In einer Arbeit von 1983 habe ich geltend gemacht, daß es empirisch und theoretisch zwingend sei anzunehmen, daß die verschiedenen Komponenten des affektiven Systems sich nicht zeitlich synchron entwickeln. Der Signalanteil der Emotion trete lange vor der korrespondierenden Ausführungshandlung - praktisch von Beginn des extrauterinen Lebens an - auf. Durch ihn werde der Sozialpartner, der die noch nicht existierende Handlungsbereitschaft liefern muß motiviert, seine Handlungen für das unfertige Lebewesen einzusetzen. Das Kind habe Wünsche, Trieb- und Beziehungswünsche. Auf Grund der Güte der Regulierung derselben werden verschiedene Emotionen entwickelt z.B. Ekel, Freude, Ärger oder Angst und signalisiert. Die Pflegeperson habe die Motorik und Handlungsprogramme um diesen spezifischen Wünschen, die sich im Affekt ausdrücken, entsprechend zu handeln. Diese Signale seien also keineswegs - wie dies Freud 1986 meinte - bloße Abfuhr von Triebspannung, sondern bereits ein symbolisierender Akt mit einer spezifischen Information über die Art der Disregulation und die Art des Wunsches zur Abhilfe.
In der Tabelle sind die dem Kleinkind prinzipiell verfügbaren spezifischen emotionalen Signale (in drei Bereichsgruppen), ihre Auslöser und die Funktionen im interpersonellen System (Wunschstruktur) aufgeführt.
| Emotionale Signale von Kleinkindern an die Pflegeperson |
|||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Bereich | Bindungsbereich | Interruptbereich | Bereich der Info.verarbeitung |
||||
| Emotion | Trauer | Freude | Wut | Furcht | Ekel | Interesse |
Über- raschung |
|
Aus- löser |
Verlust eines wert- vollen Objektes |
Ver- trautheit, angenehme Stimulation |
Ziel- ververhin- derung |
Gefahren | Wahr- nehmung toxischer Substanzen |
Neuigkeit | Verletzung von Erwar- tungen |
|
Wunsch- struktur |
Rückkehr des Objektes |
Mit der aktuellen Aktivität fort- fahren |
Beseitigung des zielver- hindernden Objektes |
Unter- werfung, Flucht |
Objekt- entfernung aus dem Subjekt |
Signal- erkundung |
Demonstriert Naivität, Schutz vor Aggression |
Viele psychoanalytische Arbeiten z.B. (Linke 1981, Kernberg 1996, Krause 1983) haben ähnliche Überlegungen wie N. Bischof angestellt, der ein sehr detailliertes Modell der Bindungs- und Autonomiemotivation einschließlich deren Auswirkungen auf die Sexualität und das prosoziale Verhalten erstellt hat:
Anstelle der ursprünglichen Reiz-Reaktionsgefüge seien biologische Motivationen getreten, die unser Verhalten letztendlich im Sinne der genetischen Fitness steuern. Die biologisch geprägten Motivationssysteme machen sich als Aufträge an das Verhalten bemerkbar. Unter ihrem Einfluß gewinnen die Objekte auftragsspezifische emotionale Qualitäten (Kernberg, 1996) und das Subjekt - Objektverhältnis strukturiert sich als spezifische wahrgenommene Bedeutung, mit einer der oben erwähnten propositionellen Strukturen von Objekt, Subjekt und der gewünschten Interaktion zwischen beiden. Aufgrund der dem Menschen zur Verfügung stehenden Fähigkeit zum Phantasieren kann jedes beliebige Objekt emotionaler Bedeutungsträger eines spezifischen Motivations-Auftrages werden.
Möchten Sie Norbert Bischof besuchen, um sein Modell näher kennenzulernen ?
Im Folgenden möchte ich drei Phasen unterscheiden:
Die Funktion des ersten Motivationsauftrages ist es, gute, zärtliche, fürsorgliche, freundschaftliche Beziehungen zu den Mitmenschen herzustellen. Man erfahre unter seinem Einfluß den Wunsch nach Nähe, Geborgenheit, Zugehörigkeit, emotionaler Gemeinsamkeit, ein Bedürfnis nach Fürsorge, Zärtlichkeit, Offenheit und Intimität. Dieses Verlangen setzt eine positive Wertschätzung des Objektes voraus. Die negativen Affekte Angst, Wut und Ekel als Interruptsysteme sollten in dieser Thematik und Entwicklungsperiode nicht die Überhand gewinnen, wohl aber die der Bindung und Informationsverarbeitung, also Freude, Trauer und Interesse.
Wenn die innere Forderung nach Eigenständigkeit, Autonomie, Individuation und Selbstbehauptung in den Vordergrund tritt, wird "Macht" das hauptsächlich angestrebte Ziel. Bedeutung und Wertschätzung genießt neben der eigenen Stärke und Überlegenheit, das was zur Unabhängigkeit beiträgt, was man also zu leisten vermag, was man besitzt, beherrscht oder unter die eigene Kontrolle gebracht hat. Was sich diesen Strebungen widersetzt, weckt feindliche Affekte und wird bekämpft durch Verachtung, Erniedrigung und Entwertung. Alle Affekte aus dem Umfeld der Selbstbehauptung wurden nun abgerufen Wut, Verachtung, Stolz.
Kommen spezifische sexuelle Bedürfnisse dazu, gewinnen die Objekte erregende, sinnliche Qualitäten. Sie wecken die sexuelle Neugier, die Schau- und Zeigelust, regen zu sexuellen Phantasien und Spielen an. Die korrespondierenden Primäraffekte, sind Neugier, Interesse aber auch Angst und Aggression.
Es sind alle Motivsysteme immer, also von Beginn bis zum Ende des Lebens, wirksam. (Stern, 1985, 1995).
So sei beispielsweise innerhalb der Bindungsphase das Thema der Autonomie und der Erotik durchaus vorhanden, aber gewissermaßen in einer je spezifischen Handhabung des Bindungssystems versteckt. Diese Überlegung ist sicher richtig und auch klinisch nicht neu. Eine forcierte Thematisierung des Autonomiemotivs ergibt sich zwangsläufig aus einer Mißachtung der versteckten Autonomiebedürfnisse der Bindungsphase. Damit verbunden ist die klinisch wichtigere Frage des dynamischen Zusammenwirkens der verschiedenen Motivsysteme, denn bereits im einfachen Instinktmodell wurden Antagonismus der Zentren gleicher Ebene postuliert.