campus - Ausgabe 4 - November 1999 Stengel-Symposium Teil 1

Johann Friedrich Stengel: Entwurf für den Neubau eines Bankhauses in Twer
Johann Friedrich Stengel: Das Palais Freital am Ludwigsplatz in Saarbrücken
Saarbrücker Stengel-Symposium
Saarbrückens 1000-Jahr-Feier und der 10. Jahrestag der Wiedervereinigung boten den Rahmen für ein internationales Stengel-Symposium - zum zweiten Mal in fünf Jahren in Saarbrücken, der Stadt, die Friedrich Joachim Stengel bis heute ihr städtebauliches Profil verdankt: Im September luden das Kunsthistorische Institut der Saar-Uni unter Leitung von Prof. Klaus Güthlein, das Kunsthistorische Institut der Universität Regensburg unter Leitung von Prof. Christoph Dittscheid und das Institut für Landeskunde zum Austausch der neuesten Forschungsergebnisse ein. Lesen Sie im ersten Teil über bislang im "Westen" unbekannte Erkenntnisse zu Leben und Werk der Stengel-Söhne.
Während frühere Kongresse stets den Hauptvertreter der Familie, Friedrich Joachim, in den Mittelpunkt stellten, beleuchtete das diesjährige Symposion erstmals auch das Werk seiner Söhne. Das historische und geographische Spektrum des Schaffens des Baumeister-Geschlechts konnte so erheblich erweitert werden: Es spiegelt den Übergang vom fürstlichen Absolutismus ins bürgerliche, industrielle Zeitalter des 19. Jahrhunderts und reicht vom Elsass über das Saarland, Rheinland-Pfalz, Hessen und Sachsen-Anhalt bis nach Russland.

Die Öffnung des einstigen Ostblocks brachte eine Fülle neuer Erkenntnisse zu den Stengel-Söhnen, ebenfalls bedeutende Architekten, die bisher jedoch eher im Schatten des berühmteren Vaters standen. Der Zusammenbruch des Sowjet-Kommunismus machte zuvor unerreichbare Wirkungs- und Forschungsstätten zugänglich und ermöglichte neue wissenschaftliche Kontakte: So konnten die russischen Forscher Swetlana Kazakowa, St. Petersburg und Georgi Smirnov, Moskau, für das Symposion gewonnen werden: Sie gewährten einzigartige Einblicke in Leben und Karriere des "russischen Stengel", Johann Friedrich (1746-1820 (?), in seiner neuen Heimat bekannt als Fjodor Fjodorowitsch.

Georgi Smirnov berichtete über Fjodors Tätigkeit in der Kaufmannsstadt Twer an der Wolga, die 1763 abgebrannt war, und an deren Wiederaufbau nach den damals modernen westlichen Prinzipien der Urbanistik sich Stengel ab 1776 beteiligte. Er errichtete zahlreiche öffentliche und private Bauten, von denen sich viele bis heute erhalten haben. Obwohl diese Architekturen stilistisch bereits zum Frühklassizismus zählen, fallen doch Ähnlichkeiten mit Werken des Vaters ins Auge, die belegen, wie stark der Barock-Baumeister seine Söhne prägte: Ein Bankgebäude in Twer etwa zeigt in der Anordnung der Portale Verwandtschaft mit den Palais Freital und Lüder am Saarbrücker Ludwigsplatz. 1784 wechselte Fjodor in die Hauptstadt des Zarenreiches, St. Petersburg, wo er in der Leitung der staatlichen Bronzefabrik tätig war, die auch Bauschmuck für kaiserliche Monumentalbauten fertigte. Die Regierungswechsel nach dem Tod der Zarin Katharina II. 1796 sollten sich nachteilig auf seine Karriere auswirken: Er fungierte - wie Swetlana Kazakowa bei ihrer Forschung herausfand - schließlich als Gutachter einer St. Petersburger Darlehensbank.

Hinsichtlich des jüngeren Stengel-Sohns, Balthasar Wilhelm (1748-1824), war es vor allem Oranna Dimmig aus Berlin, die Biographie und Werdegang in ein neues Licht rückte. Balthasar Wilhelm gelangte erst auf Umwegen zum Architektenberuf. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft und Staatswirtschaft in Halle und Jena hatte er im Nassau-Saarbrückischen eine Verwaltungslaufbahn begonnen. Von 1785 bis 93 dauerte seine kurze, aber erfolgreiche Karriere als Architekt des Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken, deren wichtigste Zeugnisse, wie die Gärten des Ludwigsbergs oder das Saarbrücker Schauspielhaus die Französische Revolution jedoch nicht überlebten. Minoti Paul aus Saarbrücken ließ in seinem Beitrag einen Bereich der Ludwigsberger Gartenanlage, die Bauten des Dianenhains, aufleben. Balthasar Wilhelms Tätigkeit für das Theater - er war hier Architekt, Bühnenbildner und Schauspieler - thematisierte Klaus Güthlein: Stengel war mit den Innovationen des damals führenden französischen Theaterbaus vertraut und zählte mit Friedrich Gilly, Karl Friedrich Schinkel und Karl von Fischer zu den frühesten Rezipienten dieser Ideen in Deutschland. Details auch zum späteren Lebensweg ab 1793, nach der Flucht aus Saarbrücken, förderte Oranna Dimmig zutage: 1807 legte Stengel einen Plan zum Wiederaufbau des abgebrannten Saarbrücker Schlosses vor; ungünstige Zeitabläufe verhinderten leider die Realisierung.

Ähnlich ging es auch seinen Ideen zur nassau-usingischen Residenzstadt Wiesbaden; darunter ein prachtvoller Plansatz für ein Hoftheater), dessen Entstehungszeit sich jetzt datieren läßt: Stengel hielt sich neuesten Forschungsergebnissen zufolge 1811/12 zur Klärung der Ansprüche der Bediensteten des Hauses Nassau-Saarbrücken in Wiesbaden auf.

Hans-Christoph Dittscheid,
Klaus Güthlein
Fotos: Kunsthistorisches Institut, UdS