campus - Ausgabe 4 - Dezember 2002 Rechtsmedizin

Die vielen Gesichter des Saddam Hussein

Dr. Dieter Buhmann, Foto: das bilderwerk

Der Homburger Rechtsmediziner Dr. Dieter Buhmann (Foto) hat ein neues Verfahren zur Identifizierung von Personen entwickelt. Bislang arbeitete der Wissenschaftler eher im Verborgenen - doch seitdem er den Nachweis dafür erbracht hat, dass sich der irakische Diktator Saddam Hussein von Doppelgängern vertreten lässt, ist er weltweit bekannt.

Gerüchte darüber hat es schon lange gegeben, jetzt steht es fest: Saddam Hussein lässt sich bei öffentlichen Auftritten doubeln. Nachdem das Auslandsjournal des ZDF am 26. September erstmals über die Doppelgänger des irakischen Diktators berichtet hatte, verbreitete sich die Nachricht in Windeseile rund um den Erdball. Die Redakteure des Mainzer TV-Senders hatten einen echten Coup gelandet.

Dass die Mutmaßungen nun ein Ende haben, ist vor allem einem zu verdanken: Dr. Dieter Buhmann. Der seit 1979 an der Saar-Uni tätige Rechtsmediziner nahm im Auftrag des Auslandsjournals etwa 450 Archivbilder von Saddam Hussein unter die Lupe. Dabei entdeckte er drei Männer, die dem Diktator zwar auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich sehen, aber nicht wirklich er sind. "Allerdings könnte es auch noch mehr Doubles geben", schränkt der 53-jährige Wissenschaftler ein. Aufmerksam gemacht auf den Homburger Experten wurden die Redakteure des ZDF von der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin. Als die Journalisten dort anfragten, wer dazu in der Lage sei, die Doppelgänger-Frage bei Saddam Hussein zu lösen, sind sie an Buhmann verwiesen worden. Unter Rechtsmedizinern, bei Staatsanwälten und Kriminalbehörden hat er als Forscher und Gutachter längst einen Namen, die Identifizierung der Hussein-Doubles machte ihn nun praktisch über Nacht weltweit bekannt. Sein Telefon stand nicht mehr still, Interview-Anfragen erreichten ihn aus allen Winkeln der Erde. "Mit einer solchen Reaktion hätte ich nie gerechnet", sagt Buhmann, "ich bin noch immer sehr überrascht und gleichzeitig froh, dass es wieder ruhiger geworden ist."

Der irakische Diktator Saddam Hussein (links) und die drei von Dr. Buhmann identifizierten Doppelgänger. Foto: ZDF

Eine einfache und effiziente Methode

Buhmann sprach mit CNN und dem britischen Nachrichtensender ITN, der Deutschen Welle und der Ärzte Zeitung, der Tageszeitung "Die Welt" und und und ... Die häufigste Frage, die ihm gestellt wurde, war die Frage nach dem Wie - wie ist er vorgegangen, um den Nachweis der Doppelgängerschaft zu erbringen?

Die Antwort mag viele verblüfft haben, denn, so Buhmann, "die Methode ist so einfach und effizient, dass es mich wundert, dass noch keiner vor mir auf diese Idee gekommen ist". Der Grundgedanke hinter seinem von ihm selbst als computergestützte Bildanalyse bezeichneten Verfahren: Ein erwiesenermaßen "echtes" Foto ist mit einem anderen Foto einer Person zu vergleichen. Beide Aufnahmen werden per Mausklick übereinander gelegt - und zwar gerade so, als hätte man zwei Strichzeichnungen auf transparentem Papier in der Hand und würde sie gegen Licht halten.

Buhmann erledigt das alles am Computer. Zuerst startet er sein Grafikprogramm, eine "handelsübliche" Standardsoftware, wie sie in jeder Werbeagentur und Zeitungsredaktion zu finden ist. Dann holt er sich das Referenzfoto - also das Original - und das noch zu prüfende Foto auf den Bildschirm. Das Original versieht er an markanten Stellen wie den Nasenflügeln, den Augenbrauen oder den Ohrläppchen mit Markierungen, anschließend kopiert er diese Hilfslinien und Punkte und fügt sie in das zweite Bild ein (siehe Abbildung). Sind die Markierungen an der gleichen Stelle, sind die abgebildeten Personen identisch - andernfalls nicht.

