Montag, 06. Juni 2011

Seit zwölf Jahren macht die SZ schlaffe Kinder fit

Saarbrücker Zeitung


Einzigartige Aktion „Kid-Check“ der Saar-Uni und der Saarbrücker Zeitung: Haltungsschwächen erkennen und wegtrainieren

Von SZ-Redakteur
Martin Lindemann

Warum haben Kinder ein starkes Hohlkreuz, hängende Schultern, einen vorstehenden Kopf, abstehende Schulterblätter oder eine seitlich verkrümmte Wirbelsäule? Und kann man etwas dagegen machen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Aktion Kid-Check, ein einzigartiges Projekt, das die Saarbrücker Zeitung und die Universität des Saarlandes im Oktober 1999 ins Leben gerufen haben. Ärztlicher Leiter ist Professor Dr. Eduard Schmitt, wissenschaftlicher Leiter Dr. Oliver Ludwig.

Hinter der Aktion steckt die Idee, Haltungsschwächen und -schäden schon im Kindesalter vorzubeugen. „Vielen Eltern und Trainern ist oft gar nicht bewusst, dass Kinder wegen mangelnder Körperstabilität bereits deutliche Haltungsschwächen aufweisen“, war in der SZ am 27. Oktober 1999 zum Start des Projekts zu lesen.

Kernpunkt des Kid-Check sind die Haltungsanalysen an der Universitätsklinik in Homburg, die mehrmals im Jahr angeboten werden. Dort untersuchen Ärzte, Wissenschaftler und Therapeuten aus verschiedenen Fachbereichen acht- bis 18-jährige Kinder und Jugendliche auf Haltungsdefizite, testen Beweglichkeit, Kraft, Gleichgewicht und Koordination, geben Therapie-Empfehlungen und stellen Übungs- und Trainingsprogramme zusammen. Die Eltern können ihre Sprösslinge zu allen Stationen begleiten und mit den Experten die Ergebnisse der Tests besprechen. Das ist ein Erfolgsgeheimnis der Aktion. Von den bisher über 2000 untersuchten Mädchen und Jungen sind 60 Prozent durch Haltungsschwächen aufgefallen.

Da es in der medizinischen Literatur keine einheitliche und auch keine leicht umsetzbare Empfehlung gab, wie man Haltungsdefizite definieren kann, haben die Kid-Check-Experten dafür ein computergestütztes Bild-Mess-Verfahren entwickelt. Die Forscher konnten im Laufe der Jahre eindeutig belegen, dass eine schlechte Körperhaltung nicht nur von einer schwachen Muskulatur und schlechten Dehnung herrührt, sondern auch mit mangelndem Körpergefühl zu tun hat. Dass häufiges Fernsehen und Computerspielen dem Gleichgewicht schaden, ist ein wichtiges Ergebnis der Forschung. In einer weiteren Studie wurde nachgewiesen, dass die immer wieder verbreitete Warnung vor „überladenen“ Schulranzen wissenschaftlich nicht zu begründen ist. „Der Ranzen darf ruhig etwas schwerer sein“, ermittelten die Experten.

Über den Kid-Check haben zahlreiche Medien berichtet. Das Magazin „Geo“ stellte in einer Titelgeschichte („Was stresst unsere Kinder?“) die Aktion vor, die Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“ widmete der Schulranzen-Studie einen Artikel („Etwas schleppen schadet nicht“), die beispielsweise auch bei „Spiegel“ und „Focus“ große Beachtung gefunden hat. Der SZ war das Thema am 21. August 2008 einen großen Artikel wert. „Es gibt keinen einzigen Beleg dafür, dass der Rücken eines Kindes geschädigt wird, wenn es einen Schulranzen trägt, der schwerer als zehn Prozent seines Körpergewichts ist“, war da zu lesen. Die Zeitschrift „Test“ der Stiftung Warentest stellte das Trainingsprogramm vor, das Kid-Check-Wissenschaftler für haltungsschwache Jugendliche entwickelt haben. Das ZDF und 3sat sendeten im Juni 2009 einen Beitrag über den Kid-Check.

Ein Schwerpunkt des Projekts ist das gezielte Training mit ausgewählten Jugendlichen im Alter von 14 bis 16 Jahren, die bei den Haltungsanalysen auffällig geworden sind. Auf dem Programm stehen Gleichgewichts- und Haltungsübungen, gezieltes Dehnen verkürzter Muskeln sowie ein Krafttraining an Maschinen und mit Hanteln. „Eine schlechte Haltung lässt sich in drei bis vier Monaten wegtrainieren“, erklärte Ludwig am 28. Januar 2010 in der SZ.

In einigen Fällen sind keine körperlichen Schwächen der Grund für eine schlechte, geduckte Haltung, sondern Gefühle wie Unsicherheit, Angst, Unlust, Nervosität, Besorgnis und Mutlosigkeit. Einige der betroffenen Kinder lädt das Kid-Check-Team seit 2002 zum Einzelunterricht mit einem professionellen Verhaltenstrainer ein.

Angesicht des Umfangs und der Qualität der Forschung mag es verwundern, dass die beteiligten Ärzte, Wissenschaftler und Therapeuten ehrenamtlich und kostenlos beim Kid-Check mitarbeiten. Die Saarbrücker Zeitung als Medienpartner plant und organisiert die Untersuchungstermine. Zudem ist die SZ für die Internetseite (www.kidcheck.de) zuständig, auf der das Projekt und die Ergebnisse vorgestellt werden. Pro Jahr wird die Seite mehr als drei Millionen Mal angeklickt.

Quelle: Saarbrücker Zeitung (bitte den Titel des Textes in die Suchmaske eingeben)