1. Europa-Diskurs(e) 2017/18

1. Europa-Diskurs(e) – Internationale Europaforschung zu Gast an der Universität des Saarlandes

Einzeltermine donnerstags, 16–18 Uhr c. t., Universität des Saarlandes, Campus A2 2, Raum 2.02

Veranstaltet wird diese Vortragsreihe vom Europa-Kolleg CEUS. In sechs Vorträgen widmen sich renommierte Gastwissenschaftler im Wintersemester aktuellen und historischen europäischen Fragen. Ein Schwerpunkt der interdisziplinären Reihe ist das Thema Flucht und Migration aus soziologischer Perspektive.

Die Vorträge richten sich an Studierende, Universitätsangehörige und die interessierte Öffentlichkeit. Vortragssprachen sind Deutsch, Englisch und Französisch.

Plakat 1. Europa-Diskurs(e) – Internationale Europaforschung zu Gast an der Universität des Saarlandes

 

Programm

16.11.2017: Prof. Dr. Emmanuel Droit (Sciences Po Strasbourg, Geschichte) – "Gaps in time (1918/1991): Europa und die Welt(en) von Gestern"

Prof. Droits Vortrag bietet eine historische vergleichende Reflexion über Europa und seine Neukonfigurationen nach dem Ersten Weltkrieg und nach dem Kalten Krieg. 1918 sowie 1991 sind markierende Zäsuren der europäischen histoire contemporaine und stellen einschneidende „Gaps in time“, also „Lücken in der Zeit“ (Arendt), dar. Diese beiden Post-Kriegszeiten öffnen ein Zeitfenster, in dem das ‚Historizitätsregime‘ vieler europäischer Bürgerinnen und Bürger neu gestaltet wird: Die Vergangenheit ist weit entfernt, die Gegenwart unverständlich und die Zukunft ungreifbar. Gleichzeitig bietet der vergleichende Blick die Gelegenheit, die Frage nach der europäischen Krise des ökonomischen und politischen Liberalismus zu stellen.

Eröffnung der Vortragsreihe mit Grußwort der Vizepräsidentin für Europa und Internationales.

 


 

 

30.11.2017: Prof. Dr. Brad Blitz (Middlesex University London, Internationale Politik) - "Refugee reception in the Mediterranean"

Bis Ende 2015 sind geschätzte 1.008616 Menschen über das Meer nach Europa gekommen, mehr als 84% davon aus Fluchtländern und ein Viertel davon Kinder unter 18 Jahren. Der Vortrag von Prof. Blitz untersucht, was danach passierte. Er stellt die Ergebnisse einer 18-monatigen Studie über die Flüchtlings- und Migrantenaufnahme in Griechenland, Sizilien und Malta vor, basierend auf einer Umfrage unter 750 Asylsuchenden und weiteren Interviews mit Regierungsvertretern, Hilfsorganisationen, Nichtregierungsorganisationen und Aktivisten. Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede in den Aufnahmesystemen der genannten Länder.

Vor allem in Griechenland wurde die Aufnahme durch die Vielzahl der beteiligten Akteure sowie die Herausforderung, auf externen Druck – darunter die Abschottung der Grenzen und Umsiedlungsinitiativen – reagieren zu müssen, verkompliziert. Als Ergebnis davon wurden Migranten in Griechenland in lagerähnlichen Umständen festgesetzt und zurückgelassen; in Italien hat ein tolerantes Vorgehen gegenüber abgelehnten Asylbewerbern ihre informelle Integration durch ausbeuterische Arbeitspraktiken begünstigt. Dennoch reagierten Migranten in allen Aufnahmesystemen meist positiv auf die Regelungen bzgl. der Bereitstellung kommunaler Wohngelegenheiten, der Stabilität und der Bildungsmöglichkeiten für ihre Kinder. Solche Bedingungen sind notwendig für die Zukunftsplanung und eine erfolgreiche Integration.

Die Vortragssprache ist Englisch. Fragen können auf Deutsch gestellt werden.

