Thursday, 26. October 2017

Hier die Bibliotheken, dort die Verlagskraken - Tagung an der Saar-Uni zum Thema "Open Access"

Saarbrücker Zeitung

Eine Saarbrücker Uni-Tagung untersuchte die Praxis wissenschaftlichen Publizierens und die Chancen der Open-Access-Bewegung.

Von Christoph Schreiner

Saarbrücken.
Die Krake im publizistischen Wissenschaftsbetrieb hat einen Namen. Sie nennt sich Elsevier: Der niederländische Verlag ist international Marktführer bei wissenschaftlichen Fachzeitschriften, mit denen sich ungeheuer viel Geld verdienen lässt. Elsevier machte im Vorjahr 2,3 Milliarden Euro Umsatz (der bereinigte operative Gewinn lag bei sagenhafte 830 Millionen Euro).

Dass mehr als die Hälfte aller wissenschaftlichen Artikel heute bei den drei größten Verlagen Elsevier, Springer Nature und Wiley erscheinen, erklärt deren astronomische Gewinne nur zum Teil. Elsevier sei dabei, „das Betriebssystem des Wissenschaftsbetriebes“ zu werden und kaufe in bester Raubtierkapitalismus-Manier überdies gezielt immer mehr Firmen auf, die wissenschaftliches Knowhow zur Verfügung stellen, sagt der Saarbrücker Informationswissenschaftler Ulrich Herb. Er hielt gestern einen alarmierenden Vortrag im Rahmen einer von der Saarländischen Universitäts- und Landesbibliothek (SULB) und des Leibniz Instituts für Neue Materialien veranstalteten Saarbrücker Tagung über „Open Access“, worunter der freie, unentgeltliche Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen zu verstehen ist.

Was hat nun „Open Access“ mit Elsevier zu tun? Die Marktmacht von Elsevier & Co ist so groß (und unverschämt) geworden, dass 183 der 244 wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland mit Unterstützung der Hochschulrektorenkonferenz inzwischen zum Elsevier-Boykott aufgerufen haben und ihre Zeitschriften-Abonnements mit dem Verlag aufgekündigt haben. Um den Knebelverträgen der großen Verlagsplayer mit jährlichen Preissteigerungsraten von sechs Prozent und mehr zu entgehen, setzen die  wissenschaftlichen Bibliotheken auf das Zukunftsmodell „Open Access“. Ob allerdings die von der Bundesregierung wie auch führenden Forschungsinstitutionen (darunter die Helmholtz und Fraunhofer Institute) unterstützte Offensive fruchten wird, muss bezweifelt werden. Herb, der in der SULB den Bereich elektronisches Publizieren verantwortet und sich als Verfechter von „Open Access“ weithin einen Namen gemacht hat, dämpfte auf der Tagung allzu großen Optimismus. Nicht zuletzt deshalb, weil der Wissenschaftsbetrieb die von den Verlagen über Jahrzehnte aufgebaute Plattform führender Journale nur selbst allzu gerne bedient. Forscherkarrieren stehen und fallen heute immer noch mit dem Renommee der Zeitschriften, in denen man publiziert.

Das ganze Ausmaß der Perfidie des wissenschaftlichen Publikationswesens offenbart sich darin, dass ausgerechnet Elsevier mittlerweile selbst Marktführer im Open-Access-Segment geworden ist, dessen Anteil am Gesamtveröffentlichungskuchen  wissenschaftlicher Artikel Ulrich Herb mit etwa 25 Prozent bemisst. Dass es in der Regel nicht die in Fachkreisen führenden Journale sind, die frei zugänglich sind, versteht sich von selbst. Dennoch hat Elsevier es verstanden, dieses potenziell trojanische Pferd selbst in Beschlag zu nehmen.

Diplombibliothekar Uwe Geith, beim Saarbrücker Leibniz Institut für Neue Materialien Fachbeauftragter für Open Access, machte auf der Tagung klar, warum die auch vom Europäischen Rat propagierte Open Access-Bewegung nichtsdestotrotz eine Alternative zur Verlagskonzentration und deren negativen Begleitumständen sein könnte. Die Verlage kassierten gleich zweifach ab: Forschungseinrichtungen und Autoren, beide vom Steuerzahler finanziert, überließen ihnen kostenlos ihre Ergebnisse, die ihnen die öffentliche Hand in Gestalt der Bibliotheken dann abermals abkaufen muss. Open Access könnte diesen Weg abschneiden. Allerdings nur dann, wenn mehr Wissenschaftler, die bislang für Verlage als Herausgeber oder Gutachter in „editorial boards“ agieren, diese Zusammenarbeit quittieren. Der Direktor des Saarbrücker Max-Planck-Instituts für Informatik, Professor Kurt Mehlhorn, ging bereits mit gutem Beispiel voran. Werden andere folgen?

Quelle: Saarbrücker Zeitung