Saarbrücker literaturwissenschaftliche Ringvorlesungen

Literatur und Geschichte

im Festsaal des Rathauses Sankt Johann der Landeshauptstadt Saarbrücken

Sommersemester 2017 | montags 19.00 Uhr

Die Geschichte, die den Menschen, wie Friedrich von Schiller formuliert, „durch alle abwechselnden Gestalten der Meinung, durch seine Thorheit und seine Weisheit, seine Verschlimmerung und seine Veredlung, begleitet“, ist ein Gegenstand zahlreicher dramatischer, epischer und lyrischer Texte. Die Frage nach ihrer Bedeutung für die Literatur sowie der Darstellung von historischen Ereignissen, Themen oder Persönlichkeiten in der Dichtung ist seit der Antike gestellt worden.

Grundsätzlich lässt sich das Verhältnis von Literatur und Geschichte in zweierlei Hinsicht betrachten: Zum einen kommt die Geschichtsschreibung, die sich die Rekonstruktion des Faktischen zum Ziel gesetzt hat (Leopold von Ranke: „wie es eigentlich gewesen ist“), nicht umhin, sich narrativer Verfahrensweisen zu bedienen und damit originärer literarischen Gestaltungstechiken. Zum anderen kann in der Fiktion der Dichtung gegenüber der Geschichtsschreibung ein spezifischer Mehrwert gesehen werden, der sie über das bloß Faktische erhebt.

Grundlegend hierfür ist das Diktum der Aristotelischen Poetik, dass „Dichtung etwas Philosophischeres und Ernsthafteres als Geschichtsschreibung“ sei. Es ist dieser bis heute zur Interpretation herausfordernde Satz, aus dem wiederum ein Autor historischer Dramen wie Schiller seinen Anspruch abgeleitet haben dürfte, „die historische Wahrheit den Gesetzen der Dichtung unterzuordnen“. Zwischen den beiden angesprochenen Polen öffnet sich für geschichts- wie literaturwissenschaftliche Fragestellungen ein breites Spektrum, dem sich Vertreter beider Disziplinen widmen.

Veranstalter der Saarbrücker literaturwissenschaftlichen Ringvorlesungen sind Professor Dr. Sikander Singh und Dr. Manfred Leber von der Universität des Saarlandes in Zusammenarbeit mit Christel Drawer von der Kontaktstelle Wissenschaft der Kulturabteilung der Landeshauptstadt Saarbrücken.

Die Vorlesungen dauern in der Regel eine Stunde. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen und mit den Vortragenden ins Gespräch zu kommen.

Programm

24. April 2017
Dr. Michael Blatter (Stadtarchivar der Stadt Sursee, Schweiz)
Wilhelm Tell. Ein Held unterwegs
Wilhelm Tell ist kein Freiheitskämpfer, Gründervater, Attentäter oder Revolutionär. Er ist die griffige Hauptfigur einer guten Geschichte. Ein Agent, ständig unterwegs, in wechselnden Verkleidungen – im Auftrag derjenigen, die seine Geschichte erzählen. Seine Missionen führen den Mann mit der Armbrust auf Streifzüge von Sarnen bis nach Paris, Boston und Manila. Eine gute Geschichte ist ein fliegender Teppich, der mit Leichtigkeit grosse Distanzen und Zeiten überwindet. Wird Tell von den einen in Erz gegossen, wird er von den anderen kritisiert, totgeschwiegen oder verbrannt. Wer von Tell erzählt, gibt vor allem über eines Auskunft, über sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche.

8. Mai 2017
Professor Dr. Martin Meiser (Evangelische Theologie)
Evangelien als faktuale Erzählungen – Narration und Geschichte
Neutestamentliche Wissenschaft analysiert die Evangelien seit längerem mit den Methoden moderner Narratologie, zumeist an fiktionalen Texten entwickelt und ursprünglich strikt auf die Analyse intratextueller Welten beschränkt. Neuere narratologische Ansätze thematisieren die bisher häufig ausgeblendeten Kontext- und  Wirklichkeitsbezüge narrativer Texte und fokussieren damit auf Probleme, die sich der Theologie aufgrund der problematischen Wirkungsgeschichte mancher biblischer Texte schon lange aufgedrängt hatten. Die Evangelien geben sich als Bericht von wirklich Geschehenem, müssen dann aber auch kritisch daraufhin befragt werden, inwieweit ihr Bild bestimmter historischer Personen und Gruppen mit dem vereinbar ist, was sich aus historischer Perspektive halbwegs verantwortungsvoll sagen lässt. Es zeigt sich die Notwendigkeit, ein Ethos der Produktion und Rezeption konflikthaltiger Texte zu begründen.

