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50.

Schwester G. an Bruder R.:
beklagt ihre "Vernachlässigung" durch den Bruder seit ihrer Eheschließung und meldet die nunmehrige Legalisierung ihres 'Verhältnisses' durch Synodaldekret; bittet um Versöhnung.

Ü: S fol. 28r; V fol. 49v-50r.
D: -
R: Wattenbach S. 44-50 (zu 1132).

Epistola sororis ad fratrem

R. fratri dulcissimo G., quicquid fidelissima germana germano.

Quia te, dulcissime frater, dum in paterna domo fueram, pre ceteris mortalibus sororeo amore dilexi, tu quoque versa vice fraterna me dilectione dilexisti, ultra quam dici vel opinari possit, admiror et admirando stupeo, stupendo condoleo, cum, postquam ad maritalem copulam accessi, me nec missa salute dignam visitasti nec aliquem fraternum affectum, ut dignum fuit, exhibuisti.

Optime te scire non ambigo matrimonium me non furtim contraxisse nec libidinoso viro habenti uxorem, licet infirmam et contractam, adhesisse, sed a fratre et a ceteris propinquis legitime pactam nupsisse. Ceterum nisi agnovi [eher: ignovi bzw. ignoravi?] illum vinculo coniugali teneri, antequam commercium carnale mecum inisset, illum relinquere statui et domum summa voluntate redire statui; sed necessitate constricta propositum meum adimplere non valui. Ea vero, quam egritudinis causa maritus repudiaverat, sicut Domino placuerat, de hac luce subtracta episcopus loci et canonici matricis ecclesi‚ communi decreto synodi me viro meo desponsatam concesserunt.

Quapropter, frater animo meo karissime et desideratissime, si hac de causa es in me, ut reor, conmotus, indignationem depone, malam voluntatem relinque, ad pristinum animum revertere. Si que de meis tibi sunt necessaria, velut propriis fruere. Multis namque novimus te indigere, alienis non affluis [?]. Sed quia verebar te mea refutare munuscula, ea tibi mittere certe pertimui. Cum ergo, frater, neque iniquitas mea neque peccatum meum, ut demonstravi, causa tue indignationis exstitit, flecte animum, remollesce, ut decet, sororem ama, per harum latorem mihi rescribe et, que sunt tibi necessaria, postula.

Brief von Schwester an Bruder

R., dem allerliebsten Bruder, (wünscht) G., was immer die treueste Schwester dem Bruder (wünschen mag).

Da ich dich, liebster Bruder, solang ich im väterlichen Haus lebte, vor allen (anderen) Sterblichen in schwesterlicher Liebe geliebt habe und du mich umgekehrt auch in brüderlicher Liebe geliebt hast, mehr als man sagen oder glauben könnte, wundere ich mich doch sehr und leide sehr daran, dass du, nachdem ich in den Stand der Ehe getreten bin, mich weder eines Grußes für würdig gehalten hast noch irgendein brüderliches Gefühl, wie es sich gehört hätte, zum Ausdruck gebracht hast.

Ich habe keinen Zweifel, dass du bestens weißt, dass ich nicht heimlich geheiratet und auch keinem sexgierigen Mann angehört habe, der schon eine Gattin hatte - auch wenn diese krank und behindert war -, sondern dass ich ihm vor seinem Bruder und den übrigen Verwandten mit gesetzlichem Vertrag [legitime pactam] angetraut wurde. Wenn ich im übrigen (vorher) gewusst hätte, dass er ehelich gebunden war, bevor er mit mir eine fleischliche Beziehung eingegangen ist, hätte ich mich durchaus entschlossen, ihn zu verlassen und gern nach Hause zurückzukehren; aber durch die (vertragliche?) Notwendigkeit gezwungen konnte ich mein Vorhaben (leider) nicht ausführen. Nachdem aber seine (Frau), die der Mann um ihrer Krankheit willen, verschmäht hatte, wie es Gott gefiel, verstorben war, haben der Ortsbischof und die Kanoniker der Hauptkirche in einem gemeinsamen Synodaldekret ihre Zustimmung erteilt, dass ich mit meinem Mann verheiratet bin (bzw. bleibe).

Deswegen, mein über alles geliebter Bruder, wenn du wegen dieser Angelegenheit über mich, wie ich glaube, verärgert (warst), lege nun deine Entrüstung ab, vergiss deinen Unwillen und kehre zurück zum früheren guten Einvernehmen. Wenn du von dem Meinigen etwas brauchen kannst, bediene dich, als wär's dein Eigenes. Wir wissen nämlich, dass du vieles benötigst; (denn) durch Schulden lebst du nicht gerade im Überfluss. Aber da ich fürchtete, dass du meine Geschenke zurückweisen würdest, habe ich mich bisher allerdings gescheut, dir etwas zukommen zu lassen. Wenn also, Bruder, nunmehr meinerseits weder unbilliges noch schuldhaftes Verhalten, wie ich bewiesen habe, (als Grund) für deine Entrüstung fortbesteht, beuge deinen Sinn, sei wieder nett, wie sich's gehört, liebe deine Schwester, schreib mit zurück, gib den Brief dem Überbringer dieser Zeilen mit und sag bitte, was du brauchen kannst.


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