Vom Glauben zu wissen

Foto: Jörg Pütz

Auf dem Campus gibt es drei religiöse Gemeinden, zwei christliche und eine islamische – Die Neugier auf die Religion der anderen ist eines ihrer wesentlichen Merkmale

Religion ist eine komplizierte Sache. Sie verbietet Speisen, schließt Ehen oder verhindert sie, auch innerhalb einer Religion – man bedenke nur den Aufschrei, der noch vor gar nicht allzu langer Zeit durchs Dorf ging, wenn ein Katholik eine Protestantin heiraten wollte oder umgekehrt, je nachdem, wo man gerade war. Tu dies nicht, tu stattdessen lieber das, Gott mag dies nicht, dafür sollst du jenes tun, denn das findet er gut …

Ganz schön anstrengend. Muss aber nicht sein. Religiöses Leben sieht in vielen Gemeinden auf der Welt heute – Gott sei Dank! – anders aus, so auch an der Saar-Uni. »Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit«, lautet das Motto der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG), die für Studentinnen und Studenten aller saarländischen Hochschulen offen ist. »Wir leben davon, dass der Geist uns herausholt aus der Beschäftigung mit uns selbst und in Begegnung bringt mit anderen«, erläutert der Gemeindepfarrer Matthias Freudenberg diesen Wahlspruch.

Das tut die evangelische Gemeinde in ihrem Alltag auf verschiedene Weise. Zentraler Bestandteil sind natürlich die Gottesdienste der Gemeinde, die alle vier Wochen stattfinden. Matthias Freudenberg predigt im Gemeindezentrum der ESG im Saarbrücker Waldhausweg, in dem es einen Andachtsraum gibt, buchstäblich über Gott und die Welt, über Alltag und Religion. Anschließend sprechen die in der Regel zwischen 20 und 30 Gottesdienstbesucher über ihre Erfahrungen zum Thema, stellen Fragen und bringen neue Sichtweisen ein. »Das ist ein wesentliches Merkmal unserer Gemeinde: Teamarbeit. Hier gibt es nicht nur den Pfarrer, der vorturnt und alle anderen turnen hinterher «, sagt Matthias Freudenberg über diese Form der Gemeinschaft, die nicht nur evangelischen Christen offensteht. »Interreligiöses spielt eine große Rolle für uns. Und ökumenisch sind wir sowieso«, erklärt der Geistliche.

Das stellen Freudenberg und die studentischen Mitglieder der Gemeindeleitung zu vielen Anlässen unter Beweis. Vor allem bei der so genannten Tafelrunde kommen Menschen aus aller Welt und vieler Religionen zusammen. »Es kocht immer derjenige, der gerade Lust hat«, erklärt Studentin Elisabeth Zscherpel das Grundprinzip in einem Satz. »Meistens sind es internationale Gerichte, die dann für rund 25 Leute gekocht werden. Das ist anfangs zwar schwer, aber irgendwann hat man den Dreh raus«, sagt Zscherpel. So entsteht eine bunte Truppe, die sich an der Tafel trifft und nicht nur den kulinarischen Horizont erweitern möchte, wie es auf der Webseite der ESG zusammengefasst ist. Pfarrer Freudenberg begrüßt das außerordentlich und betont: »Unsere Gastfreundschaft ist an alle gerichtet«.

Unterstützung erfährt dieser Gedanke auch dadurch, dass die ESG ein Studentenwohnheim im Saarbrücker Waldhausweg betreibt. »70 Studentinnen und Studenten aus 33 Nationen wohnen hier«, erklärt Mawlan Mamat, der Mitglied der Wohnheimsleitung ist. Der uigurische Student ist selbst Moslem und steht in engem Kontakt mit Matthias Freudenberg und der ESG-Referentin Heike Luther-Becker. Freudenberg empfindet solche Kontakte als Bereicherung. Natürlich sei die Gesellschaft pluralistischer und säkularer geworden, räumt der Geistliche ein. Das Interesse an Religion scheint auf der einen Seite abzunehmen. »Aber andererseits fragen zum Beispiel Muslime sehr oft, was es für uns bedeutet, als Christen zu leben«. So entsteht wiederum ein Dialog, der gegenseitiges Verständnis und das Interesse aneinander weckt.

Diese religiöse Neugier, in einem christlich geprägten Land zu leben, war einer der Gründe für Mohammed Elzatma, sich bei der Islamischen Hochschulgruppe (IHG) zu engagieren. Der Palästinenser, seit 2004 in Deutschland, studiert an der HTW Mechatronik und steht kurz vor seinem Masterabschluss. »Als ich nach Deutschland kam, habe ich mich mit anderen Religionen beschäftigt, etwa dem Christentum. Daher war es für mich auch wichtig, mich mit meiner Religion, dem Islam, besser auszukennen. Ich werde ja auch immer wieder angesprochen auf meine Religion«. Und da Religion für ihn eine Lebensweise ist, möchte er sich möglichst gut damit auskennen.

