campus - Ausgabe 3 - Juli 1999 Forschung

UdS: Neues Zentrum für Koranforschung?
Teil 1

Bislang unbekannte Handschriftenfragmente wissenschaftlich erschlossen und ausgestellt Durch Zufall stießen Bauarbeiter 1972 in Sanaa, der Hauptstadt der arabischen Republik Jemen, auf einen der vielleicht bedeutendsten Funde des Jahrhunderts: Als die zu den ältesten der Welt zählende Große Moschee - erbaut um 628 nach Christus, also noch zu Lebzeiten des Propheten Mohammed - restauriert wurde, kam ein Hohlraum zwischen dem Dach und der Kassettendecke des Westbaus zum Vorschein. Darin befanden sich Zehntausende Pergament- und Papierfragmente von Handschriften des Korans, viele aus dem siebten bis zehnten Jahrhundert nach Christus, einige sogar aus der Zeit um 50 Jahre nach dem Tode des Propheten Mohammed.

Dr. Gerd-Rüdiger Puin
"Es ist wahrscheinlich der umfangreichste Fund frühester Koranhandschriften überhaupt," vermutet Dr. Gerd-Rüdiger Puin, Jemen-Experte und Islamwissenschaftler an der Saarbrücker Fachrichtung Orientalistik. "Jahrhunderte waren sie in der Moschee verborgen. Zum Teil waren sie stark beschädigt und manche Pergamente so eingerollt und mit der Zeit so brüchig geworden, daß sie beim Aufrollen zerfallen wären." Seit Beginn der Erforschung der Handschriften lag das Projekt in Händen von Saarbrücker Wissenschaftlern: Dr. Puin und der Kunsthistoriker und Experte für islamische Buchmalerei Dr. Hans-Caspar Graf von Bothmer, gehören zu den weltweit anerkannten Spezialisten auf ihrem Gebiet. "Die Handschriften wurden damals auf den "Dachboden" verbracht, weil sie unvollständig oder beschädigt worden waren. In dieser Weise wurden Fragmente des heiligen Buches nicht einfach weggeworfen, sondern pietätvoll aus dem Gebrauch genommen," erklärt Puin.

Um den wiedergefundenen Schatz zu erhalten und wissenschaftlich auszuwerten, ersuchte die jemenitische Regierung um Hilfe im Ausland. Das Angebot der Bundesrepublik, die Handschriftenfragmente vor Ort von Fachleuten restaurieren zu lassen, wurde angenommen. So startete 1980 unter Verantwortung des 1999 verstorbenen Hamburger Professors Albrecht Noth das Projekt "Restaurierung ... arabischer Handschriften" bei der jemenitischen Antikenbehörde, finanziert von der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes. Mit seinen Kosten in Millionenhöhe sollte es sich zum bislang größten Kulturerhalt-Projekt entwickeln. Noth holte Dr. Puin nach Sanaa, der dort von 1981 bis 85 das Projekt organisatorisch und wissenschaftlich leitete. "Ich verbrachte dort mit die schönsten Jahre meines Lebens", sagt Puin heute, der als erster Nicht-Muslim an der Universität in Riyad in Saudi Arabien studiert hat. 1985 übernahm Graf von Bothmer die Leitung. Seit 1987 wurde das Projekt als Drittmittelprojekt der Saar-Universität fortgeführt. Alle restaurierten Koranfragmente wurden von Graf von Bothmer mikroverfilmt und 1997 die Arbeiten im Jemen abgeschlossen. "Die diffizile Restaurierung, die Spezialisten aus Göttingen, Berlin und Wien vornahmen, wie auch unsere Forschung hat sich bisher auf die Pergamente beschränkt, da diese die ältesten und somit interessantesten Fragmente sind: Das teure Pergament wurde in der islamischen Welt ab dem zehnten Jahrhundert fast ganz durch das schon damals in großen Mengen hergestellte Papier ersetzt, so daß die Papierfragmente von vornherein als jünger gelten müssen," erläutert Graf Bothmer. "Die Fragmente stammen aus 926 verschiedenen Koranhandschriften; von manchen sind nur wenige Blätter, von anderen mehrere hundert erhalten, aber keine ist auch nur annähernd vollständig." Die systematische Sichtung und wissenschaftliche Bearbeitung wird noch einige Jahre in Anspruch nehmen. Dabei widmet sich Puin im Rahmen seiner Forschung vor allem der Orthographie und ihrer Entwicklung, den graphischen Hilfssystemen und den Frühformen der arabischen Kalligraphie. Graf Bothmer befaßt sich vor allem mit der Illumination, also den "Schmuckelementen", ihren historischen Voraussetzungen und ihrer Entwicklung.

