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42.

Neffe G. an Onkel R.:
dient in der byzantinischen Armee, wo er genügend Waffen und Pferde zur Verfügung sowie einen Monatssold von 20 Byzantiern1) hat, und bittet, sich seiner heimatlichen Angelegenheiten weiterhin anzunehmen und ihm darüber per Kurier - nämlich durch den Venezianer Johannes Polanus, der nach Konstantinopel kommt - zu berichten, da er selbst erst im nächsten Herbst heimkehren wird.
("Großraum" Konstantinopel)
Ü: S fol. 26v; V fol. 45v - 46r
D: -
R: Wattenbach S. 44-50 (zu 1132)

Epistola nepotis ad patruum

R. reverendo ac diligendo patruo G. patruelis nativam subiectionem et dilectionem.

Post obitum patris mei, venerande patrue, sicut vestros liberos me dilexistis et aluistis et non, sicut mali patrui solent facere, mea bona minorastis, sed velut bonus pater augmentare summopere studuistis, interdum vestra negocia pro meis dimisistis. Unde, quantum vobis fidelis existam, explicare non possum, sed mea omnia vobis committo meque ipsum vestre ditioni subicio. Numquam de me re vera proverbium dici poterit: "Qui nutrit sibi suum nepotem, nutrit ipse sibi suum dolorem." Sed sicut patruorum in vobis est natura mutata, ita in me vacuabitur malorum nepotum versucia.

In bonitate itaque vestra velut in paterna confidens habitudines meas vobis significo et, quod de me bene cepistis, ut expleatis, imploro. Ignorare vos nolo me in militia imperatoris Constantinopolitani manere, ipsi et militibus carum fore et Deo concedente bene proficere, arma et equos abundanter habere, per unumquemque mensem viginti Bizantios ex conventione suscipere, in proximo vero autumno Deo miserante domum redire.

Benignitatem itaque vestram suppliciter rogito, ut res meas, sicut cepistis, custodiatis et provideatis; et qualiter et vos et res vestre et cunctorum vestrorum se habeant, per Iohannem Polanum2) Venetum, qui Constantinopolim venturus est, me - queso - certificate.

Brief von Neffen an Onkel

R., dem ehrenwerten und liebenswerten Onkel, (bekundet) sein Neffe G. seinen naturgegebenen liebvollen Respekt.

Nach dem Tod meines Vaters, verehrter Onkel, habt ihr mich wie eure eigenen Kinder geliebt und aufgezogen, und ihr habt nicht, wie "böse Onkels" zu tun pflegen, meinen Besitz angetastet, sondern ihn wie ein guter Vater mit aller Mühe zu vermehren gesucht, mitunter habt ihr dabei sogar eure Angelegenheiten zu Gunsten der meinigen vernachlässigt. Daher kann ich gar nicht deutlich genug sagen, wie sehr ich euch die Treue halte, und darüber hinaus euch alles, was mein ist, anvertraue und mich selbst all euren Wünschen unterwerfe. Niemals soll man auf mich zu Recht dieses Sprichwort anwenden (können): "Wer seinen Neffen nährt, der nährt sich selbst seinen Schmerz." Aber so wie in euch ein anderer (besserer) Typ "Onkel" steckt, so wird in mir die (sprichwörtliche) "Neffen"-Verschlagenheit entkräftet.

Weil ich also weiterhin auf eure väterliche Güte vertraue, teile ich euch mein (derzeitiges) Befinden mit und bitte euch herzlich, dass ihr, was ihr Gutes mit mir angefangen habt, auch (so) zu Ende bringt. Ihr sollt also gern wissen, dass ich im Militärdienst des Kaisers von Konstantinopel stehe, von ihm und seinen Soldaten geschätzt werde und mit Gottes Hilfe gut vorankomme, dass ich Waffen und Pferde im Überfluss habe und jeden Monat vertraglich 20 Byzantier [Goldmünzen] erhalte und schließlich im nächsten Herbst, so Gott will, nach Hause zurückkehren werde.

Daher bitte ich eure Güte noch einmal in aller Demut, dass ihr auf meine Sachen, so wie ihr's in der Vergangenheit gemacht habt, Acht gebt und euch darum kümmert; und noch eine letzte Bitte: teilt mir doch durch den Venezianer Johannes Polanus, der (demnächst) nach Konstantinopel kommen will, mit, wie's euch geht und wie eure Geschäfte und die der Eurigen laufen.


Zeitgenöss. Goldmünze d. Joh. II. Komnenos (Abb. aus: http://fr.wikipedia.org/wiki/Jean_II_Comn%C3%A8ne

  1. Byzantinische Goldwährung. Der genannte Betrag von 20 Byzantiern monatlich (!) liegt allerdings erheblich über den byzantinischen Gepflogenheiten: Nach Berechnungen von W. Treadgold, Byzantium and its army 284-1081, Stanford (California) 1995, S. 118, 122 ff.. 129 ff., 188 ff. u. 197 haben byzantinische Soldaten im 9., 10. und 11. Jahrhundert nur 9 Nomismata (umgangssprachliche Bezeichnung für die byzantin. Goldmünzen) jährlich (!) als Sold bezogen; hinzu kamen allerdings für Uniformen, Ausrüstung und Waffen weitere 10 Nomismata. Bei den jahrhundertelang relativ konstanten Preisen und einer soliden Währung wären hier eigentlich vergleichbare Werte zu erwarten; vielleicht ist aber die "Übertreibung" zugleich auch Sinn dieser Darstellung... [Hinweis und Literaturangabe verdanke ich Dr. Hans-Joachim Kühn, Saarbrücken.]
  2. Johannes Polanus, möglicherweise Bruder des Dogen Petrus Polanus, der 1136 in Lothars (Vertrags-)Urkunde für diesen Dogen als solcher erwähnt wird (vgl. Bernhardi S. 651; Stumpf I, 1865 Nr. 3332 u. Stumpf-Brentano III, 1881, Nr. 101, S. 118). Im April 1136 nahm er an Lothars Merseburger Reichstag teil (Dumler, Venedig und die Dogen, 2001, 119f.).   -   Die Familie der Polani/Paulani ist in und um Venedig herum (z.B. Chioggia) in Urkk. d. 12. Jhdts nicht selten vertreten: 1115 begegnen wir einem Ioh(annes) Polani als Zeugen am Rialto (nebenstehend dessen eigenhändige Unterschrift) und 1153 ebenfalls einem Zeugen Iohannes Polani bei S. Giorgio Maggiore; aus diesem "Clan" schließlich stammt wohl auch der gleichnamige venezianische Bischof ("de Castello": 1133 - 1164) Giovanni Polani (vgl. Fees, Eine Stadt lernt schreiben, 2002, S. 89, 269, 334f.).
Unterschrift eines Venezianers namens Iohannes Polanus - 'Ego Ioh(anne)s Polani ...' - vom Aug. 1115, Rialto (Abb. aus Fees, S. 335)

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