Céline Mérat

Bilder schreiben Geschichte: Die Darstellung der Kolonialgeschichte Indochinas im französischen Spielfilm

 

Fast einhundert Jahre nach den ersten Eroberungen verlor Frankreich am 7. Mai 1954 mit der Niederlage in der Schlacht von Dien Bien Phu seine 'Perle des Kolonialreiches' Indochina. Die koloniale Eroberung, Entrechtung und vor allem die 'Verteidigung' der Kolonie mit Waffengewalt hat über 1,5 Millionen Menschen – darunter zwei Drittel Zivilisten – das Leben gekostet. Und doch wurde und wird die Kolonialgeschichte Indochinas noch heute in einer Art und Weise dargestellt, die ein ganz anderes 'Bild' von ihr vermittelt. Bildbände, aktuelle Fernsehdokumentationen und gerade die wenigen heute noch ab und zu ausgestrahlten Spielfilme über Indochina machen aus den konfliktreichen Herrschaftsjahren Frankreichs in Indochina eine idyllische und nostalgieumwobene Epoche, in der der fast zehn Jahre andauernde Krieg keinen Platz findet. So sind die sowohl bekanntesten als auch erfolgreichsten französischen Indochina-Spielfilme, L’amant (1992) von Jean-Jacques Annaud und Indochine (1992) von Régis Wargnier, auch keine Kriegsfilme, sondern Liebesfilme oder geschichtliche Melodramen, und spielen in einer Zeit weit vor Ausbruch des Krieges. Woran aber erinnert sich die französische Gesellschaft, wenn sie an Indochina zurückdenkt? Tut sie dies heute überhaupt noch? Und welche Rolle kommt dabei den visuellen Medien zu?

Am Beispiel der Kolonialgeschichte Indochinas beschäftigt sich diese Arbeit mit der Art und Weise, wie Geschichte im Spielfilm dargestellt bzw. verarbeitet wird, wie gesellschaftliche, politische und historische Ereignisse den filmischen Umgang mit der Vergangenheit beeinflussen und wie andererseits Spielfilme auf das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft einwirken können. Als Grundlage der Analyse wird dabei vor allem hervorgehoben werden, wie die Kolonialgeschichte Indochinas im Spielfilm dargestellt wird, was dargestellt wird und was (bewusst) nicht dargestellt wird.