Portugal 2015/2016

Gastland Portugal - 2015/2016

Prof. Dr. Teresa Pinheiro (Wintersemester) und Prof. Dr. Paulo Mota Pinto (Sommersemester)

Prof. Dr. Paulo Mota Pinto - Europa-Gastprofessur im Sommersemester 2016

Im Sommersemester 2016 nahm der Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Paulo Mota Pinto von der Universität Coimbra die Europa-Gastprofessur an der Universität des Saarlandes wahr. Er bot Lehrveranstaltungen zur Kultur und zum Recht Portugals an und war an der Organisation der 1. Saarbrücker Europa-Konferenz des Europa-Kollegs CEUS beteiligt. An dieser Konferenz wirkte auch die portugiesische Innenministerin Constança Urbano de Sousa als Referentin mit.
Zur Person: Prof. Dr. Paulo Mota Pinto

 

 

Prof. Dr. Teresa Pinheiro - Europa-Gastprofessur im Wintersemester 2015/2016

Nach Griechenland ist nun Portugal das Gastland der Europa-Professur an der Universität des Saarlandes. Der Übergang könnte passender nicht sein, denn meine Heimatstadt Lissabon (gr. Olissipo) soll ihren Namen – angelehnt an einen vagen Hinweis von Strabo im dritten Buch seiner Erdbeschreibung, so der Volksmund – dem griechischen Helden Odysseus verdanken, der somit in der kollektiven Vorstellung als Gründer der Hauptstadt Portugals gilt. Auch wenn die Sage jeglicher historischer Evidenz entbehrt, so blickt Lissabon auf eine sehr alte Besiedlungsgeschichte zurück: Phönizier, Karthager und Griechen sollen den natürlichen Hafen an der Mündung des Tejo in den Atlantik genutzt und damit in Lissabon Stützpunkte gegründet haben. Einen heute noch spürbaren Einfluss hinterließen vor allem die römische und später die maurische Herrschaft. Das Königreich Portugal entstand im Zuge der Reconquista in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Seit Mitte des 13. Jahrhunderts ist Lissabon die Hauptstadt des Landes.

 

In Lissabon bin ich im Jahre 1972 geboren – das heißt zwei Jahre vor der Nelkenrevolution, die am 25. April 1974 der Diktatur des Estado Novo ein Ende setzte. Diese Tatsache hat meinen persönlichen und wissenschaftlichen Werdegang beeinflusst. Zwei Jahre vor der Nelkenrevolution geboren zu sein, hat mir den glücklichen Umstand beschert, dass meine Sozialisation bereits im demokratischen Portugal stattfinden konnte. Mehr noch: Ich erlebte tagtäglich das Werden der Demokratie Portugals. In den ersten Jahren meines Lebens nahm ich die Kampagnen der zahlreichen – meist linken – Parteien wahr, die mit Lautsprecher auf den Autodächern durch die Stadtteile zogen und ihre revolutionären Botschaften kundtaten. Vage erinnere ich mich an den langen Menschenschlangen vor den Wahllokalen am 25. April 1975. An jenem Tag fand die Wahl zur verfassunggebenden Versammlung statt, die erste freie Wahl seit vielen Jahrzehnten.

Als Schulkind konnte ich die Mäander der jungen Demokratie verfolgen und erlebte hautnah die großen Herausforderungen, die mit dem Ende der Diktatur und des Kolonialismus auf das Land zukamen: die Aufnahme von über einer halben Million portugiesischer Siedler – die retornados – , die im Zuge der Unabhängigkeitskämpfe der afrikanischen Kolonien Mitte der 70er Jahre in der Metropole Schutz suchten; oder die Entstehung von regelrechten Slums an der Peripherie der großen Städte, weil die afrikanischen Migranten nun nicht mehr die portugiesische Staatsangehörigkeit besaßen und somit in die Illegalität abgedrängt wurden. Diese Herausforderungen waren vor allem für die Neuankömmlinge schwere Belastungen, haben aber dazu beigetragen, dass die portugiesische Gesellschaft offener, vielfältiger und toleranter wurde – etwas, was uns heute angesichts der Flüchtlingskrise zu denken gibt.   

