Mittwoch, 07. Juni 2017

Psychologin erklärt, warum wir uns literarische Figuren ähnlich vorstellen

Die Auswahl der Schauspieler für Literaturverfilmungen oder Theateraufführungen sorgt immer wieder für hitzige Debatten. Viele Leser der Vorlage haben sich die Heldin oder den Bösewicht ganz anders vorgestellt. Das liegt unter anderem an Stereotypen, die Leser automatisch beim Lesen bilden. Literarische Figuren erhalten dabei im Kopf des Lesers eine konkrete Gestalt, obwohl sie im Text bisweilen gar nicht näher beschrieben sind. Die Saarbrücker Psychologin Stefanie Miketta untersucht seit mehreren Jahren, wie solche Stereotype entstehen – und warum wir uns die Figuren oft sehr ähnlich vorstellen.

Millionen Leser hatten ein Bild im Kopf – und viele waren verstört, als bei „Harry Potter und das verwunschene Kind“, dem achten Teil der Reihe, einem Theaterstück, Harry Potters Frau und ehemalige Mitschülerin Hermine Granger von einer Schauspielerin mit schwarzer Hautfarbe gespielt wurde. War Hermine nicht eindeutig eine Frau mit weißer Hautfarbe? Mitnichten, wie die Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling bei der anschließenden Debatte mit den Fans erklärte: Nirgends sei im Buch erwähnt, dass die Musterschülerin der Zaubererschule Hogwarts weiß sei.

Warum die Entscheidung, eine der Hauptfiguren in dem Bestseller von einer schwarzen Frau spielen zu lassen, für solche Diskussionen sorgte, kann Stefanie Miketta erklären, auch wenn Harry Potter nicht zu den Texten gehört, die sie für ihre Forschung herangezogen hat. Die Psychologin hat mehrere Studien durchgeführt, die untersuchen, wie Leser literarischer Texte sich Figuren vorstellen. Sie kommt zu einem verblüffenden Ergebnis: „Die Leser stellen sich die Figuren beim Lesen tatsächlich sehr ähnlich vor, auch wenn sie gar nicht näher im Text beschrieben werden.“

Das liegt vor allem an Stereotypen, die alle Menschen bilden. Die Leser haben also von der englischen Mittelschichts-Schülerin ein bestimmtes Bild im Kopf, also sieht in deren Augen auch die Figur im Buch so aus wie das Stereotyp der englischen Schülerin. Diese hat als Stereotyp demnach weiße Hautfarbe, auch wenn es natürlich Schülerinnen mit schwarzer Hautfarbe in England gibt. Der Einzelfall kann auch gar nichts mit dem Stereotyp zu tun haben. „Stereotypenbildung ist ein Mechanismus des Gehirns, um Arbeit und damit Energie und Zeit zu sparen“, erklärt Stefanie Miketta. „Es greift auf automatische Prozesse zurück, um in neuen Situationen fehlende Details mit bekanntem Wissen aufzufüllen. Wenn ich beispielsweise sage: ‚Heute morgen habe ich mir einen Apfel aufgeschnitten‘, dann stellt sich der Zuhörer automatisch vor, dass ich das mit einem Messer getan habe. Ich könnte den Apfel natürlich auch mit einem Skalpell oder einer Glasscherbe geschnitten haben, aber wahrscheinlich ist das nicht.“ Das Gehirn ersetzt also diese fehlende Information automatisch und spart so Energie und Zeit.

Die 30-Jährige, die zum Thema Wahrnehmung literarischer Figuren 2012 bereits ihre Diplomarbeit im österreichischen Klagenfurt verfasst hatte, betreibt ihre Forschung nun an der Saar-Uni weiter. Automatische Abläufe haben wohl den Sinn, in unbekannten Situationen schnell Entscheidungen treffen zu können. „Kategorisierten unsere Vorfahren auf diese Weise beispielsweise Menschen, konnten sie schneller entscheiden: Muss ich hier weg? Droht Gefahr?“, erklärt die Psychologin, die am Lehrstuhl für Sozialpsychologie bei Professor Malte Friese forscht.

In mehreren Einzelstudien hat sie dafür über 1000 Freiwilligen sehr kurze literarische Texte, die zum Teil nur wenige Zeilen lang sind, vorgelegt. Anders, als dies natürlich bei Harry Potter der Fall ist, hat die Psychologin extra darauf geachtet, dass es sich um möglichst unbekannte Texte handelt. So sollte vermieden werden, dass die Probanden nicht bereits eine Vorstellung der Figuren im Text haben. „Wir haben den Teilnehmern jeweils zwei Texte vorgelegt und sie nachher gefragt, wie sie sich die Figuren im Text vorstellen.“ Auswählen konnten die Probanden „ihre“ Figuren aus jeweils zwölf Gesichtern, die aus einer Gesichtsdatenbank für psychologische Forschungszwecke stammen. Aus diesen zwölf Gesichtern wählten sie mit sehr hoher Häufigkeit dieselben ein bis zwei Gesichter aus, die die gemeinsame Vorstellung des Literaturcharakters widerspiegelten. Die Leser hatten also mehrheitlich sehr ähnliche Vorstellungen der Figuren, ohne dass diese mit Merkmalen wie Hautfarbe, Augenfarbe oder Alter im Text beschrieben werden.

Stefanie Miketta machte in einer Vorstudie eine weitere verblüffende Feststellung: „Manchmal hatten die Figuren in der Vorstellung der Leser unterschiedliche Augenfarben oder Haarfarben. Aber viele haben sich ähnliche kleine, verrückte Details vorgestellt, bei einer Figur zum Beispiel Flicken auf den Jackettärmeln“, erläutert die Wissenschaftlerin.

Solche Stereotypenbildungen sind wichtig vor allem für das Verständnis längerer Texte. In einem Roman mit vielen Charakteren zum Beispiel ist es effizient, wenn das Gehirn bestimmte Vorstellungen von Personen automatisch anlegt, um so beim flüssigen Lesen des Textes gleich ein Bild vor Augen zu haben und so die verschiedene Figuren besser voneinander unterscheiden zu können. Dabei wird Hermine Granger für viele Leser aus dem westlichen Kulturkreis womöglich eine Frau mit weißer Hautfarbe – ob sie dies nun wollen oder nicht.

 

Hintergrund:

Stefanie Miketta hat bisher in neun Studien über 1000 Personen befragt, wie sie sich Figuren in literarischen Texten vorstellen. Die Daten hat sie inzwischen bereits ausgewertet und interpretiert sowie auf Konferenzen vorgestellt. Publiziert wurden sie bisher noch nicht.

 

Weitere Informationen:

Stefanie Miketta
Tel.: (0681) 3023770
E-Mail: st.miketta(at)mx.uni-saarland.de

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