campus - Ausgabe 1 - Februar 2003 campus aktuell

Rund die Hälfte der Lehrer leiden potenziell an Stimmstörungen. Das ist das Ergebnis einer Pilotstudie, die Professor Norbert Gutenberg (links) und sein Projekt-Mitarbeiter Dr. Thomas Pietzsch am Fachgebiet Sprechwissenschaft und Sprecherziehung durchgeführt haben. Foto: WE

Keine Stimme, kein Unterricht

Die Stimme eines Lehrers wird jeden Tag stark beansprucht: Im 45-Minuten-Rhythmus erklärt er Zusammenhänge, stellt und beantwortet Fragen. Wie steht es um dieses wichtige - aber in der Regel kaum beachtete - Arbeitsinstrument? Die am 1. Februar vergangenen Jahres in der Abteilung Sprecherziehung der Fachrichtung Germanistik gestartete "Pilotstudie zur Karriere von Lehrerstimmen mit stimmpathologischem Befund bzw. mit Prognose eines stimmpathologischen Risikos unter Unterrichtsbelastung" zeigte: 44 Prozent der untersuchten Stimmen stellten sich als "unter Unterrichtsbelastung gefährdet" heraus. Die Basis des Projekts ist ein Stimmkorpus, der aus 1284 aufgezeichneten und ausgewerteten Sprecheignungs-Tests besteht - alle Lehramtsstudierenden der Germanistik müssen ihn seit 1981 durchlaufen. Die vorliegenden Daten sind in eine Datenbank eingepflegt und inzwischen nach mehr als 40 verschiedenen Parametern ausgewertet worden. Das Diagramm (siehe Abbildung) verdeutlicht das Verhältnis der Stimmen ohne auditiven Befund zu solchen mit einer auditiven Prognose oder Diagnose. Die Ergebnisse der eher vorsichtigen Berechnungen korrelieren mit phoniatrischen Untersuchungen früherer Jahre. Aus diesen Quellen stammen auch die erwartbaren Prozentsätze von Erkrankungen, die von uns allerdings nach unten korrigiert wurden. Insgesamt wurden 564 Stimmen als "unter Unterrichtsbelastung gefährdet" eingestuft. Konkret, aber sehr positiv gerechnet, bedeutet das:

  • 347 Personen sind als prognostisch dysphonisch gehört worden - sie zeigten also eine Tendenz zur Stimmstörung. Es ist wahrscheinlich, dass davon pro Jahr mindestens 115 Personen (30 Prozent) für mindestens fünf Arbeitstage stimmbedingt erkranken. Daraus errechnen sich bis zu 575 Tage oder 4600 Zeitstunden Unterrichtsausfall pro Jahr.
  • Bei 217 Personen ist eine Stimmstörung auditiv diagnostiziert worden. Vermutlich werden davon jedes Jahr mindestens 110 Personen (50 Prozent) für mindestens fünf Arbeitstage ausfallen. Daraus errechnen sich jährlich bis zu 550 Tage oder 4400 Zeitstunden Unterrichtsausfall.
  • Unter der Voraussetzung, dass sich alle der gehörten Personen im Schuldienst befinden, ergeben sich daraus pro Jahr rund 9000 Zeitstunden Unterrichtsausfall.
Diese Auswertungen beziehen sich ausschließlich auf die Stimmen angehender Deutsch-Lehrer an Realschulen und Gymnasien. Die Stimmen von Pädagogen anderer Unterrichtsfächer und anderer Schulformen sind nicht erfasst worden.

Verhältnis der Stimmen mit auditiver Diagnose oder Prognose zu Stimmen ohne auditiven Befund (Basis: 1284 Stimmen)

Generell wäre es mit dem Projekt möglich, die Stimmen der Lehrer prophylaktisch und therapeutisch zu unterstützen. Ein großer Teil des sehr wahrscheinlich auftretenden stimmkrankheitsbedingten Unterrichtsausfalls könnte auf diese Weise aufgefangen werden - wovon vor allem die Schüler profitieren würden. Abgesehen davon könnte der Finanzetat des Landes und letztlich auch der Etat der Krankenkassen entlastet werden. Dennoch: Momentan ruht das zunächst vom Kultusministerium geförderte Projekt. Im August wurden die Untersuchungen aufgrund von Haushaltseinsparungen des Landes vorläufig eingestellt. Wird die Studie fortgesetzt, ergeben sich für die weitere Arbeit zwei Forschungsschwerpunkte:
  • Der Einstieg in eine Langzeitstudie über Stimmkarrieren unter stimmpathologischem und stimmprophylaktischem Aspekt - basierend auf unserem Stimmkorpus.
  • Vorstudien zu einer kommunikationspsychologischen Analyse durch Befragung von "naiven" Hörern ohne sprechwissenschaftliche Ausbildung und Experten, also zum Beispiel von Schülern und Logopäden.
  • Im Einzelnen wäre zu klären, ob und wie sich die individuellen Stimmbiographien der berufstätigen Lehrer im Laufe der Zeit bis heute entwickelt haben. Außerdem wäre zu untersuchen, wie sich prophylaktische stimmbildnerische Übungen und notwendige atem- und stimmtherapeutische Maßnahmen ausgewirkt haben. Es steht zu erwarten, dass diese Langzeitstudie folgende Annahmen bestätigen wird:
  • Studierende mit einer Prognose "Stimme unter Unterrichtsbelastung eventuell gefährdet", die prophylaktisch der Empfehlung folgten, eine Atem- und Stimmbildung zu besuchen, werden signifikant seltener eine berufsbedingte Dysphonie (Stimmstörung) entwickeln als solche, die dies nicht tun.
  • Studierende mit der Diagnose Dysphonie, die sich einer Stimmtherapie unterzogen haben, werden signifikant seltener stimmbedingt krankgeschrieben, wenn sie erst einmal im Schuldienst sind.

Norbert Gutenberg/Thomas Pietzsch/WE