Ich erlebte aber auch die Europäisierungsdynamik, die durch Politik und Gesellschaft ging: Portugal verabschiedete sich von seiner „atlantischen Bestimmung“ und wandte sich dezidiert Europa zu. Sehr gut erinnere ich mich an jenen historischen Tag vor 30 Jahren, als der damalige Premierminister Mário Soares den EWG-Beitrittsvertrag vor dem Hieronymus-Kloster in Lissabon unterzeichnete, genau dort also, wo 500 Jahre zuvor die portugiesischen Karavellen ins Meer stachen – deutlicher lässt sich der Identitätswandel Portugals von einer Kolonialmacht zum modernen europäischen Staat kaum greifen.   

Am 1. Oktober 1990 nahm ich das Studium der Germanistik und Lusitanistik an der Universität Lissabon auf. Zwei Tage später hatte sich der Gegenstand meines Studiums geändert, denn Deutschland vollzog die Wiedervereinigung. Es war eine sehr aufregende Zeit: Gemeinsam lernten Dozenten und Studierende die Hauptstädte der neuen deutschen Bundesländer; im Goethe-Institut in Lissabon liefen Gastvorträge und Informationsveranstaltungen zu den Ereignissen im nun geeinten Deutschland, die ich mit meinen rudimentären Deutschkenntnissen mühevoll zu verfolgen versuchte.

 

Portugal stand damals in der ersten Blüte des Europäisierungsprozesses. Die Hochschul- und Forschungslandschaft bekam starke Impulse, die Arbeits- und Studienbedingungen verbesserten sich und wurden internationaler. Als ich 1992 an die Universität zu Köln zum Studium ging, gehörte ich zu den ersten Jahrgängen, die in den Genuss eines ERASMUS-Stipendiums kamen. Mittlerweile ist das Austauschprogramm eine Standard-Referenz für junge Europäerinnen und Europäer und zugleich eine Erfolgsgeschichte des europäischen Projekts. Dabei ist Portugal hauptsächlich Empfänger und weniger Entsender von ERASMUS-Studierenden, was nicht zuletzt an den landschaftlichen und kulturellen Reizen des Landes – aber auch an den wirtschaftlichen Disparitäten innerhalb Europas – liegen dürfte.

Kurz nachdem ich 1994 mein Studium in Lissabon abgeschlossen hatte, kam ich an die Universität Bayreuth, wo ich Lektorin für Portugiesisch wurde. Ich reiste mit zwei Koffern und ohne Reisepass, denn Grenzen gab es zwischen Portugal und Deutschland keine mehr. Auch die Nationalität spielt damals keine Rolle bei der Einstellung im Freistaat Bayern mehr – dafür aber das Alter, denn mit 22 Jahren war ich fast noch zu jung für den öffentlichen Dienst.

 

Inzwischen hatte nicht nur Portugal den Weg nach Europa gefunden, sondern Europa selbst war im Wandel begriffen: Der Fall des Eisernen Vorhangs, das Ende des Kalten Krieges, die zunehmende Globalisierung führten sowohl zur Erweiterung der Europäischen Union, als auch zur Intensivierung der politischen Integration. Portugal war aktiv an diesem Wandel beteiligt: Zehn Jahre lang war Manuel Durão Barroso Präsident der Europäischen Kommission, der Vertrag von Lissabon wurde 2007 unter portugiesischer Ratspräsidentschaft unterzeichnet.

Dass ich in Lissabon gerade in den turbulenten Jahrzehnten nach der Nelkenrevolution aufgewachsen bin, hat mich nicht nur als Mensch geprägt, sondern hat auch meine wissenschaftlichen Interessen stimuliert. Obwohl ich die Diktatur nicht mehr bewusst erlebt habe, bin ich mit dem Gedanken aufgewachsen, dass Demokratie nicht per se existiert, sondern sich in stetiger Konstruktion befindet. Diese Erfahrung hat auch meine Neugierde für Prozesse politischer Transitionen geweckt – ein Thema mit dem ich mich wissenschaftlich beschäftige.

