Monday, 05. June 2017

Palliativ-Mediziner Prof. Sven Gottschling: Lücken in der Schmerztherapie

Saarbrücker Zeitung

Von Katja Sponholz

Homburg. (dpa) Die Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen weist nach Expertenansicht Lücken auf. „Leider müssen Schmerzpatienten durchschnittlich eine Odyssee von mehr als sechs Jahren hinter sich bringen, bis sie endlich einem Schmerztherapeuten vorgestellt werden“, sagt der Chefarzt am Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes, Sven Gottschling (45). Einer der Gründe sei, dass es viel zu wenige Schmerztherapeuten gebe. Was wiederum daran liege, dass diese pro Quartal nur 300 Patienten behandeln dürften. „Wenn man sich entscheidet, niedergelassener Schmerzarzt zu werden, bedeutet das schon fast einen wirtschaftlichen Totalschaden“, erklärte Gottschling. Kein Wunder, dass es nur etwa 1000 Ärzte in Deutschland gebe, die als niedergelassene Schmerztherapeuten tätig seien. „Die Rahmenbedingungen sind total schlecht – für den Arzt und damit auch für den Patienten.“

Das bestätigt der Geschäftsführer der Deutschen Schmerzgesellschaft, Thomas Isenberg: „Wir brauchen eine andere Prioritätensetzung innerhalb des ärztlichen Honorierungssystems.“ Die multimodale Schmerztherapie befinde sich am unteren Ende. Zudem fordert die Gesellschaft, dass für Krankenhäuser – ähnlich wie im Bereich Hygiene – gesetzlich ein Schmerzindikator eingeführt werde, um die Qualität der Akutschmerzbehandlung zu verbessern und die Kliniken vergleichbar zu machen.

Chefarzt Gottschling sagt, auf einen Termin bei einem Schmerztherapeuten müssten Betroffene sechs bis neun Monate warten. Die Folge: Die Patienten lassen sich Tabletten verschreiben – darunter laut Gottschling oft „Hochrisiko-Medikamente, die den Patienten ernsthaft gefährden“. Oder sie griffen zu Schmerzmitteln, die sie sich rezeptfrei in der Apotheke besorgen können. Für Gottschling eine „völlige Katastrophe“, denn diese Substanzen könnten massiv die Organe schädigen. Stattdessen begrüßt er den professionellen Einsatz von Morphin-Präparaten oder – mit Einschränkungen – von Cannabis.

Defizite bei der Schmerz-Bekämpfung sieht Gottschling aber nicht nur in den finanziellen und gesetzlichen Rahmenbedingungen. Auch bei der Ausbildung der Mediziner und nicht ausreichend qualifiziertem Personal in Kliniken und Pflegeeinrichtungen gibt es sie. „Kein Mensch muss sich damit abfinden, dass er Schmerzen hat“, sagt Gottschling, der auch Autor ist und gerade ein neues Buch mit dem Titel „Schmerz los werden“ geschrieben hat. „Natürlich können wir es nicht jedem versprechen, aber den meisten könnten wir mit relativ einfachen Mitteln exzellent helfen.“ Das Problem sei nur: Viele wüssten gar nicht, welche Hilfen es gibt – nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Mediziner.

Quelle: Saarbrücker Zeitung