. Auf der Ebene der Gruppe werden die Antriebshandlungen und Thematiken durch die Ausdruckssemantik synchronisiert, was über Ansteckung bzw. Empathie geschehe (Bischof-Köhler 1985).
Die Rolle der Phantasie
Durch die Entwicklung der Phantasie als einer Art innerem Probehandeln und als Umweltsimulator stünde beim Menschen auch die Spezifizität der Endhandlung zur Disposition. So könne statt des Beissens und Schlagens subtilere und andere Formen von Aggression erfunden werden, die bei der Aktivierung der Thematik benutzt werden können. Deshalb würde das menschliche Verhalten noch viel stärker emotionalisiert, zumal die Vorwegnahme zukünftiger Antriebslagen ebenfalls die gleichen Phänomene produzieren und die aktuellen Thematiken übersteuern kann.
"Mit der sekundärprozeßhaften Entmächtigung aktueller Antrieblagen zugunsten vorweggenommener Möglichkeiten wird der Mensch dann endgültig und gleichsam konstitutionell emotionalisiert" (Bischof, 1989, S. XXX).
Mit einem Instinktverlust habe das Ganze aber nichts zu tun, denn trotz dieser kognitiven Neuerwerbungen spräche nichts dafür, daß dem Menschen neue artspezifische Motive zugewachsen seien. Die Emotionen, die im Zusammenhang mit Denk- und Problemlösungstätigkeiten entstehen wie Freude, Triumph, Ärger, Hoffnung und Befürchtung seien Transformationen ursprünglich sozialer Emotionen.
Wichtig an diesen Überlegungen ist, daß in jeder spezifischen Emotion eine spezifische kognitive Struktur enthalten ist:
Die kognitive Struktur der Emotion
Den Gedanken, daß in jeder spezifischen Emotion eine spezifische kognitive Struktur enthalten ist, findet man bei Frijda (1996) als das grundlegende Gesetz der situativen Bedeutung von Emotionen.
Vereinfacht ausgedrückt besagt dieses Gesetz, daß spezifisch wahrgenommene Bedeutungen zwingend zu spezifischen Emotionen führen, aber auch umgekehrt, spezifische Emotionen zu ebensolchen wahrgenommenen Bedeutungen. Nimm ein wichtiges Ziel und ein Objekt, das dieses angeblich mehr oder weniger intentional verhindert und ein Subjekt, das sich dem verhindernden Objekt mindestens ebenbürtig fühlt und heraus kommt Wut. Umgekehrt, stelle - wie auch immer und sei es über die Physiologie - einen Zustand von Wut her, heraus kommt eine Neigung zur Generierung solcher Bedeutungsstrukturen als Interpretationmuster der Umwelt.
An dieser Stelle wird die Frage wieder bedeutsam, ob und inwieweit die festgelegten affektiven Bedeutungstrukturen mit Trieb-, oder dem Menschen angemessener, Motivationsstrukturen, verbunden sind:
Eine Taxonomie der Motive
Bischofs (1985) ordnet Verhaltensklassen und bringt sie in ein hierarchisches Verhältnis , das sich wie folgt liest.
An oberster Stelle steht die Fitness, die sich zusammensetzt aus den teilweise antagonistischen Fortpflanzungsfunktionen und der Selbsterhaltung. Die Fortpflanzung setzt sich wieder zusammen aus der Fürsorge und der Sexualität. Die Fürsorge aus der Brutpflege und dem Altruismus. Die Selbsterhaltung setze sich aus Homöostase, Restauration, Selbstbehauptung und Rückversicherung zusammen. Die Restauration aus den Immunitätssystemen und dem Hygieneverhalten. Die Selbstbehauptung gliedert er in Selbstbewahrung und Selbsterweiterung.
Eine Abbildung nebst Erläuterungen veranschaulicht auszugsweise die Ordnung der Verhaltensklassen.