 

Es wundert deswegen kaum, dass ich nach der Promotion im Fach Kulturwissenschaftliche Anthropologie meine akademische Arbeit an einem Europa-Institut fortsetzte. Seit 2004 habe ich die Professur Kultureller und Sozialer Wandel am Institut für Europäische Studien der Technischen Universität Chemnitz inne. Dort befasse ich mich mit dem iberischen Raum innerhalb des europäischen Gefüges und in seinen Verflechtungen mit Afrika und Lateinamerika. In Lehre und Forschung widme ich mich den oben dargestellten Themen der Erinnerungskulturen, der demokratischen Transitionen, der kollektiven – nationalen, regionalen und supranationalen (sprich europäischen) – Identitäten. Solche Themen lassen sich in Büchern, Filmen, in der Presse oder auch in öffentlichen Monumenten aufspüren, denn für die Kulturwissenschaften sind all diese Träger von Kultur.

 

Es ist mir deshalb eine besondere Freude, im Wintersemester 2015/16 den Auftakt für die Europa-Gastprofessur an der Universität des Saarlandes zu geben, einer Universität, die ganz im Zeichen des europäischen Einigungsprozesses entstanden ist. Auf das Gespräch mit Studierenden aus unterschiedlichen Fachrichtungen freue ich mich ebenso wie auf den Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen an der Philosophischen Fakultät und darüber hinaus. Und natürlich freue ich mich auf das Saarland, dem ich familiär verbunden bin und wo ich immer wieder gerne bin.

Veranstaltungen und News zum Gastland Portugal:

Neues Gastland Portugal 2015/16

Ab dem 1. Oktober 2015 ist Portugal Gastland der Europa-Gastprofessur. Im Wintersemester 2015/16 wird die Gastprofessur von Prof. Dr. Teresa Pinheiro von der Technischen Universität Chemnitz wahrgenommen. Weitere Informationen zur Gastprofessorin, zum Gastland und zum Programm finden Sie auf den nachstehenden Seiten.
Die aktuelle Pressemitteilung zur Gastprofessur finden Sie hier.

Bitte beachten Sie auch das besondere Angebot des Sprachenzentrums
Zertifikat Portugiesisch: Lusophone Sprachen und Kulturen

 

SR 2 - Interview der Woche mit Prof. Teresa Pinheiro

Am Samstag, 7. November, war Prof. Teresa Pinheiro ab 12:30 Uhr im "Interview der Woche" auf SR 2 Kulturradio zu hören. Das Interview ist in der SR 2-Mediathek und demnächst auch als mp3 abrufbar.
Am 17. November wird das Interview ab 19:15 Uhr auch im Europamagazin "Kontinent" (ebenfalls SR 2 Kulturradio) gesendet.

 

Gastvortrag von Thomas Weißmann zur Nelkenrevolution

Im Rahmen der Lehrveranstaltung Einführung in die Portugal-Studien laden wir herzlich zum Gastvortrag"Die Nelkenrevolution in Portugal: Ein Laboratorium sozialer Experimente" von Thomas Weißmann (TU Chemnitz) ein.
Termin:Mittwoch, 13. Januar 2016, 14-16 Uhr c.t., Geb. C5.3, Seminarraum U10

 

Filmreihe Kolonialismus und Postkolonialismus im portugiesischsprachigen Film

Die Europa-Gastprofessur lädt herzlich zur Filmreihe Kolonialismus und Postkolonialismus im portugiesisch-sprachigen Film ein, die vom 13.1.2016 bis zum 17.2.2016 im Kino 8 ½ in Saarbrücken läuft. Die Filmreihe nimmt das Ende des portugiesischen Kolonialkriegs in Afrika vor 40 Jahren zum Anlass, über die Aufarbeitung von Kolonialismus und Postkolonialismus im Film zu reflektieren. Gezeigt werden Filme aus Angola, Guinea-Bissau, Mosambik und Portugal, die zwischen 1985 und 2012 produziert wurden und den Kolonialkrieg sowohl aus der Perspektive der ehemaligen Kolonialmacht als auch aus der Sicht der afrikanischen Befreiungsbewegungen behandeln.

Durch die Filmreihe möchten wir unsere Studierenden und das breite Publikum an die Komplexität der Kriegsaufarbeitung heranführen und ihnen die sich selten bietende Gelegenheit geben, einen Einblick in Filmproduktionen der portugiesischsprachigen Welt zu bekommen. Die Filme werden im Original mit deutschen oder englischen Untertiteln gezeigt und von Experten vorgestellt, die wir nach Saarbrücken einladen. 

