Trieb-
und
Affekt-
theorie

information

Die
Triebtheorie
Das
Affektsystem
Die propositionale
Struktur
der Affekte

mit den Exkursen:
Ontogenese
Phylogenese
Integration:
Psychoanalyse
und
Biologie


information : Trieb- und Affekttheorie


Der Themenbereich Trieb- und Affekttheorie versucht, die folgenden vier Fragen zu beantworten:

  • Wie könnte eine zeitgemäße psychoanalytische ( und auch psychologische) Triebtheorie aussehen?

  • Warum kann man das Affektsystem als eine Art "Interface" zwischen der Umwelt und verschiedenen Subsystemen des Organismus betrachten und welche Rolle spielen dabei die Primäraffekte?

  • Inwiefern haben die Primäraffekte eine propositionale Struktur, mit anderen Worten: kann man die Primäraffekte als die Ankündigung von Interaktionen charakterisieren?

  • Wie könnte ein Integrationsversuch von Psychoanalyse und Biologie, Trieb- und Affekttheorie aussehen?




Triebtheorie



Entscheidend für eine zeitgemäße psychoanalytische Triebtheorie ist ihre Verschränkung mit biologischen, speziell: ethologischen Triebtheorien.

Sie können die ethologischen Triebtheorien exkursorisch erarbeiten.

Auch werden wir sehen, daß das Triebgeschehen auf das engste mit dem Affektsystem verwoben ist, weil die Triebe meist in Form spezifischer Appetenzen, das sind die Affekte, sicht- und fühlbar werden.

Dies verweist bereits auf die soziale Seite des Trieb- bzw. Affektgeschehens.

Anders formuliert sind Affekte die psychischen Repräsentanzen von hierarchisch organisierten, aus dem Körperinnern und durch externe Reize aktivierbaren, zielorientierten Motivsystemen.
Diese Motivsysteme sind die Nachfolger der Instinkte.

Nach K. Lorenz hat die Entwicklung höherer Verstandestätigkeiten zumindest bei den Anthropoiden eine weitgehende Reduktion der Instinktfixierung zur Voraussetzung.
Die Reduktion müsse man sich so vorstellen, daß innerhalb der Instinkthierarchien neue Lücken mit eingeschalteten Appetenzen (das Affektsystem ) entstehen.

"Auf der Organisationsstufe der Säugetiere ermöglichen emotionale Reaktionen, die zwischen Reiz und Reaktion auftreten und nur die grundsätzliche Richtung des Verhaltens festlegen, eine größere Flexibilität im Verhalten, das dann zusätzlich durch Lernen an sich verändernde Situationen angepaßt werden kann." (Schneider & Dittrich 1990, S. 45)

Die psychoanalytischen und die ethologischen Triebtheorien unterscheiden sich vor allem darin, wie sie Intentionen erfassen.
Orientieren sich die Ethologen vernünftigerweise am äußeren beobachtbaren Verhalten, spezialisieren sich die Psychoanalytiker auf die inneren Repräsentanzen, die Phantasien.
Wie in der Behandlungstechnik muß man früher oder später die beiden Zugangsweisen (beobachtbares Verhalten & Phantasien) wieder zusammenführen, sonst läuft man wissenschaftlich in die Irre.

Exkurs: Die Triebtheorien Freuds




Das Affektsystem



In Freuds Theoriebildung zum Affekt finden wir zwei Beschränkungen:

Ähnlich wie bei der Triebtheorie negiert Freud damit den sozialen Anteil des Affekts.

Moderne Sichtweisen betrachten das Affektsystem dagegen als eine Art "Interface" zwischen der Umwelt und verschiedenen Subsystemen des Organismus.

Wir verwenden 5 Subsysteme, um den klinischen Zustandsbildern gerecht zu werden.

In der folgenden Tabelle finden Sie diese 5 Subsysteme und deren- je nach ihrer Beteiligung am affektiven Geschehen - Beschreibung als Affekt, Gefühl und Empathie.

Das Affektsystem
Empathie GefühlAffekt Expressive Komponente
Physiologische Komponente
Motivationale Komponente
Bewußte Wahrnehmung / Erleben des Affektes
Sprachliche Benennung des Erlebens

Neben dieser Taxonomie, die sich am internen Aufbau des gesamten Affektsystems orientiert, ist eine weitere von Bedeutung, die sich an der sozialen Dimensionierung der Affekte orientiert.
Auf der Grundlage einer ganzen Reihe von Untersuchungen hat sich mittlerweile die Ansicht durchgesetzt, daß ausgehend von bestimmten motorisch-expressiven Konfigurationen eine begrenzte Anzahl von Affekten in allen Kulturen auftritt (Ekman, Friesen & Ellsworth, 1982) und daß dieselben teilweise mit denen unserer tierischen Verwandten übereinstimmen (Ekman, Friesen & Ellsworth, 1982; Chevalier Skolnikoff, 1973; Redican, 1982).
Relativ sicher ist dies für die mimischen Konfigurationen von:

Freude, Trauer, Wut, Ekel, Überraschung, Furcht,Verachtung
(Ekman, 1994).

Die diesen Ausdrucksmustern entsprechenden Gefühle werden als "Primäraffekte" bezeichnet (Krause, 1983).

