Die Ontogenese der Affekte




Der lebenslange Prozeß der Affektentwicklung wird hier im Umfeld der Triebtheorie besprochen, so daß Korrespondenzen zur Entwicklung des Selbst nur im Verweis ausgeführt werden.
Auch der Einfluß der Kultur auf die Affektivität wird nicht an dieser Stelle, sondern in Trieb, Affekt und Kultur näher beleuchtet.

Vielmehr soll eine Entwicklungspsychologie der motorisch-expressiven Affektsignale, der Affektphysiologie, der Affekthandlungen des Körpers, der inneren Wahrnehmung und der Bewertung der Affekte (= Gefühle, Erleben der Affekte) erstellt werden.

Das "Wissen" über Gefühle ist an die allgemeine Sprach- und Kognitionsentwicklung gebunden, das Erleben von Emotionen ist aber ein dem Wissen über das Erleben vorauslaufendes Phänomen.

Die außerordentlich beeindruckenden Ergebnisse über die synästhetischen Wahrnehmungsleistungen der Kleinkinder (Stern 1985), lassen es denkbar unwahrscheinlich erscheinen, daß es ausgerechnet im Bereich der Emotionalität keine Synästhesie geben sollte.

In der englischsprachigen Literatur wird die Synästhesie unter crossmodality abgehandelt.

Da sowohl den Farben wie den Tönen mit recht hoher Übereinstimmung bestimmte Affekte zugeschrieben werden, scheinen intensive Affekte besonders hohe Synästhesien bzw. crossmodale Wahrnehmungen zu erzwingen.
Biologisch hätte dieser Vorgang die Bedeutung, daß ein Objekt höchster Relevanz, z. B. ein solches mit tödlichen Charakteristika, schon nach der ersten Begegnung in allen Sinnesmodalitäten identifiziert werden kann. Auf diese Art wäre ein "one trial learning" über die verschiedenen Sinnesgebiete hinweg an hohe Affektivität und die entsprechende situative Bedeutungsstruktur gebunden. In Zusammenhang mit unserer Fragestellung interessiert uns die frühe Emotionsentwicklung, bis zum Auftauchen der selbstreferentiellen Emotionen.

Geht man von der Signalseite z.B. der Mimik aus, muß man konstatieren, daß bis zu den ersten 8 oder 9 Monaten des Lebens des Kindes die sogenannten Primäremotionen - Interesse, Freude, Trauer, Ekel. Ärger und Trauer - samt und sonders sicht- und beobachtbar sind.

Die Kontexte, in denen diese Phänomene auftreten, sind aus der Sicht des Erwachsenen meistens angemessen (Iglesias, Naranjo & Loeches,1985, Endes de Oliveira & Krause 1985).
Nun muß die Emitierung solcher affektiven Muster natürlich nicht heißen, daß es ein Wissen über die situative Bedeutung und eine ikonische Repräsentanz der Emotion geben muß, ebenso wenig kann daraus abgeleitet werden, daß die Kinder die emotionalen Signalkonfigurationen der Sozialpartner decodieren und verstehen können. Das würde allerdings heißen, daß die Kleinkinder etwas tun (Eine Handlungsrepräsentanz muß vorliegen) ohne daß die Handlung ikonisch repräsentiert wäre.
Mit den Reizvorlagen Angst, Ekel und Trauer gelingt es im 3. Monat, statistisch signifikante Imitationsphänomene zu erzeugen. Da das Kind gleichzeitig noch angstvoll vokalisiert geht die Imitation über die Vorlage hinaus und wir können vermuten, daß es sich gar nicht um eine Imitation handelt, sondern um einen angeborenen auslösenden Mechanismus, für den der Schlüsselreiz die Ausdruckskonfiguartion des anderen ist. Auch hier hätten wir eine crossmodale Wahrnehmung. Ob der Affekt des Kindes über das Gesicht oder die Stimme des anderen Ausgelöst wird ist gleichgültig, beim Kind ist das ganze System betroffen.

Damit kann das Kleinkind auf Grund einer biologischen Vorgabe sich - lange bevor es symbolische Repräsentanzen über sich und die Welt bilden kann - in ein außerordentlich potentes Lern- und Erfahrungsfeld sozialer Natur einklinken. Die Teilhabe an und Beeinflussung der affektiven Welt des Erwachsenen über die Emitierung und das Verstehen der Signale eröffnet die Möglichkeit, die Objektwelt und auch das Selbst nach Maßgabe der affektiven Erfahrungen der Erwachsenen zu verschlüsseln. Diese Verschlüsselung schließt ein "Wissen" über die oben erwähnte Propositions- und situative Bedeutungsstruktur der Affekte mit ein. Wir gehen also davon aus, daß die Apperzeption des Wutsignals der Mutter durch das Kind von ihm so entschlüsselt werden kann, daß es "bedeutet" "Du Objekt verschwinde". Das Kind "weiß", daß die Mutter es loshaben will. Entsprechendes nehmen wir für alle Primäremotionen an.
Klinische Aspekte