campus - Ausgabe 2 - Mai 2003 Forschung

Augenmedizin
Klare Sicht, keine Wunder

Die Uni-Augenklinik in Homburg ist Spezialkrankenhaus, Aus- und Fortbildungsstätte sowie international anerkanntes Forschungszentrum in einem. Ganz oben auf der Forschungsagenda stehen für die Mediziner die Hornhaut- und Glaukomchirurgie. Ein Porträt.

In Homburg lernen Blinde wieder sehen. Das ist weder ein Wunder noch eine Übertreibung - sondern das Ergebnis medizinischer Forschung und handwerklichen Könnens. Prof. Klaus W. Ruprecht zufolge kommt es in der Universitäts-Augenklinik und Poliklinik jährlich etwa ein bis zwei Mal vor, dass als blind eingestufte Menschen ihr Augenlicht zurückgewinnen. Der Mediziner arbeitet seit rund 30 Jahren als Augenarzt und ist seit 14 Jahren Direktor der Homburger Spezialklinik. Gemeinsam mit seinem Team behandelt er jedes Jahr rund 27000 Patienten (davon etwa 23000 ambulant), die meisten davon kommen aus dem Saarland und aus Rheinland-Pfalz, einige aber auch aus anderen Bundesländern und dem Ausland.

Zu den häufigsten Ursachen für Blindheit oder Sehbehinderung zählen Eintrübungen der Hornhaut sowie das Glaukom, auch grüner Star genannt. Die Homburger Augenmediziner sind ausgewiesene Experten auf beiden Gebieten.

Die Hornhaut ist für Menschen so etwas wie das Fenster zur Welt: Mit ihr ist der vordere, lichtempfindliche Teil des Augapfels überzogen. Trübt sie sich durch Infektionen, Verletzungen oder angeborene Erkrankungen ein, gelangt nicht mehr genügend Licht ins Auge, und das Sehvermögen schwindet.

Experimente mit Zelluloid

Die Idee, trübe Hornhaut zu ersetzen, ist bereits mehr als 200 Jahre alt. Anfangs experimentierten Mediziner mit Glas oder durchsichtigem Zelluloid, als Königsweg hat sich jedoch die Transplantation erwiesen. "Die Erfolgsrate liegt hier bei 95 Prozent", berichtet Prof. Ruprecht. Komplikationen seien selten und Medikamente, die eine Abstoßung des fremden Gewebes verhindern, müssten von den Patienten nur vorübergehend eingenommen werden.

Die Operation dauert etwa 30 bis 60 Minuten: Zuerst wird die eingetrübte Hornhaut ausgeschnitten, dann mit genau 32 Stichen die klare, gesunde Spenderhornhaut eingenäht - der Chirurg arbeitet dabei unter einem Mikroskop mit bis zu 40facher Vergrößerung. Etwa ein Jahr später können die Fäden wieder entfernt werden.

 

 

 

 

 

 

Fotos: das bilderwerk

Die Homburger Spezialisten führen diese Operation jährlich rund 120 Mal durch. Dass nicht noch häufiger transplantiert wird, liegt einerseits an der immer noch zu geringen Anzahl verfügbarer Spenderhäute, andererseits aber auch am Zustand der ursprünglichen Hornhaut: Ist die Hornhaut schwer beschädigt, kommt es praktisch immer zu einer Abstoßungsreaktion der verpflanzten Haut. In solchen Fällen greifen die Augenärzte deshalb auf Kunststoffimplantate zurück. Da sich jedoch eine direkte Einnähung dieser Materialien in die Hornhaut nicht bewährt hat, gehen Mediziner und Patienten einen Umweg über die so genannte Osteo-Odonto-Keratoprothese (OOKP/ Knochen-Zahn-Hornhautprothese). In Europa beherrschen dieses langwierige und aufwändige Verfahren lediglich vier Spezialkliniken - Homburg gehört dazu, neben Brighton (Großbritannien), Salzburg (Österreich) und Rom (Italien). Prof. Ruprecht: "In einem ersten Schritt wird aus Material von einem Eck- oder Frontzahn und Knochen des Patienten eine Scheibe gebaut, die später als Trägerring für den optisch wirksamen Kunststoffzylinder dient." Um das Risiko einer Abstoßungsreaktion zu vermindern, muss die Prothese noch "eine biologische Passage durchmachen", wie Prof. Ruprecht erklärt. Das heißt: Sie wird für drei Monate am Unterlied eingenäht. Erst wenn bis dahin alles problemlos verlaufen ist, können die Ärzte das Implantat endgültig einsetzen.

Zahnersatz fürs Auge

Der OOKP werden gute Langzeiterfolge bescheinigt. Um nicht auf das Zahn-Knochen-Material angewiesen zu sein, forschen Mediziner derzeit weltweit nach einem Ersatz für den Ersatz. In Homburg selbst werden biointegrierbare bzw. biokompatible Materialien wie das aus Korallen gewonnene Hydroxyl-Apatit favorisiert. "Erste Ergebnisse lassen erwarten, dass die Keraprothetik erst an ihrem vielversprechenden Anfang steht", ist sich Prof. Ruprecht sicher.

