Monday, 15. May 2017

Mathematikdozent Matthias Römer: Wer rechnen will, muss Deutsch können

Saarbrücker Zeitung

Von David Seel

Saarbrücken. „Die Mathematik ist das Alphabet, mit dem Gott die Welt geschrieben hat“, soll Galileo Galilei einst gesagt haben. Doch die Sprache der Mathematik wird nicht überall auf der Welt gleich gesprochen und sie ist auch nicht universell verständlich.

Das jedenfalls sagt Matthias Römer, Dozent an der Universität des Saarlandes und Mathematiklehrer an der Gemeinschaftsschule am Sonnenhügel in Völklingen. An seinem Arbeitsplatz hat er viel mit Schülern zu tun, die einen Migrationshintergrund haben. Zu Hause wird in vielen Familien kaum Deutsch gesprochen. Laut Römer kann das nicht nur für den Sprach- sondern auch für den Mathematikunterricht ein großes Problem darstellen. Um die Abhängigkeiten bei mathematischen Fragestellungen zu verstehen, sei beispielsweise oftmals ein tiefes Sprachverständnis erforderlich.

Besonders Schüler, deren Eltern aus der Türkei oder dem arabischen Sprachraum kommen, hätten Probleme mit gewissen Formulierungen in mathematischen Aufgaben auf Deutsch. Laut Erkan Gürsoy, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Duisburg-Essen, sind in erster Linie zusammengesetzte Substantive und Präpositionen problematisch. Diese würden im Türkischen wie im Arabischen völlig anders verwendet, seien aber gerade beim Verständnis von Matheaufgaben äußerst wichtig. Hinzu kämen Besonderheiten der deutschen Sprache, beispielsweise bei der Darstellung von Zahlen: „Deutsch ist die einzige mir bekannte Sprache, in dem bei zweistelligen Zahlen die hintere Ziffer zuerst gesprochen wird“, sagt Matthias Römer.

Dass dies ein Problem darstellen kann habe sich beim Eingangstest für naturwissenschaftliche und mathematische Studienfächer an der Universität des Saarlandes gezeigt, der für Asylbewerber und Flüchtlinge mit akademischem Hintergrund eingerichtet worden war. Die Tatsache, dass viele der Bewerber trotz hervorragender Qualifikationen im jeweiligen Mutterland durchgefallen sind, könne darauf zurückzuführen sein, dass sie die Aufgabenstellungen nicht richtig verstanden haben, vermutet Römer.

Aber auch für deutsche Schüler stellt die komplizierte Fachsprache in mathematischen Vorlesungen eine große Hürde dar. Viele entschieden sich deshalb trotz guter Noten gegen ein mathematisches Studium. „Die Frage ist da weniger, ob die Schüler später Probleme mit mathematischen Inhalten haben werden, sondern ob sie im Vorfeld schon so viel Angst vor diesen Problemen haben, dass sie gar nicht erst anfangen zu studieren“. Eine Lösung kann laut Römer sein, unnötig komplizierte Formulierungen in der mathematischen Fachsprache zu entschärfen. Der Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz, der sich mit der Entwicklung einer Universalsprache auf Grundlage der Mathematik beschäftigt hat, war vielleicht auf der richtigen Spur: „Das also steht fest, dass, was nicht in der Umgangssprache ausgedrückt werden kann, nichts wert ist“, soll er gesagt haben.

Quelle: Saabrücker Zeitung