Es besteht kein Zweifel, dass die Figur einen wichtigen Bestandteil
der äußeren Erscheinung eines Menschen darstellt. Unbestritten ist
auch, dass die Figur einen entscheidenden Beitrag zur weiblichen
Attraktivität leisten kann. Aber die Frage, welche Aspekte
der Figur eine wichtigere und welche eine weniger wichtige Rolle
spielen, wird heftig diskutiert.
Vor allem die evolutionspsychologisch orientierten Arbeiten von
Devendra Singh haben das wissenschaftliche Interesse in den letzten
Jahrzehnten stark belebt. Singh vertritt die These, dass das
Taille-Hüft-Verhältnis
die wichtigste Komponente der Attraktivität der weiblichen Figur
sei. Das Taille-Hüft-Verhältnis (englisch: waist-to-hip ratio, WHR)
ergibt sich ganz einfach, indem man den Taillenumfang durch den
Hüftumfang dividiert. Diese Kenngröße weist geschlechtstypische
Unterschiede auf: Frauen haben ein kleineres THV als Männer.
Außerdem weist sie bei Frauen einen typischen Altersverlauf
auf, der als Indikator für die sexuelle Reife und die
Fortplanzungsfähigkeit dienen kann:
In der Pubertät nimmt bei Frauen das THV ab, in den Wechseljahren
nimmt es wieder
zu. Die geschlechtstypische Proportion, welche die weibliche Figur
während der fruchtbaren Phase deutlich von der männlichen Figur
unterscheidet, korreliert auch mit der tatsächlichen Fruchtbarkeit
und verschiedenen Indikatoren der Gesundheit. Aufgrund dieser
Zusammenhänge ist es nahe liegend, dass das Taille-Hüft-Verhältnis
auch mit der Attraktivität der weiblichen Figur zusammen hängt.
Zu dieser Frage haben wir
eigene
empirische Untersuchungen durchgeführt. Unsere
Untersuchungen (wie auch die Befunde zahlreicher anderer Forscher)
führen grob gesagt zu folgendem Schluss: Das Taille-Hüft-Verhältnis
(waist-to-hip ratio, WHR) weist einen statistisch signifikanten
Zusammenhang mit der weiblichen Attraktivität auf: Wie von Singh
postuliert, ist eine im Vergleich zur Hüfte schmalere Taille attraktiver.
ABER: Andere Aspekte,
wie zum Beispiel die Körperfülle (gemessen durch den body mass
index BMI) spielen eine sehr viel größere Rolle als das
Taille-Hüft-Verhältnis! Darüber hinaus spricht vieles dafür, dass
in der Regel das Gesicht eine wesentlich wichtigere Rolle
spielt als die Figur.
Die Diskussion um das Taille-Hüft-Verhältnis ist ein schönes
Beispiel dafür, wie in der Wissenschaft und in den Medien an sich
geringfügige Effekte maßlos übertrieben werden.