"Nach dem islamischen Glauben ist das Wort Gottes im Koran heilig. Die schriftliche Fassung aber ist Werk von Menschenhand. Unsere bisherigen Forschungen haben ergeben, daß wohl der rezitierte Text selbst, nicht aber die Art und Weise der schriftlichen Wiedergabe von Anfang an feststand," resümieren die Wissenschaftler. "Wir beginnen zu verstehen, in wievielen kleinen Schritten die seit rund 1000 Jahren gültige Form der Koranschreibung gewonnen wurde, und zu dieser "Form" gehört auch die Illumination. Sie ist nicht nur künstlerische Bereicherung des Textes, sondern erfüllt zugleich die Aufgabe der Gliederung in Suren (Kapitel) und Verse und andere kultisch bedingten Abschnitte. Die frühen Koranfragmente von Sanaa ermöglichen die Erschließung einer Textgeschichte des Korans, von dem es übrigens bis heute keine wissenschaftliche Ausgabe gibt."

Der Koran des Kalifen al-Walid

Blick über den Innenhof der Großen Moschee von Sanaa. Unter dem Dach der gegenüberliegenden Ecke wurde 1972 das Depot von Koran-Fragmenten entdeckt.

Dr. Hans-Caspar
Graf von Bothmer
Nach Plänen von Dr. Puin richtete die jemenitische Antikenbehörde im "Haus der Handschriften" eine ständige Ausstellung der bedeutendsten Koranfunde ein. Sie ist fester Teil des offiziellen Besuchsprogramms der Regierung - jeder Staatsgast, ob König, Präsident oder Minister, besucht sie. Fotografien einiger dieser Fragmente waren jetzt auch im Rahmen einer Ausstellung im Präsidialgebäude zu sehen, die wegen des großen Interesses mehrfach verlängert wurde. Puin und Graf von Bothmer boten selbst zweimal in der Woche Führungen an. Ausgestellt waren auch Aufnahmen der schönsten und mit zu den bedeutendsten zählenden Fragmente aus dem Koran des Kalifen al-Walid. Kunsthistorisch wurde die ursprünglich mindestens 51 cm hohe und 47 cm breite Koranhandschrift in das Jahr 710 bis 715 n. Chr., also rund 80 Jahre nach dem Tode des Propheten Mohammed datiert. Das Ergebnis wurde durch eine Altersbestimmung mit Hilfe der C14-Methode bestätigt. 25 Blätter der ursprünglich etwa 520 Blatt umfassenden Handschrift sind erhalten, das Pergament stammt von ebensovielen Tieren. Ganzseitige prachtvolle Architekturbilder zweier Moscheetypen und ein Paradiesbild in antiker Tradition schmückten einst die drei Seiten vor dem Korantext, der kunstvolle Illuminationen wie breite Flechtbandrahmen und Ornamentstreifen enthält. Verwendet wurden auch Gold, Silber und Lapislazuli. "Mit der technischen Fertigkeit dieser Ausführung und dem reichen Motivrepertoire, das von seiner Art her der Spätantike zugeordnet werden kann, scheint der Koran al-Walids nicht eigentlich den Beginn der Islamischen Kunst, sondern das Ende der Spätantike in frühislamischer Zeit widerzuspiegeln," erklärt Graf von Bothmer.
Claudia Brettar

In einer gemeinsamen wissenschaftlichen Erstveröffentlichung "Neue Wege der Koranforschung" (magazin forschung, 1/99, S.33-46) geben die Autoren Prof. Karl-Heinz Ohlig (Katholische Theologie und Religionswissenschaft), Dr. Puin und Dr. Graf von Bothmer Einblicke in die Forschung aus der Sicht ihrer jeweiligen Disziplin.