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38.

Student A. (aus Chartres) an Vater G.:
bittet um finanzielle Unterstützung, um sein (mind. zweijähriges) Studium beim Magister Bernhard in Chartres fortsetzen zu können, wobei er an einen "Kurier"dienst mittels Santiago-Pilgern denkt; die Heimkehr ist für "nächste Ostern" geplant.
(Chartres?, wohl etwa 1130 1) )
Ü: S fol. 25v-26r; V fol 43v-44r.
D: -
R: Wattenbach S. 44-50 (zu 1132).

Filius ad patrem

G. quondam diligendo et reverendo genitori A., quicquid iure valet et debet.

Superstiti an rebus humanis excepto loquar, ambiguus scribo mestissimus. Duobus namque lustris2) exactis, quibus amore sapientie vestris iussionibus procul a patria peregre profectus sum, nullam paternam benedictionem - vel: consolationem - postmodum sensi, nullum legatum postea vidi. Cuius rei gratia hoc contingat, incertus peiora in animo meo semper verso, cor nostrum sic crebro confabulatur secum: Si pater mihi viveret, unice dilectum filium non derelinqueret. Si in eum peccassem aliquo modo, culpis meis exigentibus penas equo animo tolerarem; si paupertas illum arceret, illius calamitas mihi patientie documenta preberet. Sed nulla ratione possum coniectare, qualiter in levi causa illum offendissem, numquam mandatum eius preterisse[m]; penuria non illum arcet, adversitas abest, prosperitas arridet.

Quocirca magis ammiror, mirando doleo, dolendo stupesco, cur a genitore karissimo deserar, cur velut ova strutionum derelinquar. Credo te non ignorare me tuo semine genitum fuisse, ex tuis lumbis processisse. Quam ob culpam meam - vel: ob quod peccatum meum - oblivioni me tradidisti? Cur inter barbaras nationes fame, siti et algore perire me dimisisti? Mea miseria tuum est detrimentum, mea necessitas tuum probat obprobrium.

Miserere itaque, pater, miserere, porrige manum egenti filio; subeat tibi paternus affectus - vel: animus -, non te deserat pietatis affectus, et per oratores, qui veniunt ad sanctum Iacobum, saltim IIII marcas argenti Carnotum, ubi ego sub disciplina domini magistri Bernhardi3) dego, mihi mittere studeas. In proxima vero Resurrectione sententiis illius pleniter instructis repatriare studebo.

Sohn an Vater

G., dem einst so liebens- und verehrenswerten Vater, (wünscht) A., was er zu Recht kann und soll.

Unsicher, ob ich zu dem, der mir zwar verblieben ist, dem aber alles Menschliche fremd zu sein scheint, sprechen soll, schreibe ich in großer Trauer. Denn es sind zwei Jahre [lustra] vergangen, dass ich aus Liebe zur Wissenschaft [sapientia] auf euer Geheiß hin aus der Heimat in die Fremde gezogen bin, und danach habe ich keinen väterlichen Segen - bzw. Trost - mehr erfahren und keine Nachricht von ihm mehr gesehen. Deswegen mag es zutreffen, dass ich in dieser Unsicherheit mir in meinem Kopf immer Schlimmeres vorstelle und mein Herz häufig so zu sich spricht: Wenn mein Vater noch lebte, würde er nicht seinen einzig geliebten Sohn im Stich lassen. Wenn ich mich ihm gegenüber in irgendeiner Weise vergangen hätte, würde ich ja die aus meiner Schuld sich zwangsläufig ergebende Strafe mit Gleichmut tragen; wenn andererseits ihn Armut abhalten würde (, mir zu helfen), würde mir sein Elend als Beispiel für Duldsamkeit dienen können. Doch ich habe keinerlei Anlass zu vermuten, dass ich ihn leichtfertig beleidigt hätte, [und ?] jemals seinen Auftrag überschritten hätte; Not bedrängt ihn bestimmt nicht, Unglück ebenso wenig - im Gegenteil ihm lacht das Glück.

Deswegen wundere ich mich umso mehr , im Wundern leide ich (und) im Leiden staune ich (darüber), warum ich von meinem allerliebsten Vater im Stich gelassen werde, warum ich wie ein Straußenei [wörtlich: Plural] verlassen werde. Ich glaube, dass du doch sehr gut weißt, dass ich aus deinem Samen gezeugt und aus deinen Lenden hervorgegangen bin. Welche Schuld - bzw. Sünde - meinerseits hat dich mich vergessen lassen? Warum hast du mich zu den Barbarenvölkern (geschickt und) vor Hunger, Durst und Schmerz zugrunde gehen lassen? Mein Elend ist (doch auch) dein Schaden, meine Notlage gereicht dir zum Vorwurf.

Erbarme dich, Vater, daher (meiner), erbarme dich, reiche deine Hand dem notleidenden Sohn; möge deine väterliche Zuneigung - bzw. (dein väterlicher) Sinn - zurückkehren, möge dich das Gefühl des Mitleids nicht im Stich lassen, und bemühe dich, mir durch Pilger, die zum hlg. Jakob [nach Compostella ?] wallfahren, wenigstens 4 Silbermark nach Chartres zu schicken, wo ich beim Herrn Magister Bernhard studiere. Zum nächsten Osterfest aber werde ich, wenn ich sein Lehrprogramm [sententie] vollständig gelernt habe, bemüht sein, wieder heimzukehren.

  1. Vgl. Anm. 3.
  2. Lustrum bezeichnet "klassisch" einen 5-Jahres-Zeitraum, doch kann der Begriff auch in "abgeschwächter" Form zur allgemeinen Bezeichnung eines Jahres vorkommen.
  3. Magister Bernhard aus Chartres: Ssofern tatsächlich "der"( berühmte) Lehrer und Kanzler der Kathedralschule gemeint ist, ist er bis 1130 nachweisbar (J. Jolivet, in: LTHK, II, 21994, Sp. 268), von ca. 1114 bis 1119 als Grammatiklehrer und von 1119 bis 1126 als Kanzler (A. Vernet, in:LMA I, 1980, Sp. 1991f.).

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