15. Mai 2017
Professor Dr. Christoph Kugelmeier (Klassische Philologie)
Die ‚tragische‘ Geschichtsschreibung des Hellenismus in Theorie und Praxis
„Alternative“ Fakten und die mehr oder weniger subtile tendenziöse Färbung von Tatsachenberichten durch Mittel der Rhetorik, ja durch literarische Gestaltung sind keineswegs eine Erfindung neuerer Zeit, sondern schon in der Antike ein unter verschiedenen Aspekten vieldiskutiertes Problem. Polybios, der bedeutendste und als einziger in vollständigen Texten überlieferter Geschichtsschreiber des Hellenismus, gibt uns in seinem Werk vielfachen Aufschluss über seine historiographischen Prinzipien. In diesem Zusammenhang polemisiert er häufig gegen Vorgänger, an deren Geschichtswerken er ein Übermaß an Emotionalität kritisiert, ihnen sogar vorwirft, den Unterschied zwischen Geschichtsschreibung und Tragödie zu verwischen. Seine eigene „pragmatische“ Historiographie wolle sich dagegen streng an nach den Fakten richten. An ausgewählten Stellen wird der Vortrag untersuchen, inwieweit sich die Geschichtsschreibung des Hellenismus tatsächlich mit Kriterien der tragischen Kunst beschreiben lässt, die ihre klassische Erörterung insbesondere bei Aristoteles finden, und es wird zugleich die Frage aufgeworfen, ob auch Polybios selbst immer seiner strikten Ablehnung derartiger Grenzgänge zwischen den literarischen Genera folgt.

29. Mai 2017
Professorin Dr. Nine Miedema (Mediävistik und Ältere deutsche Philologie)
facta und ficta: Vom Umgang mit ‚Geschichte‘ in mittelhochdeutschen Texten
In der mittelalterlichen deutschsprachigen Literatur um 1200 entwickelt sich ein ausgeprägtes Bewusstsein von Fiktionalität. Die weltlichen Erzähltexte entwickeln erstmalig bewusst genutzte Freiräume der Erschaffung geschriebener Welten, die sich über die Vorstellung, dass die res factae den res fictae grundsätzlich überlegen seien, hinwegsetzen. Im Vortrag werden ausgewählte Texte vorgestellt, die dem Rezipienten diesen ‚Fiktionalitätskontrakt‘ anbieten. Es wird jedoch auch gezeigt, dass die angenommene Trennung zwischen (positiv gewerteter) Darstellung einer historischen ‚Realität‘ und (negativ gewerteter) ‚lügnerischer‘ Phantasie auch vor 1200 nicht so eindeutig war, wie häufig angenommen wird.

12. Juni 2017
Dr. Lena Steveker (Britische Literatur- und Kulturwissenschaft)
Englands dramatische Geschichte: Shakespeares Histories
In Shakespeares Historiendramen entfaltet sich die wechselhafte und konfliktreiche Geschichte Englands von den Rosenkriegen bis zur Regierungszeit Heinrichs des Achten und der Geburt Elizabeths der Ersten. Diese Stücke verbinden die - aus der Perspektive von Shakespeares Zeitgenossen - jüngere englische Geschichte mit Fragen nach dem Schicksal der Nation, der korrumpierenden Kraft der Macht und der Rechtmäßigkeit von Herrschaft. Auf diese Art und Weise legitimieren sie die Dynastie der Tudors, die mit dem Tod Elizabeths zu Shakespeares Schaffenszeit zu Ende ging. Shakespeares ‚Histories‘ sind somit faszinierende Beispiele für die Arbeit am kulturellen Gedächtnis Englands, die das Drama der frühen Neuzeit damals wie heute leistet.

19. Juni 2017
Professorin Dr. Anke-Marie Lohmeier (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
Geschichte erzählen. NS-Zeit und Krieg in Walter Kempowskis Roman „Tadellöser & Wolff“ (1971)
In „Tadellöser & Wolff“ erzählt Walter Kempowski die Geschichte seiner Familie in Rostock in den Jahren 1938 bis 1945. NS-Geschichte als Familiengeschichte? Auf den ersten Blick nichts Neues. Auf den zweiten Blick etwas unbedingt Neues. Die Neuigkeit betrifft die Wahl der Erzählperspektive. Es ist die Perspektive des 9-jährigen (am Ende der Geschichte 16-jährigen) Walter Kempowski. Dessen erwachsenes Alter ego schaltet sich nicht ein. Es fehlt die Instanz, die bis dahin (und auch noch lange nachher) als unverzichtbar galt, wenn es darum ging, von NS-Zeit und Krieg zu erzählen, die normsetzende Instanz, die das Erzählte politisch und moralisch bewertet. Gegenstand wie Leser werden der Perspektive eines Kindes und Jugendlichen überlassen, eine radikale erzählerische Entscheidung, die 1971 einen radikal anderen Blick auf das Leben im NS-Staat eröffnete.