Prof. Brad Blitz hat in Stanford promoviert und ist derzeit Professor für Internationale Politik an der Middlesex University in London, Gastprofessor an der London School of Economics und Senior Fellow am Global Migration Centre in Genf. Als ehemaliger Jean-Monnet-Lehrstuhlinhaber ist er gefragter Experte für Flüchtlings- und Migrationsthemen, Menschenrechtsfragen und internationale Politik. Er fungierte als Berater u. a. für die UNICEF, das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte, die Weltbank, die OSZE, den Europarat und verschiedene Nichtregierungsorganisationen. Darüber hinaus hat er verschiedene nationale Regierungen in der europäischen Mittelmeerregion beraten und war mehrere Male als Gerichtsexperte zu Asyl- und Menschenrechtsfragen in Großbritannien und Australien tätig. Seine Forschungen sind in zahlreiche nationale und internationale Entwicklungsprogramme (z. B. den Asia-Pacific Human Development Report der Vereinten Nationen) eingeflossen.
Aktuell ist Brad Blitz Forschungsleiter im EVI-MED-Projekt, das vom britischen Economic and Social Research Council und dem britischen Entwicklungsministerium gefördert wird und die Flüchtlings- und Migrantenaufnahmesysteme im Mittelmeerraum untersucht. Darüber hinaus betreut er das Forschungsprojekt INFORM der EU-Kommission über den Zugang von Asylsuchenden zu rechtlichen und verfahrenstechnischen Informationen.

 


 

 

07.12.2017: Prof. Dr. Adrian Favell (Leeds University, Soziologie) - “Brexit, Race and Citizenship: The End of Free Movement in Europe?”

Im Juni 2016 hat eine sehr klare Mehrheit englischer Wähler entschieden, einseitig die EU-Mitgliedschaft des „Vereinigten Königreichs“ aufzukündigen. Nach der Meinung vieler Post-Brexit-Analysten war der stärkste motivierende Faktor, der die Wahl bestimmte, die Immigration in Großbritannien – ein Thema, das lange die zentrale mobilisierende Kraft der UK Independence Party (UKIP) war. Indem sie EU-Bürger in Großbritannien erfolgreich als „Immigranten“ stigmatisierte, so Favell, bedeutete die „Leave vote“ gleichzeitig eine Absage an das Prinzip der Nichtdiskriminierung nach Nationalität. Dieses fand seinen größten europäischen Ausdruck in der boomenden britischen Wirtschaft in den 1990er und 2000er Jahre. Die Frage für andere europäische Staaten, die ihre eigenen „Immigrationskrisen“ zu bewältigen haben, werde sein: Deutet der britische Wahlausgang das voraussichtliche Scheitern des europäischen Experiments mit grenzenloser ‚post-nationaler‘ Mitgliedschaft an, die eine der Gründungsideen der Europäischen Union war?

Adrian Favell ist Professor für Soziologie und Sozialtheorie an der University of Leeds. Er ist Autor verschiedener Werke zu Multikulturalismus, Migration, Kosmopolitismus und Städten. Eine Sammlung seiner Essays, darunter neuere Forschungen zur Ost-West-Migration und zur Anti-EU-Politik in Großbritannien, wurde 2015 unter dem Titel Immigration, Integration and Mobility: New Agendas in Migration Studies publiziert.

 


 

 

14.12.2017: Prof. Dr. Ettore Recchi (Sciences Po Paris, Soziologie) - "Social transnationalism: what is it and how does it affect European integration?"

