Viktoria Sophie Lühr

Kulturelle Diversität im Spannungsfeld zwischen Globalisierung und (Re-)Nationalisierung. Eine Diskursanalyse von Presse und sozialen Medien in Deutschland, Frankreich und Québec (2015-2019)

Cotutelle mit der Université de Lorraine, Metz (Prof. Dr. Reiner Marcowitz)

 

In der globalisierten Welt wird kulturelle Diversität gleichsam als Chance wie auch als Risiko wahrgenommen. Die Phase zwischen 2015 und heute markiert dabei einen deutlichen Wandel des Diversitätsdiskurses in den westlichen Gesellschaften, der zwischen dem maximalistischen Ideal einer postnationalen, pluralistischen Gesellschaft und dem Rückzug in das exkludierende Nationalbewusstsein des 19. und 20. Jahrhunderts divergiert.

Mit ihrem Forschungsschwerpunkt auf der frankokanadischen Provinz Québec vergleicht die geplante Arbeit die politischen und gesellschaftlichen Diskurse der drei typologisch unterschiedlichen Nationen Québec, Frankreich und Deutschland in Zeiten der zunehmenden kulturellen Vermischung durch andauernde Globalisierungs- und Europäisierungsprozesse hinsichtlich der Verwendung und (Re‑)Konnotation(en) des Begriffsfeldes kultureller Diversität in diesem Spannungsfeld zwischen Globalisierung und (Re-)Nationalisierung. Im Vordergrund steht dabei die Legitimierung und Delegitimierung kultureller Vielfalt in der politischen und medialen Öffentlichkeit in Bezug auf das kulturell-nationale Selbstverständnis, ökonomisch wie auch politisch motivierte Migrationsbewegungen sowie die Revalorisierung und politische Instrumentalisierung religiöser Überzeugungen.

Dabei baut die Arbeit auf zwei Thesen auf: Erstens, die Forderung nach einer (Wieder‑)Herstellung der nationalen Einheit verläuft proportional zum Anstieg kultureller Diversität in den drei Gesellschaften. Insofern steht kulturelle Vielfalt potenziell in einer konfliktuellen Beziehung zum Prinzip der Nation. Grundlegend für das Verständnis der gesellschaftlichen Auffassung von Diversität ist daher auch das Verständnis des gesellschaftlichen Nationenbegriffs – in seiner historischen Entwicklung wie auch in seiner gegenwärtigen Ausprägung. Zweitens, der gegenwärtige Siegeszug des identitären Populismus begründet sich in besonderem Maße mit der Rolle der Medien als Vektor der Inszenierung einer kulturellen Bedrohung. Dabei dienen nicht nur die schwer kontrollierbaren Sozialen Medien oder die emotional beeinflussende Boulevardpresse der diskursiven Manipulation. Auch Qualitätszeitungen üben einen Einfluss auf die Bedeutungsdimensionen kultureller Diversität im gesellschaftlichen Diskurs aus, indem sie beispielsweise negativ besetzte Neologismen (‚Flüchtlingskrise‘) ungefiltert in die Alltagssprache übergehen lassen.

Während sich in Québec, Frankreich und Deutschland ähnliche politische und gesellschaftliche Verschiebungen abzeichnen, wird trotzdem erwartet, dass die drei Nationen aufgrund ihrer historisch unterschiedlichen Evolution auf unterschiedliche Weise mit den Herausforderungen der globalen Öffnung umgehen werden. Die Sonderrolle Québecs in dieser Arbeit ergibt sich durch seine einzigartige politische Situation als eine Nation im bilingualen Mehrnationenstaat Kanada. Entgegen Premierminister Justin Trudeaus Darstellung Kanadas als ‚postnationalen Staat‘ (2015) könnte diese spezifische Konstellation den Umgang mit der Nationenfrage wie auch mit der Koexistenz unterschiedlicher Kulturen daher auf besondere Weise bedingen. Im Nationenverständnis spielt daher nicht nur die historische Situation der Provinz – von ihrer Behauptung gegen die anglokanadische Dominanz bis zu ihrem sozioökonomischen Rekordaufschwung seit der Révolution tranquille der 1960er Jahre sowie ihrem besonderen Charakter als Einwanderernation –, sondern auch ihre gegenwärtige pluralistische Zusammensetzung eine besondere Rolle. In einer Gesellschaft, die sich durch eine umfassende Toleranz sozialer Minderheiten auszeichnet, wird die diskursive Darstellung von Vielfalt in einer Zeit soziopolitischen Wandels besonders interessant. Aus dem Kontrast der Nation Québec im kanadischen Staatenverbund mit den ‚klassischen Nationen‘, der französischen Staatsnation als Vertreterin eines politischen Nationalismus und dem deutschen Nationalstaat, welcher sich über Jahrhunderte hinweg primär durch seine kulturellen und ethnischen Wurzeln legitimiert hat, ergibt sich dabei ein origineller Forschungsansatz.

Ziel der angestrebten empirischen Untersuchung wird sein, im Vergleich der drei Nationen herauszufinden, wie das Begriffsfeld der kulturellen Diversität in Québec, Frankreich und Deutschland diskursiv dargestellt wird und inwiefern hier die Instrumentalisierung von Diversität als gesellschaftliches Problem einen Rückzug in den Nationalstaat legitimiert. Dabei liegt die Originalität der Arbeit auch im dualistischen Ansatz der systematischen Analyse des politischen und gesellschaftlichen Diskurses. Die drei Korpora, welche die Basis der empirischen Analyse bilden, setzen sich daher zusammen aus ausgewählten parlamentarischen Reden mit programmatischem Charakter zu bestimmten diskursiven Ereignissen, journalistischen Meinungsartikeln (in Form von Kommentar, Leitartikel, Éditorial), welche in Bezug auf die Leitfrage die höchste Relevanz und die meisten LeserInnenkommentare aufweisen und eben diesen Kommentaren, auf denen der Schwerpunkt für die Analyse des gesellschaftlichen Diskurses liegt.