Dienstag, 05. März 2013

Forschung zum Tierepos: Von kleinen Tieren und großen Taten

 

Saarbrücker Germanisten machen eine der wichtigsten frühneuzeitlichen Tierdichtungen wieder für die Forschung zugänglich. Sie haben eine kritische Edition des Mückenkriegs von Hans Christoph Fuchs aus dem Jahr 1600 erarbeitet, geben also den originalgetreuen Text mit Kommentar heraus. Mit ihrem Projekt leisten Professor Ralf Bogner und Sabine Schu ein Stück weit Pionierarbeit: Das Tierepos des 16. bis 18. Jahrhunderts ist bislang kaum erforscht. Jetzt liegt die Ausgabe mit Kommentar und wissenschaftlichem Nachwort vor, in dem die geschichtlichen, kultur- und sprachwissenschaftlichen Hintergründe des Werkes erläutert werden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) förderte das Projekt.

„Jn diesem Ersten Buch rüst sich | Der Mücken Heer zum Amaißkrieg | Die jhnen groß schaden vnd hohn | Bewiesen hatten.“ So beginnt der Mückenkrieg, ein Tierepos. Wie die Fabel sollen Tierepen belehren und zugleich unterhalten – in Pelz und Panzer gepackt lassen sich ethische Regeln und moralische Botschaften besser an den Leser bringen. Während bei Tierfabeln die Moral der Geschichte sich in kurzen Texten erschließt, in denen Löwe oder Fuchs Eigenschaften wie Stolz oder List verkörpern, ist das Tierepos größer und individueller angelegt: Es verknüpft mehrere Fabeln zu einer einheitlichen Erzählung, greift antike Vorbilder auf. Die Tiere - in der Frühen Neuzeit etwa Frösche, Mäuse, Ameisen, Mücken und Bremsen - sind eigenständige Protagonisten, tragen Namen und stellen Charaktere mit individuellen Eigenschaften dar.

So auch im Mückenkrieg, den die Germanisten Professor Ralf Bogner und Sabine Schu in der deutschen Fassung aus dem Jahr 1600 neu ediert und für Forschung und Studium zugänglich gemacht haben. Die wenigen überlieferten Drucke und die schlechte Editionslage des Textes haben bislang eine wissenschaftliche Auseinandersetzung erschwert. Bisherige Ausgaben passten den Text jeweils sprachlich ihrer Zeit an. Er wurde, wie die Experten sagen, „normalisiert“, überarbeitet, der besseren Lesbarkeit wegen ans Neuhochdeutsche angeglichen. Und so wurde er mehr und mehr für die Forschung wertlos, die etwa die Groß- und Kleinschreibung der Frühen Neuzeit untersuchen will. Die Originalität und Authentizität des Textes war zum Teil verloren gegangen.

Hans Christoph Fuchs dichtete das Epos vermutlich 1580 nach Vorlage einer so genannten  „makkaronischen“ Dichtung des Italieners Teofilo Folengo, deren Sprachwitz auf der Mischung der Sprachen Welsch und Latein basiert. Im Mittelpunkt steht, was bei seiner Entstehung, einer Zeit, als das Söldnerwesen sich gegen das feudale Kriegswesen durchsetzte, Realität war: Krieg und Gewalt. Beschrieben wird auf recht drastische Weise die Geschichte eines Massenkriegs, der nach dem Überfall der Ameisen auf einen Seehafen der Mücken entbrennt. Das Buch spiegelt die Sicht der Zeit: Es geht nicht um einen inneren Kampf der Protagonisten angesichts der Sinnhaftigkeit des Krieges. Vielmehr wendet sich der Text als eine Art „Kriegsanleitung“ vorrangig an Fürsten und Adlige, um aufzuzeigen, wie sich ein Herrscher im Krieg zu verhalten hat, auf welche Art ein Heer zu führen ist. Es zeigt Belagerungsstrategien auf und belehrt darüber, welche Taktiken und Eigenschaften den Helden ausmachen.

Im Kommentar gehen Bogner und Schu auf Überlieferungsgeschichte und historische Hintergründe ein, untersuchen sprachhistorisch Aufbau und Sprache und geben Deutungshinweise. Wort- und Sacherklärungen etwa zu militärischen Begriffen oder mythologischen Hintergründen sollen Wissenschaftlern und Studenten die Arbeit erleichtern. Die Saarbrücker Germanisten stellen außerdem zwei Varianten der zeitgenössischen Bearbeitung in den Anhang. Wie die des Pfarrers Balthasar Schnurr von Lendsidel, der 1612 fand, dass die Moral des Epos noch konkreter gefasst werden könnte, und der deshalb „Erinnerungen“ einfügte, die den Lesern die Lehren auf protestantischer Basis näher bringen sollten.

Das Forschungsprojekt wurde gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Erschienen ist „Der Mückenkrieg“ von Dr. Sabine Schu im Röhrig-Universitätsverlag, ISBN 978-3-86110-523-7

Kontakt:
Prof. Dr. Ralf Bogner: Tel: 0681 / 302-3362; E-Mail: r.bogner(at)mx.uni-saarland.de
Dr. Sabine Schu: Tel: 0681 – 302 2356; E-Mail: s.schu(at)mx.uni-saarland.de

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