Monday, 06. November 2017

Ein Gespenst geht um an der Universität des Saarlandes: 200 Jahre Karl Marx

Saarbrücker Zeitung

Vor seinem 200. Geburtstag im nächsten Jahr widmet sich eine Saarbrücker Ringvorlesungen dem Denker Karl Marx.

Von Christian Leistenschneider

Saarbrücken. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion galt die erstaunliche Wirkungsgeschichte des aus Trier stammenden Philosophen Karl Marx, in dessen Namen die halbe Welt umgestaltet wurde, als endgültig beendet. „Seit 1989 ist Marx – zumindest bei uns – klinisch tot“, konstatiert Sikander Singh, Leiter des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass an der Saar-Uni. Doch wie eine etwas abgegriffene Formulierung weiß, leben Totgesagte bekanntlich länger. „Seit der Jahrtausendwende wacht er wieder zum Leben auf.“

Im kommenden Frühjahr wäre Marx 200 Jahre alt geworden. Die Universität des Saarlandes nimmt das zum Anlass, dem Denker aus Trier eine Ringvorlesung zu widmen. Dabei soll Marx nicht durch eine ideologische Brille beurteilt, sondern aus den Zusammenhängen seiner eigenen Zeit verstanden werden, so Singh, der die Vorlesung organisiert. „Keiner der Dozenten ist ein Marxist. Alle wollen den Gegenstand möglichst vorurteilsfrei in den Blick nehmen.“

Der Zufall will es, dass sich just zu Beginn dieser Vorlesungsreihe die russische Oktoberrevolution zum hundertsten Mal jährt. Sie ebnete den Weg für ein Jahrzehnte währendes Unrechtsregime, dessen offizielle Staatsdoktrin unter dem Begriff Marxismus-Leninismus firmierte. Die realhistorische Entwicklung, die sich auch in anderen Ländern zeigte, wirft die Frage auf, wie es um das Verhältnis von Marx und Gewalt steht. Sind Entrechtung, Gulag und Massenmorde eine logische Folge aus seinen Ideen? Singh verneint das. „Die Revolution in Russland hatte ganz andere Voraussetzungen, als Marx sie vorausgesagt hat. Ich glaube, dass man Marx als politischem Denker nur gerecht wird, wenn man ihn ohne diese Oktoberrevolution denkt.“

So sieht das auch der Wirtschaftshistoriker Michael Buchner, der sich in seiner Vorlesung mit Marx‘ Analyse der Entwicklung von sozialer Ungleichheit beschäftigt. „Gerade weil Marx‘ Werk im 20. Jahrhundert so oft für politische Zwecke instrumentalisiert wurde, scheint es mir wichtig, es im Kontext seiner Zeit zu lesen. Dann erscheint es in erster Linie als Ausdruck einer tiefen Verunsicherung, die der Transformationsprozess der Industrialisierung unter zeitgenössischen Beobachtern hervorrief.“

Eine ähnliche Transformation, eine ähnlich radikale Veränderung der Lebensverhältnisse deutet sich momentan im Zuge der Digitalisierung an. Während manche sich davon eine Befreiung des Individuums aus den Zwängen fremdbestimmter Arbeit versprechen, fürchten andere eine Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die sich nicht zuletzt auch im Bildungssystem niederschlage. Die Situation weise durchaus Parallelen zu Marx’ Zeiten auf, so Sikander Singh. „Marx analysierte eine Gesellschaft, in der der Einzelne nicht als Mensch in seiner Ganzheit verstanden wird, sondern als ökonomisches Objekt. Erschreckenderweise befinden wir uns heute in einer Gesellschaft, in der der Mensch wiederum so behandelt wird.“

Dass Marx bei der Entwicklung eines gesellschaftlichen Gegenentwurfs helfen kann, bezweifeln Singh wie Buchner vehement. Aber zur Durchdringung der Lage könne seine Theorie hilfreiche Instrumente liefern. „Von bleibendem Wert ist die grundlegende Erkenntnis, dass die Ökonomie nicht auf einige wenige abstrakte Gesetzmäßigkeiten reduziert werden kann, sondern gerade auch von Machtfragen entscheidend geprägt wird“, sagt Michael Buchner.

Wie sich diese Machtfragen konkret auswirken, soll im Rahmen der Saarbrücker Ringvorlesung nicht nur theoretisch erörtert werden. An mehreren Terminen soll die Problematik anhand von Filmbeispielen auch anschaulich demonstriert werden.

Die Ringvorlesung zu Karl Marx findet montags um 18.30 Uhr im Saarbrücker Filmhaus statt (Mainzer Str. 8). Informationen zum Programm gibt es im Internet unter
http://literaturarchiv.uni-saarland.de/ringvorlesung.

Quelle:
Saarbrücker Zeitung