Die obige Liste kann nicht beanspruchen, das was unter "Gefühl" und "Empathie" definiert wird abzudecken, denn die Kulturuniversalität wurde durch die Vorgabe visuellen Reizmaterials überprüft. Sie bezieht sich deshalb auf den motorisch-expressiven Signalanteil des Affektsystems.
So betrachtet sind in den Primäremotionen diejenigen Emotionen erfaßt, die durch visuell eindeutige Signale repräsentiert sind und somit der Beziehungsregulierung dienen.


Die propositionale Struktur der Primäraffekte



Man kann in Anknüpfung an De Rivera (1977) und Suppes & Warren (1975) die Primäraffekte als die Ankündigung von Interaktionen charakterisieren.

In der Struktur dieser Interaktionsankündigungen gibt es ein Subjekt, ein Objekt und eine gewünschte Interaktion zwischen beiden.
Je nachdem wo sich das Objekt in Relation zur Position des Subjekts befindet und je nachdem wie das Subjekt Handlungsmacht attribuiert, entstehen die entsprechenden Primäremotionen.

Möchten Sie sich die Subjekt-Objekt-Relationen in Form eines Entscheidungsstammbaumes veranschaulichen ?

Mit Hilfe dieser Taxonomie kann man spezifische Ausfälle und Hypertrophien in der Objektbeziehungsmatrix klassifizieren und Störungsbildern zuordnen.
Es ist offensichtlich, daß die pathologische Veränderung des Affektsystems bestimmte Lernerfahrungen voraussetzt.

Exkurs: Ontogenese der Affekte

Exkurs: Phylogenese der Affekte


Ein doppelter Integrationsversuch: Psychoanalyse und Biologie, Trieb- und Affekttheorie



Affekte sind die psychischen Repräsentanzen von hierarchisch organisierten aus dem Körperinnern und durch externe Reize aktivierbaren zielorientierten Motivsystemen. Diese Motivsysteme sind die Nachfolger der Instinkte.

Affekte steuern die Objektbeziehungen, aber auch andere nicht soziale Handlungen in motivspezifischer Weise. Sie bieten gleichzeitig mit der Unterbrechung eine spezifische protokognitive Wahrnehmung der Subjekt-Objektbeziehungen und eine spezifische Bedeutungsstruktur, sowie rudimentäre Programme an, durch die physiologische, kognitive, motorische und motivationale Resourcen für eine spezifische Handlung bereitgestellt werden. Gleichzeitig wird der Handlungspartner informiert, was wahrscheinlich als nächstes passieren wird.

Viele dieser rudimentären Handlungsprogramme sind unvereinbar, so daß jede Form von Konflikt auf die Frage der Unvereinbarkeit gleichzeitig aktivierter Emotionen und der sie tragenden Motivsysteme abgeprüft werden muß.

Die Motivthemata und die mit ihnen verbundenen Affekte werden während der ontogenetischen Entwicklung schwerpunktmäßig abgerufen und in einer das Individuum prägenden Weise rahmenhaft festgelegt. Unter dem Einfluß dieser schwerpunktmäßig wirkenden Motivsysteme werden in bestimmten Entwicklungsperioden die Umweltreize, aber auch körpereigene Prozesse in bezug auf ihre Eignung, diesen zu genügen, abgeprüft.

Bezüglich der Motivthemata möchte ich drei Phasen unterscheiden:

  1. Die Funktion des ersten Motivationsauftrages ist gute, zärtliche, fürsorgliche, freundschaftliche Beziehungen zu den Mitmenschen herzustellen.

  2. Im zweiten Motivationsauftrag tritt die innere Forderung nach Eigenständigkeit, Autonomie, Individuation und Selbstbehauptung in den Vordergrund.

  3. Kommen im dritten Motivationsauftrag spezifische sexuelle Bedürfnisse dazu, gewinnen die Objekte erregende, sinnliche Qualitäten.

Diese drei Phasen werden uns als Phase der Bindung und Sicherheit, Phase der Autonomieentwicklung und Phase der Erotisierung u. Verführung bei der Besprechung der Psychischen Störungen wieder begegnen.

Fixierungen oder Regressionen bedeuten, daß die einer Organisationsstufe entsprechenden, relevanten symbolischen Bedeutungen und Affekte die Oberhand über alle anderen ebenfalls möglichen gewinnen. Es kann allerdings keine eindeutigen Zuordnungen von Symptomen zu altersspezifischen Fixierungen und/oder Traumatisierungen geben, weil die weiteren "Themata" auch beim Mißlingen der vorauslaufenden absolviert werden müssen, d.h. daß z.B. auch bei einer erworbenen Unfähigkeit, liebevolle zärtliche Beziehungen zu Artgenossen zu entwickeln, Internalisierungen und rudimentäre Formen von Überichbildungen stattfinden müssen. Dieselben werden zwar anders aussehen , z.B. archaisch, präautonom und lieblos, aber vorhanden sind sie allemal.

Die Triebe zeigen sich also meist in Form spezifischer Appetenzen, das sind die Affekte. In dieser Betrachtungsweise sind die Triebe als Organisationsschemata stumm. Sicht- und fühlbar werden sie nur durch die Affekte.


Sie können "Ein doppelter Integrationsversuch: Psychoanalyse und Biologie, Trieb- und Affekttheorie" auch als Vertiefung erarbeiten.

Sie können auch einen Besuch bei Norbert Bischof machen.