Die Filmreihe wird mit freundlicher Unterstützung der Universitätsgesellschaft, der Rosa Luxemburg Stiftung/Peter Imandt Gesellschaft und der Landeszentrale für politische Bildung realisiert.

Termine: 13.01., 27.01., 04.02., 10.02. und 17.02.2016
jeweils 20 Uhr
Ort: Kino 8 ½ , Nauwieserstr. 19, 66111 Saarbrücken

Hier finden Sie das Plakat und das detaillierte Programm.

 

 

EU-Kolloquium Portugal als Testfall für die europäische Krisenbewältigung

Im Rahmen der Deutsch-Französischen Woche findet am Donnerstag, 21. Januar 2016, um 19 Uhr im Festsaal des Rathauses St. Johann, das EU-Kolloquim Portugal als Testfall für die europäische Krisenbewältigung statt. Referanten sind Dr. Andreas Marchetti (Universität Bonn), Prof. Dr. René Laserre (Université Cergy-Pontoise) und Prof. Dr. Teresa Pinheiro (Europa-Gastprofessorin, Universität des Saarlandes).
Anmeldung bis zum 15. Januar 2016 über das Frankreichzentrum erbeten.

Hier finden Sie ein ausführliches Programm

 

 

Eröffnung des portugiesischen Jahres am 2. Februar 2016

Am Dienstag, den 2. Februar 2016, findet die feierliche Eröffnung des portugiesischen Jahres der Europa-Gastprofessur statt, zu der die Öffentlichkeit herzlich eingeladen ist.
Auf dem Programm stehen Grußworte des Universitätspräsidenten, der Vizepräsidentin für Europa und Internationales und des Botschafters von Portugal S.E. Joao Mira Gomes, ein Festvortrag der Gastprofessorin Prof. Dr. Teresa Pinheiro und des Gastprofessors Prof. Dr. Paulo Mota Pinto sowie portugiesische Musik.
Über Ihr Kommen würden wir uns sehr freuen. Hier erhalten Sie die Einladung und das Programm.

Ort: Universität des Saarlandes, Geb. C7.4, Konferenzraum 1.17
Beginn: 18:30 Uhr

 

Prof. Dr. Paulo Mota Pinto neuer Europa-Gastprofessor ab 1. April 2016

Im Sommersemester 2016 nimmt der Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Paulo Mota Pinto von der Universität Coimbra die Europa-Gastprofessur (Gastland Portugal) an der Universität des Saarlandes wahr. Nähere Informationen zu den Lehrveranstaltungen und Sprachkursen mit dem besonderen Angebot des Sprachenzentrums "Zertifikat Portugiesisch: Lusophone Sprachen und Kulturen" finden Sie auf den nachstehenden Seiten.
Hier finden Sie die detaillierten Beschreibungen der Lehrveranstaltungen "Geschichte Portugals, insbesondere des 20. und 21. Jahrhunderts" und "Einführung in das portugiesische Recht".
Bitte beachten Sie auch die Beschreibung und die besonderen Anmeldemodalitäten für das rechtsvergleichende Seminar
Probleme des Zivilrechts im deutschen und portugiesischen Recht.

Zur Person: Prof. Dr. Paulo Mota Pinto

 

Plakat zur Europa-Gastprofessur im Sommersemester 2016

Portugiesischer Abend am 5. Juli 2016

Am 5. Juli 2016 findet um 18 Uhr im Festsaal des Rathauses St. Johann der traditionelle Gastland-Abend der Europaprofessur statt. Der Portugiesische Abend zu Ehren der Gastprofessorin Prof. Dr. Teresa Pinheiro und des Gastprofessors Prof. Dr. Paulo Mota Pinto widmet sich dem Gastland Portugal als Europaakteur. Auf dem Programm stehen u.a. ein Vortrag zu Portugal und den neuen Herausforderungen der EU mit anschließender Diskussion, portugiesische Musik und ein Umtrunk mit portugiesischen Spezialitäten.
Veranstalter sind die Europa-Gastprofessur, das Europa-Kolleg CEUS der Universität des Saarlandes und Europe direct der Landeshauptstadt Saarbrücken.

Hier geht es zur Pressemitteilung und zum Programm