In diesem Exkurs soll die nur in Zusammenarbeit mit der Ethologie beantwortbare Frage diskutiert werden, warum es für die Spezies Mensch offensichtlich von Nutzen war, ihre Objektbeziehungen nach der Art der Primäraffekte zu strukturieren und welcher Schaden für das psychische System entsteht, wenn diese Objektbeziehungsmatrix Deformationen erleidet.
Unter den ethologischen Forschern besteht ein Konsens darüber, daß die im Verlaufe der Hominisation beobachtbare Lockerung der festen Instinktabläufe von einem Hypertrophieren des Affektsystems und der höheren kognitiven Funktionen begleitet wird.
In der obigen Terminologie heißt dies, daß der Anteil des Appetenzverhaltens am instinktiven Verhalten immer bedeutender wurde.
Das Affektsystem ist aus dem Instinktsystem entstanden und löste es teilweise ab.
Bei vielen expressiven interaktiven Handlungsweisen ist die ursprüngliche Instinkt- oder homöostatische Handlungskette noch in Rudimenten zu finden (Andrew, 1979; Darwin, 1872; Eibl-Eibesfeld; 1984).
Allerdings ist mit dem Affektsystem etwas Neues, das den Rahmen des Instinktiven sprengt, aufgetreten:
Der soziale Signalanteil kann von der motivationalen Ausführungshandlung entkoppelt werden (Eibl-Eibesfeld, 1980; Bischof-Köhler, 1985).
Die Benutzung des Zeichens zieht also nicht notwendigerweise die Auslösung des entsprechenden Verhaltensprogrammes nach sich. Der Gewinn dieser Entkoppelung besteht darin, daß ein Moratorium für innere Prozesse und weitere Kommunikation entsteht. Ohne diese Entkoppelung von Ankündigung und Ausführungshandlung wäre der soziale und motivationale Freiraum für intelligentes soziales Problemlösungsverhalten nicht entstanden.
Solange Lebewesen nicht kooperierten, bestand keine Notwendigkeit für eine Zeichenentwicklung. Affekttheorien, welche die Affekthandlungen bloß als Teile von Instinkt- oder Triebhandlungen sehen, können wesentliche Forschungsbefunde nicht integrieren (Plutchik, 1980).
Die Mobilisierung eines Affekts bringt eine Erhöhung der Wahrscheinlichkeit bestimmter Verhaltensweisen mit sich und gleichzeitig die Unterbrechung bestehender Aktivitäten, wodurch das Endverhalten nicht notwendigerweise ausgeführt werden muß.
Die Endhandlungen der homöostatischen und organismischen Reinforcement-Prozesse sind hingegen festgelegt.
Beispiel:
Ein Wutgesicht oder -schrei ist zwar mit einer Intentionsbewegung korreliert, die einen Angriff wahrscheinlicher werden läßt; wie aber Nagel & Kummer (1974) z.B. für die Hammadrias Paviane gezeigt haben, verringert sich die Wahrscheinlichkeit einer innerartlichen Angriffshandlung eben durch die Benutzung des affektiven Zeichens.
So entscheiden Faktoren wie Körpergrößenunterschiede, die Vertrautheit des Ortes der Begegnung und die Bewegungsgeschwindigkeit, neben anderen Faktoren, ob bei zwei sich bedrohenden Pavianen aus einem Drohzeichen eine Angriffshandlung wird. All diese Evaluierungsprozesse setzen bereits Vergleichsakte und so etwas wie soziale Intelligenz voraus. Die phylogenetisch erworbene Kenntnis des Zeichens erlaubt eine Berücksichtigung möglicher Intentionen, ohne daß diese realisiert werden müssen. So dient aggressives affektives Verhalten der räumlichen Verteilung, aber auch dem Zusammenhalt der Gruppe, wenn zum Beispiel die Fluchtreaktionen der rangniedrigeren Tiere durch die aggressiven Hütetechniken der ranghöheren verhindert werden (Nagel & Kummer, 1974; Bischof-Köhler, 1985).
"Jedes Ausdruckssystem schafft Bewußtheit, weil es nicht die Handlung oder die Sache selbst ist, sondern ein Zeichen derselben. So ist der Affektausdruck das Vermittlungsscharnier zwischen konkreter Aktion und abstrakter Vorstellung" (Ciompi, 1982).
Die Affekte dienen also neben vielen anderen Funktionen der Verhaltensökonomisierung, der innerartlichen Schadensminimierung und der Bewußtwerdung von Intentionen.
Bezogen auf eine menschliche soziale Umgebung, die durch Zusammenleben in kleinen Gruppen, Kinderaufzucht und gegenseitige Kooperation und Stützung gekennzeichnet werden kann, haben sich die Affekte als paradigmatische Formen der Objektbeziehungsregulierung von hohem Überlebenswert erwiesen. Sie ordnen die Motive und die sozialen Beziehungen. Ein Verlust dieser Ordnung ist von einer mentalen oder psychosozialen Erkrankung begleitet (Simon, 1983; Bischof, 1985; Eibl-Eibesfeld, 1981).
Solche Aussagen sind jedoch nur sinnvoll in bezug auf bestimmte definierte ökosoziale Umgebungen.
Affekte dienen der Interaktionssteuerung und der inneren Handlungsregulierung und sind von den Systemen, die die Homöostase aufrechterhalten, sowie denjenigen Verhaltenssystemen, die aufgrund innerer hirnphysiologischer Veränderungen Verhalten belohnen bzw. bestrafen, abzugrenzen.