campus - Ausgabe 1 - Januar 2004 Forschung

Historische Spurensuche:
Seit wann gibt es Menschenrechte?

Das internationale und interdisziplinäre Symposion "Menschenrechte und europäische Identität - die antiken Grundlagen" versuchte, die Wurzeln einer unserer zentralen normativen Orientierungen freizulegen.

Er wünschte sich manchmal, so der saarländische Ministerpräsident und Schirmherr Peter Müller in seiner Eröffnungsansprache am 29. Oktober 2003, dass die Politik beim Umgang mit aktuellen Fragestellungen stärker auf historische Grundlagen zurückgriffe. Umso mehr begrüße er die Initiative des Althistorikers Professor Klaus Martin Girardet (Foto links) und des Philosophen Professor Ulrich Nortmann (Foto rechts), an der Universität des Saarlandes ein dreitägiges Symposion zum Thema "Menschenrechte und europäische Identität - die antiken Grundlagen" zu realisieren.

Auch Universitätspräsidentin Margret Wintermantel wies darauf hin, wie oft sich in vielen Debatten der letzten Monate gezeigt habe, dass ein wirkliches Gespür und die Sicherheit dafür fehle, "was Europa im Innersten zusammenhält - wenn es etwas zusammenhält". Das Symposion stoße deshalb in eine Lücke, zu deren Schließung es einer verbesserten Urteilsgrundlage bedürfe.

Mit der Absicht, zu einer solchen Urteilsgrundlage beizutragen, waren Ende Oktober 2003 ein gutes Dutzend Wissenschaftler an der Universität des Saarlandes zu einem Symposion zusammengekommen, das in seiner Konzeption wie auch seiner inhaltlichen Zielsetzung das erste seiner Art war: Althistoriker, Rechtshistoriker und -historikerinnen, Klassische Philologen, Philosophen, Philosophinnen und evangelische wie katholische Theologen aus Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz gingen im interdisziplinären Austausch der Frage nach den antiken Grundlagen der Menschenrechte nach. Sie reagierten damit auf ein bestehendes Forschungsdefizit, denn "nur selten oder gar nicht greift die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den historischen Wurzeln der Menschenrechte, über die Frühe Neuzeit beziehungsweise die Aufklärung hinausgehend, auf die Antike zurück", bemerkte Professor Girardet am Beginn der Veranstaltung. "Zumeist wird sogar rundweg in Abrede gestellt, dass es in der Antike so etwas wie Menschenrechte überhaupt gegeben habe."

Die Kenntnis des kulturellen Erbes der Antike als der Alten Geschichte (fast) aller europäischen Staaten und damit verbunden das tiefere Verständnis der historischen Fundierung des modernen Menschenrechtskonzepts sollte darüber hinaus als Ausgangspunkt dienen, Impulse für die aktuelle Debatte um eine europäische Identität zu geben. Auch durch diese explizite Gegenwarts- und Zukunftsorientierung stellte das Saarbrücker Symposion im Vergleich zu bisherigen einschlägigen Fachkonferenzen etwas Neues dar.

Zur Lösung ihrer komplexen Aufgabenstellung unternahmen die Teilnehmer einen inhaltlichen Dreisprung, der von der Betrachtung der antiken Gegebenheiten über den Vergleich normativer Ansprüche in Antike und Gegenwart bis zur Diskussion von Geltungs- und Begründungsfragen der Menschenrechte führte. So untersuchten die Beiträge des ersten Tages die Antike aus rechtshistorischer sowie aus sprachgeschichtlicher Perspektive auf mögliche menschenrechtliche Fundamente. Dabei wurde aufgezeigt, dass beispielsweise das antike römische Rechtssystem durchaus einzelne Merkmale aufweise, die sich im modernen europäischen Menschenrechtskonzept wiederfinden, etwa die Integration von Fremden. Die verschiedenen Fachvertreter waren sich jedoch einig darin, dass in der griechischen wie auch der römischen Antike keine Ansätze zu einer systematischen Kodifizierung von Menschenrechtssätzen zu finden seien.

Diese Auffassung wurde in den Beiträgen des zweiten Tages bestärkt: Die Schweizer Philosophin Professor Ada Neschke-Hentschke etwa stellte klar heraus, dass die Menschenrechte, verstanden als ein in der Menschenrechtsdoktrin formulierter normativer Rahmen, unbestreitbar eine Errungenschaft der Neuzeit seien. Gleichzeitig wies sie jedoch darauf hin, dass die Entfaltung des Menschenrechtsdenkens beispielsweise bei John Locke (1632-1704) zwar als "wichtigster Einschnitt in der Entwicklung der heutigen politischen Theorie" zu beurteilen sei, Locke hierbei aber auf bereits vor ihm formulierte Grundrechte zurückgreifen konnte: Das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit und das Recht auf Eigentum ließen sich bereits in mittelalterlichen Quellen nachweisen, die sich wiederum auf antike Texte, wie Platons Timaios, stützten. Am Ende des zweiten Tages diskutierte Professor Girardet in seinem Beitrag "Vis contra vim: Notwehr - Widerstand - Tyrannenmord" schließlich eine konkrete antike Norm vor dem Hintergrund aktueller politischer Problemstellungen. Er erörterte, inwieweit die Position Ciceros, dass die Tötung eines Tyrannen moralisch geboten sein könne, auch heute etwa zur Klärung der Legitimität des Sturzes des irakischen Präsidenten Saddam Hussein herangezogen werden könnte. Mit diesem Beitrag und der anschließenden Diskussion um das Für und Wider eines möglichen aktuellen Geltungsanspruchs jener antiken Norm war bereits der Bogen zum letzten Symposions-Tag geschlagen, an dem die Teilnehmer aus christlich-theologischem, philosophischem und rechtshistorischem Blickwinkel Begründungsfragen des modernen Menschenrechtskonzepts zu klären suchten. "Dabei wurde noch einmal deutlich, dass bestimmte theologische Prämissen nicht universell akzeptabel und deshalb alternative Begründungsmöglichkeiten für Menschenrechtssätze auszuloten sind, insbesondere dann, wenn diese weltweit propagiert werden sollen", resümierte Professor Nortmann.

Die beiden Veranstalter des Symposions, Professor Girardet wie Professor Nortmann, wollen dieser Begründungsproblematik, die bis in sehr grundsätzliche Fragen des logischen Verhältnisses von normativen und deskriptiven Aussagen hineinreicht, in ihrer wissenschaftlichen Arbeit weiter nachgehen und in fächerübergreifendem Nachdenken Lösungswege aufzufinden versuchen.

Annika Spillner