Haare in der Evolution
Die Ausprägung des Haarwuchses bei unseren "Urahnen" unterschied sich
erheblich von unserem heutigen Behaarungsmuster. Frühere Formen der Spezies
Mensch verfügten über eine sehr dichte Körperbehaarung, man könnte
praktisch sagen über ein "Fell".
Wieso nun hat sich dieses Haarkleid soweit zurückgebildet? Hierzu gibt
es etliche wissenschaftliche Theorien, die in vielen Fällen einleuchtende
Argumente beinhalten, zugleich aber auch ihre Schwachpunkte haben können.
Vier wichtige Theorien stellen wir vor.
Die Savannen-Theorie
Die Savannen-Theorie geht davon aus, dass in Afrika der Baumbestand
immer weiter zurück wich, was man auf klimatische Veränderungen zurückführt.
Es entstanden mehr und mehr Savannen, sprich grasige oder auch mehr
oder weniger kahle Ebenen.
Unsere hominiden Vorfahren, zu ihrer Zeit Waldbewohner, zogen nun
in diese Ebenen. Das hatte zur Folge, dass sich ihre Lebensbedingungen
massiv änderten, was eine Anpassung an veränderte Umweltbedingungen
verlangte. Das bedeutete konkret, dass diese Hominiden statt dem
früheren wohl beschatteten Dasein in und auf Bäumen nun viel Zeit
im prallen Sonnenschein verbringen mussten.
Auch ihre Ernährungsgewohnheiten änderten sich mehr und mehr.
Vom überwiegenden Sammler, sprich Pflanzenfresser veränderte
sich die Spezies auch hin in Richtung Jäger.
Wenn ein solcher "haariger Affe" bei sehr starker Hitze und intensiver
Sonneneinstrahlung über die Savannen jagte, musste er unweigerlich
"ins Schwitzen geraten." Und genau hierin sehen einige Wissenschaftler
die Begründung für den starken Haarverlust der Population über die Zeit:
Der Verlust der Haare soll wegen der nunmehr starken Schweißabsonderung
erfolgt sein, da Schweiß auf glatter Haut schneller verdunsten kann
und so intensiver kühlt.
Haarverlust als zufälliges Nebenprodukt
Man nimmt an, dass das Fehlen starker Körperbehaarung zwar keinen
konkreten Vorteil, aber auch einfach keinen evolutionären Nachteil
mehr darstellte, denn der Mensch schuf sich zunehmend eigene
Schutzmechanismen wie z.B. Kleidung und Heizung. Man vermutet daher
eine eher "zufällige" Veränderung eines nicht länger relevanten
Merkmals, nämlich des starken Körper-Haarwuchses.
Die aquatische Theorie
Die aquatische Theorie mutet auf den ersten Blick ebenso interessant
wie unglaublich an: Die Hominiden sollen über einen längeren Zeitraum
während ihrer Entwicklung im Wasser gelebt haben.
Einige menschliche Merkmale, die bei landlebenden Säugern eher
ungewöhnlich sind, findet man jedoch häufig bei Säugern, die das
Land verlassen haben und nun im Wasser leben. Als Erklärung für dieses
Phänomen nimmt man an, dass in dem entscheidenden Zeitraum große
Teile des Lebensbereichs unserer Vorfahren vom Meer verschlungen worden seien.
Wenige verbleibende Hochlandgebiete bildeten darin Inseln.
Einige Hominiden passten sich nun dem aquatischen Lebensraum an, sie
brachten daher auch eine Reihe aquatischer Adaptationen mit sich.
Dazu zählte unter anderem Verlust der starken Körperbehaarung und
Anlagern einer dickeren Fettschicht am Körper. (Man denke
auch an die scherzhaft "Schwimmhäute" genannten Bereiche zwischen
unseren Fingern.) Die von den vertretern dieser Theorie gelieferte
Begründung ist relativ einfach:
Ein großes Wassersäugetier muss sich warm halten. Dazu nützt eine
Fettschicht im Inneren des Körpers besser als eine Schicht Haare
am äußeren Körper.
Außerdem bedeutete die stromlinienförmige Wuchsrichtung der
verbleibenden Haare eine Verbesserung der Schwimmfähigkeit
durch geringeren Widerstand.
Neotenie
Durch Verzögerung und Verlangsamung von Entwicklungsprozessen können
Tiere über die Lebensspanne Eigenschaften beibehalten, die im Vergleich
zu ihren Vorfahren als typisch unreife/kindliche Ausprägung angesehen
werden.
Wenden wir dies auf den Menschen und seine Evolution an, dann kann man
sich diesen als einen "pädomorphischen
(Kind-gestalteten) Affen" mit entsprechenden kindlichen Merkmalen
bezeichnen: Beispiele hierfür sind im Vergleich Mensch-Affe die
kindlich-runde Kopfform und eben auch das spärliches Haarmuster des
Menschen (genau wie beim Affenbaby bzw. Fötus).
Diese Verlangsamung der Entwicklungsprozesse kann man als sehr
großen Evolutionsvorteil des Menschen bezeichnen, denn der Mensch hat so
sehr viel mehr Zeit zum Wachstum und Reifen, für Spiel, Erfahrung
und Lernen. Dies hat eine enorme Verbesserung der Fähigkeiten und
Fertigkeiten, sowie generell eine sehr viel leistungsfähigere Ausbildung
des Gehirnes zur Folge.
Für die Neotenie-Theorie spricht das vergleichsweise sehr langsame
"Erwachsenwerden" des Menschen verglichen mit anderen Spezies.
Fötus von Macaca (li) nach 44 Tagen, vom Menschen (re) nach
49 Tagen. Nach: Schultz 1969
Links junger, rechts erwachsener Schimpanse

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