Montag, 16. März 2015

Die Funktionen des Erotischen in der Literatur behandelt die Tagung „Erregungsmomente“

Juliane Blank, Germanistin an der Saar-Uni

In vielen Gedichten und Romanen tauchen seit Beginn des 19. Jahrhunderts erotische Beschreibungen auf, die noch heute überraschen und manchmal wie Fremdkörper im Text wirken. Wollten Autoren wie Goethe, Celan oder E.T.A Hoffmann ihre Leser mit Sex nur unterhalten? Diese Interpretation scheint zu kurz gegriffen. Literaturwissenschaftler vermuten vielmehr, dass erotische Szenen vielfältige Funktionen in der Literatur erfüllen. Sie können religiös und politisch motiviert sein, Gesellschaftskritik widerspiegeln oder auch der persönlichen Selbstfindung dienen. Eine internationale Tagung in Saarbrücken wird sich am 27. und 28. März diesen „Erregungsmomenten“ in der europäischen Literatur widmen.

 

„Bei der Tagung wird es nicht um erotische Romane im Stil von ‚Fifty Shades of Grey‘ gehen, die auch schon im 18. Jahrhundert unter dem Ladentisch gehandelt wurden. Wir wollen uns vielmehr mit erotischen Szenen in den großen literarischen Werken der vergangenen zwei Jahrhunderte beschäftigen“, sagt Juliane Blank, promovierte Germanistin der Universität des Saarlandes. Dass sie damit noch weitgehend unerforschtes Terrain betritt, zeigt die große Resonanz auf die Tagung, zu der sie gemeinsam mit der Germanistin Anja Gerigk von der Ludwig-Maximilians-Universität in München eingeladen hat.

Literaturwissenschaftler aus ganz Europa haben sich angemeldet und werden Beispiele für erotische Textstellen liefern, die noch der Interpretation bedürfen. „Wir wollen diskutieren, welche Funktionen das Erotische in dem jeweiligen Werk erfüllt und wie es in den historischen Kontext passt. Aus gesellschaftspolitischen Betrachtungen wissen wir zum Beispiel, dass es um 1800 und um 1900 Umbrüche gab, die man als Epochenschwellen bezeichnet. Wie diese sich auf die Darstellung des Erotischen in der Literatur auswirkten, wurde bisher noch nicht untersucht“, erläutert Blank.

In Saarbrücken wollen die Literaturwissenschaftler, die vor allem aus der Romanistik und Germanistik kommen, auch kulturelle Unterschiede beleuchten. Denn auffallend viele Tagungsbeiträge beschäftigen sich mit literarischen Werken aus Frankreich, Italien und Spanien. Aber auch wiederkehrende Motive kommen zur Sprache: „Wir wollen möglichst viele Beispiele zusammenfügen, um ähnliche Funktionen zuordnen zu können. Einige Schriftsteller haben zum Beispiel Kunstwerke, etwa antike Skulpturen, als Motiv genommen, um den nackten Körper als Objekt der Begierde zu beschreiben“, erklärt Blank. Andere stellten den Akt eher abstoßend dar, mit fast pornografischen Elementen. „Da stellt sich die Frage, welche Rolle das Überschreiten von Geschmacksgrenzen spielt“, sagt die Nachwuchsforscherin.

Die Literaturwissenschaftler werden außerdem diskutieren, welche „Erregungsmomente“ in den Notizen der Schriftsteller zu finden sind und was davon tatsächlich für Romane oder Gedichte verwendet wurde. „Spannend ist auch die Frage, was von den Behörden oder den Autoren selbst zensiert wurde, was vielleicht sogar einen Skandal verursachte“,  führt Blank aus. Denn erst um 1800 scheint die Erotik literaturfähig zu werden. „Die Erotik ist als ein menschliches Grundthema in der Literatur ähnlich verbreitet wie der Tod oder der Zufall. Über ihre Funktion in der Literatur wurde bisher aber nur punktuell geforscht, das soll diese Tagung ändern“, hofft Juliane Blank. Sie zeigt sich überrascht, dass vor allem junge Forscherinnen ihrer Einladung an die Saar-Uni gefolgt sind. „Noch vor zwanzig Jahren waren erotische Interpretationen eher ein Thema, mit denen man sich erst als arrivierter Forscher beschäftigen konnte. Das hat sich anscheinend geändert“, schmunzelt die junge Germanistin.

Die wissenschaftliche Tagung findet in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Regionalverband Saarbrücken im Alten Rathaus am Schlossplatz in Saarbrücken statt. Sie wird von der Universitätsgesellschaft des Saarlandes und der Sparkasse Saarbrücken unterstützt. Die Teilnahme ist kostenlos, interessierte Literaturfans sind willkommen. Programm und weitere Informationen zur Tagung: https://jueblank.wordpress.com


Pressefotos unter: www.uni-saarland.de/pressefotos

Fragen beantwortet:

Dr. Juliane Blank
Fachbereich Germanistik
Universität des Saarlandes
Tel.: 0681-302 4071
E-Mail: j.blank@mx.uni-saarland.de
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