Mit welchen spezifischen Thematika und Affekten diese Systeme verbunden sind, wird nicht näher ausgeführt. Die beiden ersten Analyseebenen Fitneß/Selbsterhaltung und Fortpflanzung scheinen mir theoretische Konstrukte zu sein, eine eigentliche Beobachtung ist erst auf der dritten Ebene möglich, also dem der Sexualität, der Brutpflege, des Altruismus auf der einen Seite und der Selbsterweiterung und Bewahrung, Hygiene, Immunität, Homöostase sowie Rückversicherung auf der anderen. Unter der Rückversicherung werden die Bindungsmotive eingeordnet. Es wird eine instinktive Bindungsbereitschaft an exklusive Einzelindividuen angenommen, die mit den Selbstbehauptungsmotiven in einem Regelsystem verknüpft sind.
Wie wirken die Motivsysteme zusammen?
Einen Versuch, das Problem anzugehen, wie die potentiellen Motivsysteme zusammenwirken, stammt von Bischof (1985), der ein sehr detailliertes Modell der Bindungs- und Autonomiemotivation einschließlich deren Auswirkungen auf die Sexualität und das prosoziale Verhalten erstellt hat.
Ausgehend von jahrelangen Forschungen zum Inzesttabu entwickelt er eine systematische Lehre von den Antriebsgrundlagen des zwischenmenschlichen Beziehungsgefüges, wobei sein archimedischer Punkt zum Verständnis menschlicher Handlungen die Ethologie und nicht die Psychoanalyse ist, obgleich er dieselbe in einem Ausmaß berücksichtigt, wie es ansonsten unter Psychologen nicht üblich ist.
Er versucht, dem ethologischen Blickwinkel folgend, die gängige Natur/Kulturantagonismen zu umgehen.
Die Grundidee ist, daß die Hemmung von Motivsystemen keineswegs etwas spezifisch menschliches ist, sondern in den einzelnen Motivsystemen auf affektiv-motivationaler Ebene bereits ein Mechanismus eingebaut ist, der auf andere hemmend wirkt.
Das Modell soll für alle Säugetiere gelten, wobei die Primaten und der Mensch Ausnahmen erfordern. Auf dem Umweg über die Simulation empirisch beobachtbaren Raumverhaltens zwischen sozialen Tieren, führt er das Postulat ein, daß Sicherheitsgefühle gleichsinnig mit den drei Variablen Artgenossenschaft (REL), Vertrautheit (FAM), und Nähe variieren.
Eine der Führungsgrößen, die zusammen mit dem Sicherheitsgefühl und der aktuellen Erregung das Näheverhalten steuern, sind die Abhängigkeitswünsche (ABH).
Sie schlagen sich innerlich als Bedürfnis nach jemand, der Geborgenheit spendet, nieder, andererseits als Bedürfnis nach Erregung, hier Unternehmungslust (UNT) genannt. Beide sind abhängig vom Alter, der Ichstärke, den bisherigen Erfahrungen mit Bindungspersonen usw.
Eine Abbildung veranschaulicht das Zusammenwirken der Motivsysteme
Sie können "Wie wirken die Motivsysteme zusammen" auch vertieft erarbeiten.
Fazit
"Es steht ..... außer Frage, daß der Übergang von der primären zur sekundären Bindung zumindest auf menschlicher Stufe ein hoch komplexer Prozess ist, in dessen umwegreichen Ablauf sich Bindung und Überdruß, Furcht und Faszination, trotziges Aufbegehren gegen die innerfamiliäre Hierarchie und der bange Wunsch, die primäre Geborgenheit fest zu halten, Angst vor der Selbständigkeit und Angst vor der psychischen Kastration, und dazu noch die tatsächlich bereits lange vor der Pubertät allmählich zu einem Funktionsganzem zusammenwachsenden Partialtriebe der Sexualität zu einem chaotischen Stimmungsgewirr mischen, aus dem man dann, wenn es partout sein muß, auch ein so exotisches Muster, wie den Ödipuskomplex herausdeuten kann." (Bischof, 1985, S.490)
Vernünftigerweise werden wir die Implikationen dieses Modells aber im entwicklungspsychologischen Teil besprechen.