Tuesday, 16. May 2017

Die gefühlte historische Wahrheit: Vorstellung von Milo Rau, Inhaber der Poetikdozentur an der Saar-Uni

Saarbrücker Zeitung

Wie schlau muss man sein, um Milo Rau zu folgen? Der Filmemacher, Regisseur und Autor ist nicht nur einer der erfolgreichsten Theatermacher, sondern auch ein gefragter Intellektueller. Als Inhaber der Poetikdozentur hält er Vorträge in Saarbrücken.

Von Cathrin Elss-Seringhaus

Saarbrücken. Wer ganz hoch greift in die Lorbeeren, nennt Milo Rau (40) den „Brecht des 21. Jahrhunderts“. Tatsächlich lassen sich da Gemeinsamkeiten finden: Wie Brecht ist Rau Theaterpraktiker und Theatertheoretiker in einer Person. Und wie Brecht 1926 sein „episches Theater“ installierte, gilt Rau heute als Erfinder eines neuen politischen Theaters jenseits der gängigen Muster des postdramatischen und dokumentarischen Theaters. Seinen Stil nennt Rau „globalen Realismus“. Was abstrakt klingt, aber auf der Bühne überraschenderweise sehr einfach zugänglich ist, denn Raus Stücke – „Five easy Pieces“ über die Detroux-Morde oder „Breiviks Erklärung“ – spielen unter uns, mitten im prallen, grausamen Leben der Zeitgeschichte. Sind, um es sehr schlicht zu sagen, nachgestellte historische Momente, oft Gerichtsprozesse. Doch der handwerkliche und theoretische Unterbau dieser Projekte, aus denen das Multitalent Rau Bücher, Filme und Bühnenwerke generiert, ist wahrlich kompliziert. Diese Erfahrung ließ sich am Montagabend im Mittelfoyer des Saarländischen Staatstheaters machen; es platzte zum Start der Vortragsreihe im Rahmen der sechsten „Saarbrücker Poetikdozentur“ förmlich aus den Nähten. Obwohl es sich um ein höchst anspruchsvolles Format der Fachrichtung Germanistik der Saarbrücker Universität handelt, um Bühnenkunst, Öffentlichkeit und Wissenschaft in einen Austausch zu bringen, wurde der Kreis der Insider und Experten längst gesprengt.

Nun referierte also der derzeit in Deutschland wohl erfolgreichste und mit 50 Produktionen wohl auch produktivste Theatermacher Rau. Fast schon nervös tänzelte er zwischen Video-Leinwand und Redner-Tisch auf und ab – hoher Mitteilungsdruck, viel Stoff eben, eigenwillig strukturiert. Rau geht es bei den Saarbrücker Vorlesungen um seine „Methodologie“, im ersten Vortrag legte er schwerpunktmäßig seine Recherchemethoden offen: Wie und mit welchem Ziel begibt er sich hinein in die Vergangenheit? Er setzt auf „biologische Archive“, auf Zeitzeugen-Aussagen. Doch Rau will nicht etwa die historischen Fakten imitieren, sondern will das „geschichtliche Gefühl“ und die Atmosphäre rekonstruieren. Weshalb er bewusst Fehler in seine Stücke montiert, weil sie die „Wahrheit“ der von ihm interviewten Zeitzeugen spiegeln. Wobei Rau die „Verhängnisstruktur“ des geschichtlichen Momentes fasziniert. Seit Kindertagen, wie man erfuhr. Ein Zeitungsfoto, das japanische Soldaten beim „Ausprobieren“ eines neuen Bajonettes zeigte – sie metzeln chinesische Gefangene nieder –, wurde sein Fetisch. Diese Erfahrung legte die Zündschnur zum untergründigen Thema seiner heutigen Arbeiten: Voyeurismus und Schuldigwerden durch Schaulust.

Ähnlich elektrisierend erlebte Rau als Zwölfjähriger das Bild des rumänischen Diktatoren-Ehepaares Ceausescu kurz vor seiner Aburteilung und Hinrichtung 1989 – „zwei böse Engel der Geschichte, verraten und verlassen“. In Saarbrücken wurden sie durch Filmausschnitte aus „Die letzten Tage der Ceausescus“ präsent. Rau erläuterte, welche Verfremdungen es brauchte, um den Raum, in dem der Volksgerichtshofsprozess stattfand, nicht original, aber authentisch zu zeigen. So, wie ihn die, die dabei waren, erlebten. Rau: „Die am wenigsten erforschten Sachen sind die Weltereignisse“, die in ikonenhaften Momentaufnahmen festgehalten würden. Raus Ziel ist es, diese verengte Perspektive der Bilder aufzureißen.

Als zweites Fallbeispiel diente in Saarbrücken sein Stück „Hate Radio“ zum Genozid in Ruanda (1994). Hier lieferte laut Rau Musik der Gruppe Nirvana, die damals nie gespielt wurde, die historisch „echte“ aufputschende Mord-Stimmung, die die Journalisten des Senders RTLM verbreiteten. Die Reaktion der Überlebenden: „Genau so war es!“

„Es gibt die Weisheit des Fehlers“, so Rau. Am Ende dieses kosmischen Gedankensturmes stand die Erkenntnis, dass Rau eines der besten Beispiele dafür ist, dass Theater auf die immer komplizierter werdende Realität mit immer komplizierteren Konstrukten antwortet.

Termine: Weitere Vorträge und Stücke von Milo Rau

22. Mai, VHS-Zentrum Saarbrücken (Saal 4), 29. Mai, Saarbrücker Stadtgalerie. Beginn: immer 20 Uhr. Am 23. Mai tritt Rau auch in Luxemburg auf (Vortrag plus Diskussion): 19 Uhr, Abtei Neumünster (Veranstaltung der Universität Luxemburg). Eintritt frei.

Stücke/Aufführungen im Rahmen des Perspectives-Festivals: 25. Mai, 20 Uhr: Die Moskauer Prozesse (Kino achteinhalb). 7/8. Juni : Empire (Alte Feuerwache).

Quelle: Saarbrücker Zeitung