Friday, 02. June 2017

Wenn der Hörsaal Frust auslöst: Studie zu Studienabbrechern

Saarbrücker Zeitung

Jeder dritte Student in Deutschland wirft hin. Studie zeigt jetzt erstmals, warum. An Faulheit liegt es nicht.

Von Werner Herpell und Alexander Stallmann

Saarbrücken.
(dpa/SZ) „Die Atmosphäre im Studium hat mir einfach nicht zugesagt“, sagt David Seel. Der junge Saarbrücker studierte einige Semester Medizin und brach sein Studium dann ab. „Die Medizin war letztlich nie meine Welt. Im Grunde hätte ich das schon viel früher einsehen müssen“, sagt Seel. Mit seinem Werdegang ist er in prominenter Gesellschaft. Auch Bill Gates, Anke Engelke, Herbert Grönemeyer, Günther Jauch und viele weitere haben die Hochschule ohne Abschluss verlassen. In Deutschland ist Studienabbruch ein echtes Massenphänomen. Fast jeder Dritte wirft hin.

Dass viele Studenten vor allem in den ersten Semestern frustriert aufhören, ist schon lange bekannt. Meist tauchen sie dann in die Anonymität ab und irgendwann ohne Uni-Abschluss wieder im Arbeitsmarkt auf. Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) fand nun heraus, dass die Abbrecherquote im Vergleich zu früheren Untersuchungen von 28 auf 29 Prozent gestiegen ist. An Universitäten geht sie leicht von 33 auf 32 Prozent zurück. Dafür legt sie an Fachhochschulen von 23 auf 27 Prozent zu.

Was die Ursachen der vielen Abbrüche sind, war bislang weitgehend unbekannt. Die Studie beleuchtet nun erstmals die Motive und Lebenswege der Abbrecher. Wesentliche Einflussfaktoren liegen bereits in der Phase vor dem Studium, so die DZHW-Wissenschaftler. Denn gut drei Viertel der erfolgreichen Studienabsolventen, aber nur 61 Prozent der Abbrecher hätten ihre Zugangsberechtigung an einem Gymnasium erworben. Andere schulische Wege ins Studium wie Abendgymnasien, Kollegs, Fachgymnasien, Berufs- und Fachoberschulen seien weniger erfolgversprechend. Bei denjenigen, die ein Bachelor-Studium ohne Abschluss beenden, sind „unbewältigte Leistungsanforderungen“ der Hauptgrund (30 Prozent) vor mangelnder Motivation (17 Prozent). Für 15 Prozent ist der Wunsch nach mehr Praxis entscheidend. Finanzielle Engpässe spielen der Untersuchung zufolge eine nachrangige Rolle. Diese Begründung wurde nur von elf Prozent angeführt.

Dass die Abbrecher-Quote an Fachhochschulen gestiegen ist, erklären die Wissenschaftler damit, dass sich hier inzwischen viele junge Leute für technisch-naturwissenschaftliche Studiengänge einschreiben, in denen besonders häufig hingeworfen wird. Govinda Sicheneder, Asta-Vorsitzender der Universität des Saarlandes, sieht eine der Ursachen der hohen Abbruchquote in naturwissenschaftlichen Fächern im Schulsystem. „Da bei G8 ein Jahr einfach wegbricht, muss irgendwo am Stoff gespart werden. Am meisten leiden darunter meines Erachtens nach die naturwissenschaftlichen Fächer“, sagt Sicheneder. Wie es um die Abbrecher-Quote im Saarland steht, geht aus der Studie nicht hervor. Auch die hiesigen Hochschulen erfassen nicht, wer tatsächlich hinwirft. „Wir haben keine belastbaren Zahlen, wer das Studium wirklich komplett verlässt“, sagt Friederike Meyer zu Tittingdorf, Pressesprecherin der Saar-Uni. Es werde nur erfasst, wie viele Studenten in einem Semester exmatrikuliert werden. Ob sie ihr Studium an einer anderen Uni fortsetzen, eine Auszeit nehmen oder tatsächlich aufhören, weiß niemand. Ähnlich sieht es an der Hochschule für Technik und Wirtschaft aus.

Eine positive Erkenntnis der Studie ist, dass viele Studienabbrecher schneller als noch vor einigen Jahren was Neues finden. Ein halbes Jahr nach dem Abschied von der Uni haben 43 Prozent eine schulische oder betriebliche Berufsausbildung aufgenommen, 2008 waren es nur 22 Prozent. 31 Prozent sind nach sechs Monaten erwerbstätig, elf Prozent sind arbeitslos.

Dass wichtige Einflussfaktoren bereits in der Zeit vor dem Studium liegen, hat inzwischen auch die Politik erkannt. Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) setzt auf vertiefte Berufsorientierung schon an Schulen, um Fehlentscheidungen zu verhindern. Sie hat vor drei Jahren auch die Initiative Jobstarter plus ins Leben gerufen, die Studienabbrecher neue Wege in der beruflichen Bildung aufzeigen soll. Vor knapp einem Jahr ging zudem eine Info-Plattform online, die Studienzweifler über alternative Qualifizierungswege in und außerhalb der Hochschulen informieren soll. Seit vorigem Jahr müssen die Universitäten außerdem zehn Prozent der Mittel aus dem „Hochschulpakt 2020“ für Maßnahmen gegen Studienabbruch verwenden, damit möglichst wenige der zurzeit 2,8 Millionen Studierenden hinwerfen. Die Studie zeigt zudem, dass es Studenten aus Zuwandererfamilien deutlich schwerer haben als Menschen ohne Migrationshintergrund. Die Abbrecherquote liegt mit 41 Prozent deutlich über dem Schnitt. Ausländische Studenten scheiterten unter anderem häufig an sprachlichen und finanziellen Hürden, schreiben die Autoren.

Größte Studienkiller
Naturwissenschaftliche Studienfächer werden in Deutschland besonders häufig abgebrochen. 42 Prozent der Studienanfänger des Jahrgangs 2010/11, die einen naturwissenschaftlichen oder mathematischen Studiengang an einer Fachhochschule aufgenommen haben, verließen die Hochschule ohne Abschluss. Auf Platz zwei folgen die Ingenieurwissenschaften mit 32 Prozent. Auch an Universitäten werden naturwissenschaftliche Fächer mit 39 Prozent und Ingenieurswissenschaften mit 32 Prozent am häufigsten abgebrochen.

Quelle: Saarbrücker Zeitung