Vorreiter sind die Homburger Augenärzte auch bei der Therapie der zweiten großen Augenkrankheit: dem Glaukom oder grünen Star. Weil der grüne Star zunächst ohne Beschwerden und Schmerzen verläuft, bezeichnen ihn viele als "heimlichen Dieb des Sehens". Das Gesichtsfeld verengt sich langsam, bis die Betroffenen die Welt schließlich nur noch wie durch einen Tunnel wahrnehmen. Als Hauptverursacher dafür gelten Durchblutungsstörungen des Sehnervs, verstärkt durch Abflussstörungen des Kammerwassers - wodurch wiederum der Augeninnendruck steigt und sich die Durchblutung des Sehnervs verschlechtert. Eine verhängnisvolle Spirale.

Möglichkeiten, den "Tunnelblick" zu behandeln, gibt es viele - angefangen bei Medikamenten bis hin zu Kanälen, die zwecks Druckausgleich in den Augapfel präpariert werden. Bei schwerst erkrankten Patienten allerdings kommt häufig nur noch eine einzige Methode in Frage: der Einbau eines winzigen, ventilgesteuerten Drainagesystems aus Silikon, durch das der Abfluss des Kammerwassers reguliert wird.

Anders als in den USA haben die Glaukom-Drainagesysteme in Europa noch keinen festen Platz in der Augenchirurgie. Prof. Ruprecht schwört jedoch schon seit Jahren auf diese Methode. Während seiner Forschungsaufenthalte habe er in amerikanischen Kliniken immer wieder die Erfahrung machen können, dass sich der Zustand von Patienten durch diese operative Therapie deutlich verbesserte. "In rund 75 Prozent aller Fälle lässt sich eine ausreichende Drucksenkung erreichen", so Prof. Ruprecht. "Diese gute Prognose gilt auch noch im Endstadium oder nach zahlreichen erfolglosen traditionellen Glaukom-Operationen."

Ein gutes Beispiel

Versorgung, Lehre, Forschung - das tägliche Programm der Mediziner ist mehr als nur umfangreich. Ob da noch Zeit für Gespräche mit Patienten bleibt? Oder gar für Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärungskampagnen? "Dreimal ja", antwortet Prof. Ruprecht. Aber damit nicht genug, denn die Mitarbeiter der Klinik setzen sich längst nicht nur rein beruflich für Menschen mit Sehbehinderungen ein: Im vergangenen Jahr nahmen sie an der bundesweiten Kampagne "Augenärzte sind Hornhautspender" teil. Auf diese Weise wollen sie erreichen, dass künftig mehr als nur 15 Prozent der Angehörigen ihre Einwilligung zur Organspende geben. "Wir möchten mit gutem Beispiel vorangehen", betont Prof. Ruprecht und setzt hinzu: "Blinde und Sehbehinderte brauchen eine Lobby." - In Homburg ist sie ihnen sicher.

WE

Uni-Augenklinik
in Daten und Fakten

Direktor: Prof. Klaus W. Ruprecht (Foto)
Bettenanzahl: 55
Patienten (2001): 3610 stationär / 22482 ambulant

Leistungen in der Patientenversorgung (Auswahl):

  • Hornhautchirurgie; Lions Hornhautbank Saar-Lor-Lux, Trier/Westpfalz
  • Tumorchirurgie
  • Frühdiagnostik der Glaukome
  • Sehbehindertensprechstunde

Forschungsschwerpunkte (Auswahl):

  • Qualitätsmanagement in der Augenchirurgie
  • Hornhautprothesen
  • Kontaktlinsenentwicklungen
  • Glaukomfrüherkennung
  • Stoffwechselerkrankungen und Auge (Albinismus)
  • Augenbefunde bei Kindern mit Hirntumoren
  • Sehstörungen im Kindesalter
  • Mehrfachbehinderte sehgeschädigte Kinder
  • Risikofaktoren von Gefäßverschlüssen am Auge

Partnerschaften mit der Medizinischen Akademie Twer (Rußland), mit dem Tongji Medical College (China) sowie Einrichtungen in Japan, Argentinien und Syrien

Preise und Auszeichnungen (Auswahl):

  • Ernst-von-Bergmann-Plakette an Prof. Klaus W. Ruprecht (1998)
  • Alois-Lauer-Förderpreis für Medizin an Dr. Anja Palmowski (2000) und Dr. Matthias H.J. Krause (2003)
  • Sicca-Forschungspreis an Dr. Frank Schirra (2002)
  • Anerkennung als Ausbildungsstätte für Augenheilkunde entsprechend den Normen des European Board of Ophtalmology

Internet: http://www.uniklinik-saarland.de/augenklinik