Beim Double Saddam Husseins (rechts) liegen drei Merkmale anders als beim Original.
Foto: ZDF

Vorsicht bei Leberflecken, Augenbrauen und Ohrläppchen

Normalerweise arbeitet Buhmann mit Fotos, die in einem Gerichtsverfahren als Beweismaterial verwendet werden sollen. Dass von den Tatverdächtigen darauf anstatt des Gesichts manchmal nur ein Teil des Gesichts oder gar nur eine Hand zu sehen ist, tut der Methode keinen Abbruch. "Auch ein Ohr und eine Hand haben markante Stellen", betont er. "Wichtig ist vor allem, dass Bildperspektive und Körperhaltung der Person bei Referenz- und Beweisfoto überein stimmen."

Ob die Methode wasserdicht ist, hängt also zu einem großen Teil davon ab, dass das in der Regel nachgestellte Referenzfoto die Szene der Beweisaufnahme noch einmal genau einfängt, dass also beispielsweise der Kopf in gleicher Weise geneigt ist. Welche Abweichungen hierbei noch tolerierbar sind, untersuchen derzeit zwei Mitarbeiterinnen des Rechtsmedizinischen Instituts für ihre Doktorarbeit. Vorsicht ist auch bei scheinbar ganz individuellen Merkmalen wie Leberflecken, Augenbrauen oder Ohrläppchen geboten. "Die kosmetische und plastische Chirurgie vermag so einiges", warnt Buhmann vor übereilten Schlüssen.

Die Auswertung der Fotos von Saddam Hussein war sehr aufwendig, und das vor allem deshalb, weil Buhmann aus einer Unmenge von ZDF-Archivmaterial zunächst jene rund 450 Bilder herauszufiltern hatte, auf denen der Diktator jeweils in gleicher Perspektive und Haltung zu sehen ist. Für die "Echtheit" des mitgelieferten Referenzfotos garantierte der TV-Sender - es war eine Aufnahme aus dem Jahr 1990. Bis Buhmann sich Bild für Bild durch die 30 Videobänder gearbeitet hatte und das Ergebnis feststand, vergingen rund zehn Tage.

Was an der Doppelgänger-Nachricht besonders irritierte: In den von Buhmann untersuchten Filmsequenzen tauchten seit 1998 nur noch die Doubles auf, der "echte" Saddam Hussein trat nicht mehr auf - alle Staatsgäste hatten also dem "falschen" Diktator die Hand geschüttelt. Buhmann zufolge ist der Diktator erst wieder am 21. September 2002 im irakischen Fernsehen erschienen.

Auch das FBI zeigte für das Verfahren großes Interesse

Entwickelt hat der Rechtsmediziner sein Verfahren bereits 1999. Bis zu diesem Zeitpunkt beschränkten sich Kriminalermittler und Forscher bei der Identifizierung von Personen anhand von Fotos meist auf rein deskriptive Vergleiche der morphologischen Merkmale. Das heißt: Anatomische Besonderheiten wie abstehende Ohren oder Mandelaugen wurden zwar beschrieben, nicht aber punktgenau vermessen. "Da die deskriptive Methode nicht immer vor Gericht Stand hält, suchte ich ergänzend nach einer neuen Methode", erklärt Buhmann den Ursprung seiner Idee. Der Vorteil des Verfahrens: "Es ist vom Untersucher völlig unabhängig", so Buhmann, "jeder muss zum gleichen Ergebnis kommen, wenn er Punkte setzt." Seinen Kollegen stellte er das neue metrische Verfahren zum ersten Mal am 23. Juli 2000 auf einer vom FBI ausgerichteten Konferenz der International Association for Craniofacial Identification (IACI) in Washington vor. "Sie haben die Demonstrationen sehr aufmerksam beobachtet, auch das FBI zeigte großes Interesse", erinnert sich der Rechtsmediziner.

Computergestützte Bildanalyse gehört zur Routine

Saddam Hussein war zwar mit Abstand die bekannteste Person, die der Homburger Forscher bisher mit seiner Methode identifiziert hat, insgesamt setzte er die computergestützte Bildanalyse jedoch bereits weit mehr als 100 Mal ein. "Für mich gehört der metrische Vergleich schon zur Routine", berichtet der Wissenschaftler. Aber nicht nur bei Gerichtsprozessen im Saarland, sondern auch in anderen Bundesländern wird das Verfahren angewendet. Eingesetzt wird es derzeit unter anderem von den Rechtsmedizinischen Instituten der Universitäten Düsseldorf, München und Ulm sowie einer Reihe von selbstständigen Gutachtern.

Tamara Weise