Die Diskussion über die Europäische Integration sei, so Prof. Recchi, überwiegend von rechtlichen und politikwissenschaftlichen Perspektiven und Fragestellungen beherrscht. Prof. Recchi möchte in seinem Vortrag die soziologische Sicht vorstellen. Er argumentiert dafür, europäische Gesellschaften anhand von vier Dimensionen der Integration zu untersuchen: dem Hervortreten gemeinsamer Grenzen, der Konvergenz von Sozialstrukturen, der Standardisierung sozialer Normen und Praktiken sowie dem Entstehen einer gemeinsamen Identifikation. Sozialer Transnationalismus – also grenzüberschreitende Bewegungen und Interaktionen – sei als wichtigster Motor der Integration im supranationalen Maßstab zu verstehen. Der Vortrag präsentiert und diskutiert Nachweise aus verschiedenen Quellen und zeigt auf, dass die Europäische Integration nicht synchron entlang der vier Dimensionen voranschreitet; die Ergebnisse sind mitunter kontrovers, wenn nicht sogar paradox.

Ettore Recchi ist Professor für Soziologie an der renommierten französischen Elitehochschule Sciences Po und unterrichtet und forscht auch am „Migration Policy Centre“ am Europäischen Hochschulinstitut Florenz. Prof. Recchis Forschungsschwerpunkte sind die Mobilität in Europa, Migration, soziale Schichten, Eliten und die Europäische Integration. Publikationen u. a.: Mobile Europe. The Theory and Practices of Free Movement in the EU (2015); “The Citizenship Gap in European Societies: Conceptualizing, Measuring and Comparing ‘Migration Neutrality’ across the EU”, International Migration 54 (2016); “At the Source of European Solidarity: Assessing the Effects of Cross-border Practices and Political Attitudes”, Journal of Common Market Studies 2017.

 


 

 

18.01.2018: Prof. Dr. Hélène Miard-Delacroix (Université Paris-Sorbonne, Deutschlandstudien) - “In Vielfalt geeint? Vom Wandel der Parteienlandschaften in Europa“

In einigen Ländern Europas sind autoritäre Tendenzen nicht zu übersehen, in anderen – und sogar in der Bundesrepublik – hat sich der Populismus als politische Kraft etabliert.

Ist der Wandel der Parteienlandschaften in Europa nur eine Herausforderung oder vielleicht eine echte Gefahr für die Demokratie als Wertesystem? Ist Europa wirklich „in Vielfalt geeint“ und kann diesen antidemokratischen Kräften standhalten? Ausgehend vom deutsch-französischen Vergleich werden einige Behauptungen zu den neuesten Entwicklungen in Europa diskutiert.

Hélène Miard-Delacroix ist Professorin für deutsche Zeitgeschichte und Kultur an der Université Paris-Sorbonne. Sie ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande und des „Ordre des Palmes académiques“. 2017 erhielt sie den Internationalen Forschungspreis der Max-Weber-Stiftung beim Historischen Kolleg. 2016/17 hatte sie die Alfred-Grosser-Gastprofessur an der Goethe-Universität Frankfurt inne. Sie ist in zahlreichen Gremien deutscher und französischer Stiftungen und wiss. Einrichtungen vertreten, u. a. als Vorsitzende des Internationalen Beirats der Willy-Brandt-Stiftung oder als Vizepräsidentin des wissenschaftlichen Beirats des Instituts für Zeitgeschichte in München. Seit 2016 ist sie Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Historikerkomitees.
Zusammen mit dem Saarbrücker Historiker Dietmar Hüser, Mitglied des CEUS-Direktoriums und Leiter des Frankreichzentrums, und dem Luxemburger Professor Andreas Fickers leitet sie ein trinationales Doktorandenkolleg.

 


 

 

01.02.2018: Prof. Dr. William Gasparini (Université de Strasbourg, Sportsoziologie, Jean-Monnet-Lehrstuhl) - "Football et migrations: une histoire européenne"

Der Sportsoziologe und Jean-Monnet-Lehrstuhlinhaber William Gasparini diskutiert einen interessanten Aspekt im Komplex Migration: „Football et migrations: une histoire européenne“ lautet sein Vortrag, bei dem er den Fußball als Generator für (wirtschaftliche) Migration und Integration in Europa vorstellt. Die französische Fußballnationalmannschaft steht dabei beispielhaft für den Sport als Spiegel gesellschaftlicher Einwanderungs- und Integrationsprozesse.

 

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