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51.

Bruder R. an Schwester G.:
beklagt die Schande der illegitimen Ehe, hat Zweifel an der kirchlichen Legalisierung und will in jedem Fall mit dem Ehemann 'nichts zu tun' haben.

Ü: S fol. 28r-v; V fol. 50r-51r.
D: -
R: Wattenbach S. 44-50 (zu 1132).

Responsio

R. frater mestissimus G. quondam dilectissime sorori, licet non ex merito, fraternam dilectionem.

Qui magnum et incomparabilem thesaurum possidet, si fortuitis casibus vel furibus ei subripitur vel a predonibus violenter ei eripitur, intimo mentis dolore concutitur, presertim, si constat, inreparabile et nullis artibus restaurabile. Pro magno thesauro te possidebam, singulari dilectione te diligebam. Rapta es a predonibus, subtracta es fraudulenter a furibus; fera pessima, quam putabat Iacob devorasse filium suum Ioseph,1) te rapuit et devoravit. Dampnum hoc est intolerandum, quia non reparandum, ut enim ait beatus Hieronymus: "Omnia cum possit Deus, virginem post ruinam restaurare non potest."2) Et qualiter hoc non potest, qui omnia potest, credimus idcirco, quia non vult; omnia enim, quecumque vult, potest. Non enim de corporali tantum dampno doleo, quantum de anime periculo mereo, que ante casum omnibus gemmis fulgidior, obrizo fuerat pretiosior.3)

At pretendis causam et legitime te nupsisse asseris; sed que adulterio copulatur, contra legem nupsisse probatur. Non enim licet homini, sicut veritas in Evangelio dicit,4) dimittere uxorem suam causa fornicationis excepta, quam in infirma uxore mariti, quem dicis tui, nullam cognovimus nec audivimus; que etiam si intervenisset, ea nolente aliam ducere iure non potuisset. Apostolus quippe ait: "Si dimiserit quis uxorem suam et aliam duxerit, mechatur et, quecumque tali viro nupserit, adulterii crimine maculatur."5) Sed quia ignorans fecisti et, postquam cognovisti, illum dimittere voluisti, minus es arguenda et patientius a me toleranda.

Quod vero dicis, post mortem uxoris prediciti viri tui ab ecclesia tibi esse concessum, vix credere valeo, cum ecclesiastica id non patiatur ratio. Sed si tamen constiterit, animum, ut deprecata es, meum flecto, tibi condono, fraternam benivolentiam reddo; de tuis, si quando mihi necesse fuerit, postulabo, sed in presenti nil expeto.

Ille autem tuus vir, quoniam mihi multum dedecus et obproprium intulit, sed sibi sua habeat et, quamdiu Deo placuerit, possideat: Nec de suis peto nec de meis dabo et, nisi mihi satisfecerit, digne exceptis in his, que ad Deum pertinent, numquam amabo.

Antwort

R., der tieftraurige Bruder, (grüßt) G., seine einstmals innig geliebte Schwester, auch wenn sie's nicht verdient, mit brüderlicher Liebe.

Wer einen großen und unvergleichlichen Schatz besitzt, wird, wenn er ihm durch Schicksalsschläge oder durch gemeine Diebe [...] mit Gewalt entrissen wird, in seinem Innersten vom Schmerz erschüttert, zumal wenn feststeht, dass er irreparabel und durch keine Kunst oder Technik wieder rekonstruierbar ist. Der große Schatz warst du für mich und ich liebte dich in einzigartiger Liebe. Du wurdest mir von Räubern geraubt und von Betrügern unterschlagen; ein bösartiges Raubtier hat dich, so wie Jakob von seinem Sohn Joseph glaubte, dass er verschlungen worden sei, geraubt und gefressen. Dieser Schaden ist unerträglich, weil er nicht zureparieren ist, wie nämlich der heilige Hieronymus sagt: "Auch wenn Gott alles kann, eine Jungfrau nach dem Fall wiederherstellen kann er nicht." Und da der das nicht kann, der alles kann, deshalb glauben wir, dass er es nicht will; denn alles, was er will, kann er (auch). Doch leide ich nicht so sehr an d(ein)em körperlichen Schaden, wie ich über die Gefährdung d(ein)er Seele trauere, die vor dem Fall stärker glänzte als alle Edelsteine und kostbarer war als jedes Edelmetall.

Aber du trägst den Fall (aus deiner Sicht) vor und behauptest, dass du gesetzlich nicht verheiratet warst; aber wer zu einem ehebrecherischen Verhältnis verbunden wird, heiratet bekanntermaßen gegen das Gesetz. Denn es ist dem Mann nicht erlaubt, so wie es die Wahrheit des Evangeliums sagt, seine Ehefrau zu entlassen - abgesehen vom Vorliegen unzüchtigen Verhaltens, wovon wir im Falle der kranken Ehefrau des Mannes, den du (jetzt) als den deinen bezeichnest, weder etwas gesehen noch gehört haben; und auch wenn so was passiert wäre, hätte er ohne ihre Zustimmung rechtlich keine andere heiraten dürfen. Denn der Apostel sagt: "Wenn einer seine Frau entlässt und eine andere heiratet, treibt er Unzucht, und wer einen solchen heiratet, befleckt sich selbst auch mit dem Makel des Ehebruchs." Aber da du's ja unwissentlich getan hast und ihn, nachdem du (die Wahrheit) erfahren hattest, eigentlich verlassen wolltest, bist du weniger hart zu tadeln und von mir mit mehr Nachsicht zu bedenken.

Was du aber sagst, dass dir nach dem Tod der (rechtmäßigen) Ehefrau dieses deines Mannes von der Kirche (die Fortführung deines ehelichen Verhältnisses) erlaubt worden sei, vermag ich kaum zu glauben, da dies nicht kirchlicher Lehrmeinung [ratio] entspricht. Wenn's sich aber trotzdem so verhält, beuge ich meinen Sinn, so wie du's erbeten hast, sehe dir (deinen Fehler) nach und gebe dir meine brüderliches Wohlwollen zurück; auf dein Angebot (mir von deinem Geld etwas zu nehmen) komme ich gern zurück, sobald ich's brauche, aber für den Augenblick erbitte ich nichts.

Dein Mann aber soll das Seine behalten, da er mir viel Schimpf und Schande bereitet hat, und es solange besitzen, wie es Gott gefällt: Weder will ich etwas von ihm haben, noch werde ich ihm von mir etwas geben, und wenn er mir nicht Genugtuung leistet, werde ich ihn niemals angemessen lieben - abgesehen von dem, was sich auf Gott bezieht[= Christenpflicht?].

  1. Vgl. Gen. 37,20.
  2. Hier. Epp. 22, 5.
  3. Vgl. Isai. 13, 12.
  4. Matth. 5, 31 (... quicumque dimiserit uxorem suam, det ei libellum repudii. ... omnis qui dimiserit uxorem suam, excepta fornicationis causa, facit eam moechari, et qui dimissam duxerit, adualterat) - vgl. Anm. 5.
  5. Matth. 19,9 (... quicumque dimiserit uxorem suam, nisi ob fornicationem, et aliam duxerit, moechatur: et qui dimissam duxerit, moechatur...) - vgl. Anm. 4.

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