26. Juni 2017
Privatdozent Dr. Sascha Kiefer (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
Männer und Mythen – Theodor Fontanes Balladen über preußische Geschichte
Von den Generälen des ‚Alten Fritz‘ bis zum freundlich-zivilen Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland spannt sich der Bogen historischer Persönlichkeiten der preußischen Geschichte, mit denen sich Theodor Fontane literarisch auseinandergesetzt hat – insbesondere in der Gattung der Ballade. Der Vortrag rekonstruiert die Position Fontanes im Balladendiskurs seiner Zeit, ordnet die Texte in das Literaturprogramm eines sowohl ‚poetischen‘ als auch ‚bürgerlichen‘ Realismus ein und macht an einschlägigen Beispielen deutlich, wie Fontane auf seine Weise am Preußen-Mythos des 19. Jahrhunderts mitgeschrieben hat.

3. Juli 2017
Professor Dr. Roland Marti (Slavische Philologie)
Held oder hinterhältiger Schurke? Markgraf Gero I. (900–965) in deutscher und slavischer Geschichtsschreibung und Literatur
Markgraf Gero spielte in ottonischer Zeit in den Kämpfen mit den Slaven eine gewichtige Rolle. Er selbst und seine kriegerischen Handlungen sind von den zeitgenössischen (deutschen) Geschichtsschreibern durchaus positiv gesehen worden. In den folgenden Jahrhunderten war er fast vergessen. Im Zeitalter des zunehmenden Nationalismus erlebte er eine Renaissance, die allerdings völlig gegensätzliche Bilder von ihm entwarf. In deutscher Perspektive war er ein hervorragender und edler Vertreter der Idee vom deutschen „Drang nach Osten“, die immer auch missionarisch verbrämt wurde (Bekehrung der slavischen Heiden und Ausbreitung der abendländischen Kultur). Für die Slaven wurde er aber zum Inbegriff deutscher Heimtücke, wobei die Episode der Ermordung von dreißig slavischen Fürsten während eines Gastmahls bei Gero im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. In letzter Zeit gibt es allerdings auch von deutscher Seite kritische Darstellungen von Gero und seiner Rolle in der deutsch-slavischen Auseinandersetzung.

10. Juli 2017
Professor Dr. Karl Richter (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
Die Kritik des Atomzeitalters in ‚Physikerdramen‘ der Moderne

17. Juli 2017
Dr. Manfred Leber (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
Schillers klassisches Werk: Geschichtsdramen oder Tragödien?
Die Protagonistinnen und Protagonisten von Schillers klassischem Werk sind historische Figuren, deren Überlieferung nicht nur von historisch Gesichertem, sondern auch von Legendenbildung geprägt ist. Zunächst gilt dies für „Wallenstein“ und „Maria Stuart“, im Weiteren auch für „Die Jungfrau von Orleans“, „Wilhelm Tell“ und den unvollendeten „Demetrius“. Diese zweite Werkgruppe zeichnet sich dadurch aus, dass das historisch Gesicherte von der Legendenbildung sogar zunehmend überlagert wird. Der Vortrag zeigt, wie die fünf großen Werke Schillers in seiner klassischen Periode Versionen des historisch Ungesicherten präsentieren, die im Wesentlichen vor dem Hintergrund der antiken Tragödie und der aristotelischen Tragödienpoetik zu verstehen sind. Inwieweit damit auch der Anspruch dieser Poetik eingelöst wird, dass Dichtung philosophischer als Geschichtschreibung sei, wird zu diskutieren sein.

24. Juli 2017
Dr. Hermann Gätje (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
„A Role for History“ – Das neue Paradigma des historischen Romans seit den 1980er Jahren und seine stilbildenden Texte (Umberto Eco: „Der Name der Rose“; Sten Nadolny: „Die Entdeckung der Langsamkeit“; Patrick Süskind: „Das Parfum“)
„A Role for History“ – „Eine Rolle für die Geschichtsschreibung“ lautet der vieldeutige Titel des ersten Kapitels von Thomas Kuhns einflussreicher Studie „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ aus dem Jahre 1962. Unter der Prämisse seines Begriffs des Paradigmas werden die Romane von Eco, Nadolny und Süskind vor dem Hintergrund der Frage betrachtet, inwieweit sie zeitgemäße, neue Vorstellungen der Geschichtswissenschaft, Philosophie und Literatur aufgreifen und repräsentieren.