Schnell begann Mohammed Elzatma, sich in der IHG zu engagieren und wurde schließlich vor rund einem Jahr deren Vorsitzender. Heute treffen sich freitags etwa 120 Studentinnen und Studenten aus 30 Nationen zum Freitagsgebet. »Darunter sind Gläubige aus Deutschland, Osteuropa, Ägypten, Marokko, Tunesien, Sudan, Indonesien, Arabien und vielen anderen Regionen der Welt«, zählt der 26-Jährige auf. Vier Imame, also Vorbeter, wechseln sich ab. Sie stammen aus dem Kreis der Studenten, denn ein Imam ist nicht zwingend ein Geistlicher wie ein Pfarrer oder katholischer Priester. »Der Imam muss gottesfürchtig sein, fromm und den Islam kennen. Dann kann er eine Predigt halten«, erklärt Elzatma. Die erste Predigt dauert rund zehn Minuten und ist in arabischer Sprache. »Dann folgt meist eine zweite Predigt auf Deutsch oder Englisch, da viele Gläubige ja nicht arabisch sprechen«, erklärt der Student. Mit ihm gehören rund 20 weitere Mitglieder zum engeren Kreis der IHG. Sie organisieren Veranstaltungen, Ausflüge für Studenten und Vorträge. »Jedes Wintersemester gibt es zum Beispiel ein Welcome-Meeting für neue Studenten «, so Mohammed Elzatma. »Wir fahren in Freizeitparks, in Museen und organisieren Ausflüge, zum Beispiel an die Saarschleife. Da fahren immer zwischen 30 und 40 Personen mit«, nennt er weitere Beispiele. Für ihn ist es wichtig, dass er auch mit den Mitgliedern anderer Religionen reden kann. »Was ist der Unterschied zwischen uns? Mit solchen Dialogen bauen wir Vorurteile ab. Denn wenn sich jeder in seine Welt zurückzieht, baut man nur Barrieren auf«, weiß Mohammed Elzatma.

Davon weiß auch Hochschulpfarrer Johannes Kreier von der Katholischen Hochschulgemeinde Hl. Edith Stein (KHG) ein Lied zu singen. »Bei uns begegnen sich die Kulturen «, sagt der Geistliche, der mit einer halben Stelle die Hochschulgemeinde betreut und mit einer weiteren halben Stelle dem Herz-Jesu-Kloster am Rande der Stadt in Burbach vorsteht. »Bei uns treffen zum Beispiel arabische Christen auf Muslime aus Syrien. Beide hegen bisweilen Vorurteile füreinander. Die Situation in Syrien ist für Christen sehr gefährlich, daher sind sie oft dünnhäutig, wenn sie auf Muslime treffen«, sagt Kreier über solche Situationen, in denen es mal knirscht. Der Priester ist niemand, der solche Konflikte scheut. »Wir wollen ja nicht zwangsläufig eine Harmonieveranstaltung machen. Das ist das Christentum auch nicht. Schließlich gibt es bis in den Kreis der Jünger hinein Auseinandersetzungen«,weiß Johannes Kreier aus der biblischen Geschichte. Daher geht er Konflikte geradeheraus an und löst sie mit den Beteiligten. »Wenn dann aber erstmal die Luft raus ist, ist es schon viel besser«, weiß er aus Erfahrung. »Schließlich sind wir hier ein offenes und gastfreundliches Haus. Das ist eine der ältesten christlichen Lebensweisen. Und daher darf und soll auch ausdrücklich jeder hierherkommen«, erklärt er eine Grundtugend der KHG.

Der Priester hat vor zwei Jahren auch den Konflikt mit dem Bistum Trier nicht gescheut, das vorhatte, die KHG aus Kostengründen dichtzumachen. Johannes Kreier, nunmehr der einzige Hochschulpfarrer der katholischen Kirche im Bistum Trier, konnte den Bischof davon überzeugen, wie wichtig die Arbeit an den saarländischen Hochschulen ist. »Für viele Studenten ist die KHG schließlich ein Stück Heimat«, erklärt er die Bedeutung. »Viele unserer Gläubigen kommen aus anderen Kulturkreisen, sprechen andere Sprachen«. Der christliche Glaube ist dann oft die einzige Gemeinsamkeit, die zwischen ihrer Heimat und dem Studienort in Deutschland besteht. Dieses Stück Heimat finden die Gläubigen im Semester vor allem in den Eucharistiefeiern sonntags und donnerstags sowie in der Meditation, die dienstags stattfindet.

Gemeinsam mit Edeltraud Brändle, dem »Gesicht« der KHG, wie Kreier voller Anerkennung über die Sekretärin sagt, und einem Team von 35 ehrenamtlich tätigen Studenten stemmt er das Pensum der Gemeinde. Zum einen sind da natürlich die Gottesdienste in der Gemeindekirche auf dem Saarbrücker Campus, zu denen etwa 60 junge Gläubige aus aller Welt kommen und nach denen manchmal noch eine muntere Diskussion über die Themen der Predigt entsteht. »Die Gottesdienste sind ein gutes Abbild der KHG: Sie sind sehr international. Da treffen sich Afrikaner, Polen, Südamerikaner und Deutsche«, sagt Johannes Kreier über die Zusammensetzung. Zum anderen gehört auch der Betrieb des Cafés der KHG zu den grundlegenden Angeboten der Gemeinde. Und hierfür ist die Hilfe der Studenten unentbehrlich. »Ich habe für jeden einzelnen großen Respekt, der neben seinem Studium auch noch dabei hilft, das Café zu betreiben«, sagt Kreier über die Freiwilligen.

Wie für Matthias Freudenberg von der ESG und Mohammed Elzatma von der IHG ist für Johannes Kreier das Miteinander, die Überwindung von Konfessions- und Religionsgrenzen der Kerngedanke seiner Arbeit. Denn trotz aller Unterschiede eint die drei Gemeinden doch ein Gedanke. Mohammed Elzatma äußerte ihn genauso trocken wie treffend auf die Frage, wo er denn Gemeinsamkeiten zwischen der IHG und den christlichen Hochschulgemeinden sehe: »Wir glauben alle an Gott«. Manchmal kann Religion auch ganz einfach sein.

_Thorsten Mohr

 

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