campus - Ausgabe 4 - Oktober 2000 Singles im 19. Jahrhundert

Familienstand: ledig
"Singles" im 19. Jahrhundert

Rund 13,5 Millionen von 81,2 Millionen Menschen in Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt heute in einem Single-Haushalt. Schon seit Jahren ist dieser Haushaltstyp der häufigste hierzulande - 1999 machte er 36 Prozent aller Privathaushalte aus. - Was in unserer Gesellschaft selbstverständlich ist, war im Bürgertum des 19. Jahrhunderts ein Novum. Wie lebten damals die ehelosen Frauen und Männer - sozusagen die Wegbereiter für die spätere Normalität? Warum lebten sie allein? Wie wurden sie von der Gesellschaft ihrer Zeit gesehen und wie sahen sie sich selbst? Welche Auswirkungen hatte ihre Ehelosigkeit im täglichen Leben etwa auf den Freundeskreis, auf das familiäre Umfeld, auf Reisen oder im Alter? Mit bislang noch unbeantworteten Fragen wie diesen hat sich Dr. Bärbel Kuhn, Hochschuldozentin für Neuere und Neueste Geschichte und Didaktik der Geschichte, in ihren Forschungen beschäftigt. Sie wertete unzählige zeitgenössische Quellen aus, darunter Tagebücher, Briefe, Biografien auch von manch prominentem Single wie Wilhelm Busch.

Ihre Erkenntnisse hat Bärbel Kuhn in einem Buch veröffentlicht:
Familienstand: ledig - Ehelose Frauen und Männer im Bürgertum (1850 -1914)
Böhlau Verlag, Köln, Weimar 2000, L'Homme Schriften,
Band 5, 488 Seiten, 68 Mark,
ISBN 3-412-12999-2
Ans Licht kamen interessante Lebensbilder, Mentalitäten, Lebensumstände und ganz profane Probleme des Alltagslebens, die der "alten Jungfer" und dem "Hagestolz" damals das Leben schwer machten.

Für Frauen stellte ihr Leben abseits der Erwartungen der Gesellschaft allerdings eine ungleich größere Herausforderung dar, als für alleinlebende Männer. "Sie mussten lernen, sich in einer ihnen bislang verschlossenen Welt zurechtzufinden," schildert Bärbel Kuhn. "Weder ihre Erziehung hatte sie vorbereitet, noch konnten sie später Hilfen oder Verhaltens- und Handlungsrichtlinien erwarten." Ein Beispiel: Die Mahlzeiten. "Der Wohnungsmarkt war ganz und gar nicht auf alleinstehende Frauen eingestellt - kleine Wohnungen mit Küche gab es fast nicht; Männer hatten zumeist ein möbliertes Zimmer und aßen im Gasthaus, wo Frauen nicht gern gesehen waren," erklärt die Historikerin. Auch manch kuriose Ungleichbehandlung deckt die Saarbrücker Wissenschaftlerin auf: Während Lehrerinnen nicht heiraten durften, waren unverheiratete Lehrer suspekt. Auch wurden alleinstehende Frauen ihrer grundsätzlich unterstellt: nicht-selbstgewählten Lebensumstände wegen eher bemitleidet, wohingegen Männer wegen ihrer grundsätzlich unterstellten eigenen Wahl zwar einerseits beneidet wurden. "Die Gesellschaft sah andererseits eine Gefährdung des Ehemodells und setzte die Junggesellen, die in den Augen der damaligen Zeit die Schuld an der Frauenfrage trugen, massiv unter Druck, diesen Zustand zu beenden," so die Saarbrücker Historikerin.

Auch diskriminierenden Vorurteilen fanden sich weibliche Ledige eher ausgesetzt. "Jedoch machte die finanzielle Eigenständigkeit sie mutiger, ihnen bislang aufgezeigte Grenzen zu überschreiten und eine selbstbestimmte Lebensgestaltung einzufordern," führt Bärbel Kuhn aus. So setzten sie etwa durch, dass sie auch allein Urlaubsreisen antreten konnten - die entstehenden Reiseunternehmen entdeckten sie schnell als Kundinnen. Nach und nach stellte sich das Umfeld auf die alleinlebenden Frauen ein. Eher spät reagierte der Wohnungsmarkt: Noch in den 1920er und 1930er Jahren beschäftigte die Frauenzeitschriften die Wohnungs- und Verköstigungsfrage von berufstätigen Frauen.

Typisch männlich oder weiblich?
Für manche der Alleinlebenden führte die Konfrontation mit dem Alltag gar in eine Krise Ihrer geschlechtlichen Identität. "Unabhängig vom eigenen biologischen Geschlecht wurden bestimmte Charaktereigenschaften, Verhaltensformen, Wünsche und Phantasien als spezifisch männlich oder weiblich begriffen," erklärt Bärbel Kuhn. So galt etwa Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen als männlich, Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit und Zurückhaltung als weiblich. "Während Frauen mit dem Attribut ‘männliche Eigenschaft’, etwa in ihrer Funktion als Ernährer von ihr abhängiger Familienmitglieder, kaum Probleme hatten, nahm kein Mann die ‘weiblichen Eigenschaften’ für sich selbst in Anspruch," so die Historikerin.

Sicher ist: Der Weg bis hin zur heute von der Nahrungsmittelindustrie entdeckten Single-Packung war steinig und weit. Aber die "Singles" des 19. Jahrhunderts haben diesen Weg geebnet: "Die "Normalität", die ledige Frauen und Männer vorlebten, hat sicherlich zu einer breiteren Akzeptanz des alternativen Modells beigetragen," resümiert Dr. Bärbel Kuhn. "Ihre relative Zufriedenheit ließ Zweifel daran aufkommen, dass das Ehe- und Familienleben glücklicher machte, und letztlich konnte niemand mit Sicherheit wissen, wer das bessere Los gezogen hatte."

Claudia Brettar