lundi, 10. juillet 2017

Materialwissenschaftler der Saar-Uni auf Amazonas-Expedition: Der Wissenschaftler als Abenteurer

Saarbrücker Zeitung

Humboldt-Preisträger Marc Meyers durchquerte auf den Spuren Roosevelts das Amazonasgebiet. An der Saar-Uni erzählte er davon.

Von Christian Leistenschneider

Saarbrücken. Plötzlich ein dumpfer Schlag gegen den Kopf. Es geht so schnell, dass Marc Meyers den fliegenden Fisch gar nicht sieht, der da aus dem Wasser springt und sein Kajak beinahe zum Kentern bringt. Benommen, aber trocken bleibt er zurück. Wäre sein Boot gekippt, hätte das lebensgefährlich werden können. „Auf dem Fluss passieren verrückte Ding“, sagt der Professor lakonisch.

Der Fluss, von dem der Materialwissenschaftler der Universität von Kalifornien, der als Humboldt-Preisträger zwei Monate lang zu Gast am Leibniz-Institut für neue Materialien (INM) in Saarbrücken war, spricht, liegt im brasilianischen Amazonasgebiet und hieß einst River of Doubt (Fluss des Zweifels). Lange Zeit wusste niemand, wohin er führt. Heute heißt er nach dem Mann, der dabei half, dieses Mysterium zu lösen – Rio Roosevelt.

Roosevelt? Genau, Theodore, genannte Teddy, Roosevelt, bis heute jüngster Präsident und erster Friedensnobelpreisträger der USA, dessen steinernes Antlitz auf dem Mount Rushmore thront. Fünf Jahre nach dem Ende seiner Amtszeit im Weißen Haus machte er sich gemeinsam mit dem brasilianischen Ingenieur Cândido Rondon auf, um jene wilde Flusslandschaft zu erkunden. Das war 1914. Genau hundert Jahre später hat Meyers sich auf die Spuren dieser sagenumwobenen Roosevelt-Rondon-Expedition begeben.

Von seinen Erlebnissen erzählt er in dem Buch „River of Doubt“ – und im vollbesetzten Leibniz-Saal an der Saar-Uni vor hundert gebannten Zuhörern. Mit der Verbindung von Wissenschaft und Abenteuer erweist er sich als würdiger Träger des Alexander von Humboldt-Preises.

Aus der überbordenden Fauna und Flora des Gebiets kann Meyers dem Fachpublikum allerlei Erträge präsentieren. Etwa Pflanzen, die einen rechteckigen Querschnitt haben, Federn, deren Schaft an der dicksten Stelle rund und an den Enden quadratisch ist, was sie besonderes leicht und biegsam macht und Fischschuppen, die vor Piranha-Bissen schützen. Seine Analyse eines Tukan-Schnabels konnte er in einer renommierten Fachzeitschrift veröffentlichen. „Das waren meine fünfzehn Minuten Ruhm“, sagt Meyers.

Im Mittelpunkt des Interesses stehen aber natürlich die Erlebnisse der Expedition. Es ist eine gefährliche Route. Roosevelt verletzte sich dabei und wurde ernsthaft krank. An den Spätfolgen litt er sein Leben lang. Per Motorboot, per Pferd und Esel und schließlich per Kanu durchquert Meyers mit seinen Begleitern und der Hilfe von Indianern Urwald, Buschland und Flussläufe. Die wilde Natur wird dabei für den Körper schnell zur Tortur. Sobald sie stehenbleiben, sind ihre Hände von Bienen bedeckt. Moskitos sind ständige Begleiter, an den Zeltplätzen lauern Schlangen, Spinnen und Krokodile. Den Fluss müssen sie stets aufmerksam absuchen, denn er ist nicht überall passierbar. Zudem gibt es oft starken Wellengang, Stromschnellen und Wasserfälle. „Man musste ständig versuchen, freie Bahnen im Fluss zu finden.“

Auf seinem Weg trifft er einen Stamm Eingeborener, den schon der große Anthropologe Claude Lévi-Strauss besuchte, die Nambikwara. „Das sind die einfachsten der einfachen Menschen“, erläutert Meyers. „An ihnen wollte Lévi-Strauss erkennen, was die Essenz der menschlichen Natur ist.“ Als Meyers ihnen das erste Mal begegnet, handeln sie den Reisenden eine Durchgangsgebühr ab.

Der Fluss ist in einer guten Verfassung, sagt Meyers, nahezu unverdorben. Heute lebten sogar weniger Menschen an seinem Ufer als vor hundert Jahren. Und auch in den Indianerreservaten ist die Natur noch intakt. Meyers betritt Stellen, an denen seit hundert Jahren kein Mensch gewesen sein mag. Sobald er diese eingehegten Gebiete verlässt, sieht es aber ganz anders aus. Es gibt riesige gerodete Gebiete, auf den Soja angebaut wird.

Für Marc Meyers ist das auch ein persönliches Unglück. Er stammt selbst aus Brasilien. Seine Eltern sind Einwanderer aus Luxemburg. Aufgewachsen ist er mit der Stahlindustrie seines Heimatlandes, als junger Mann besuchte er zu Anschauungszwecken die Völklinger Hütte. Doch die industrielle Ausbeutung der Natur muss Grenzen haben, sagt Meyers nachdenklich, und die Missachtung der Indianer erst recht. „Sie haben viel gelitten und sie leiden immer noch.“

Quelle: Saarbrücker Zeitung