24.03.2015

Historiker erforscht Wirtschafts- und Alltagsleben im Kirkel des 15. Jahrhunderts

Wie lebten unsere Vorfahren hierzulande? Was haben sie gegessen und getrunken? Wovon haben sie gelebt? Solche Fragen interessieren den Historiker Hans-Joachim Kühn. Er hat am Lehrstuhl von Brigitte Kasten, Professorin für die Geschichte des Mittelalters, die Rechnungen der Kellerei Kirkel von 1434 bis 1504 untersucht und ediert. Aus dem 846 Seiten starken Werk geht beispielsweise hervor, dass im Schloss des Herzogs von Pfalz-Zweibrücken, zu dessen Herrschaftsgebiet die Kellerei Kirkel zählte, bereits zu dieser Zeit mit Steinkohle geheizt wurde. Bisher sind Fachleute davon ausgegangen, dass Kohle erst zu einem späteren Zeitpunkt zum Heizen von Wohngebäuden genutzt wurde.

 

Rechnungen und Haushaltsbücher sind eine langweilige Angelegenheit: Endlose Zahlenkolonnen, Aufzählungen von Warenbeständen, Einkaufsvermerke, Verbrauch von Lebensmitteln und so weiter. Eine Fundgrube sind solche Rechnungsbücher allerdings für Historiker. Die Geschichtswissenschaftler können aus überlieferten Rechnungsbüchern Rückschlüsse darüber ziehen, wie unsere Vorfahren vor Jahrhunderten in unserer Region gelebt haben.

 

Hans-Joachim Kühn fasste im DFG-Projekt „Landesherrliches Rechnungswesen im westlichen Deutschland des 15. Jahrhunderts am Beispiel der Kellereirechnungen der Burg Kirkel im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken“ 30 Rechnungsbücher mit jeweils 30 bis 60 Seiten in einer Edition zusammen und kommentierte sie. „Das ist der mit Abstand dichteste Bestand an Rechnungen im Südwesten des Deutschen Reichs für diese Zeit“, sagt Hans-Joachim Kühn. In vielen Herrschaftsbezirken des heutigen Saarlandes und Rheinland-Pfalz gebe es hier und da vereinzelte Rechnungsbücher, die Aufschluss über die frühe Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Region geben können. Mit der jetzigen Aufarbeitung der Kirkeler Rechnungen zwischen 1434 und 1504 liegt aber mit Abstand der größte Bestand für den Westen des mittelalterlichen Reiches vor, was Lothringen mit einschließt. Somit gewinnt die Edition sogar eine internationale Bedeutung.

 

Die Kellerei Kirkel, die damals zum Herzogtum Pfalz-Zweibrücken gehörte, verrechnete die Naturalien, die eingenommen, verbraucht oder zum Beispiel als Bezahlung wieder ausgegeben wurden. Anders als in anderen Herrschaftsbezirken wurden in der Kirkeler Kellerei auch Geldgeschäfte abgerechnet, die andernorts nicht der Keller (von lateinisch cellerarius), sondern ein Amtmann führte.

 

„Wir gewinnen damit einen Einblick in die damaligen Verwaltungsstrukturen und in den Alltag in Kirkel und Umgebung. Denn in den Rechnungen sind die Einnahmen und Ausgaben an Geld, Roggen, Hafer und Wein verzeichnet“, erklärt Hans-Joachim Kühn. So können Historiker zum Beispiel erforschen, wie sich damals gebräuchliche Währungen entwickelt haben. „In manchen Rechnungen sind die damals neueren Münzwährungen Gulden, Schilling und Pfennig angegeben, in manchen aber auch noch die alte Einheit Pfund. Am Anfang jeder Rechnung haben gute Keller damals angegeben, wieviel Schilling einem Pfund entsprechen, so dass der Wechselkurs bekannt ist“, erklärt Kühn. So können zum Beispiel Rückschlüsse auf die damalige Wirtschaftslage gezogen werden.

 

Interessant ist auch der unterschiedliche Lohn, der für Arbeiten im Auftrag der Kellerei gezahlt wurde. „Frauen, die zum Beispiel Hanf gerupft oder Kappes geerntet haben, erhielten gerade einmal vier bis sechs Pfennige Tageslohn, wogegen ein Maurermeister 16 bis 18 Pfennig am Tag erhielt“, erklärt Hans-Joachim Kühn.

Eine weitere Erkenntnis für die Wirtschaftsgeschichte der Region: Steinkohle wurde bereits viel früher zum Heizen eingesetzt als bisher angenommen. „In einer Rechnung aus dem Jahr 1479 ist verzeichnet, dass ein Fuhrwerk mit Kohle von Wiebelskirchen kommend in Kirkel eine Übernachtungspause einlegte, bevor es mit seiner Fracht am nächsten Tag weiter nach Zweibrücken an den Hof gefahren ist“, so der Historiker. All das wird nun alleine dadurch bekannt, weil der Kellerer den Hafer für die Pferde, die die Kohlen gezogen haben, als Ausgang im Rechnungsbuch vermerkt ist.

 

Auch eine saarländische Spezialität ist in den Rechnungen der Kirkeler Kellerei bereits vermerkt: die Weck. So hat der Kellerer am 8. März 1479 bemerkt, dass sein „gnädiger Herr“, der Herzog, zu Gast in der Kellerei war und für acht Pfennige Weck beim Bäcker eingekauft wurden. „Weizen war zu dieser Zeit etwas Besonderes, denn normalerweise aßen die Leute ausschließlich Roggenbrot“, erklärt Hans-Joachim Kühn.

 

Bibliographische Angaben: Landesherrliche Finanzen und Finanzverwaltung im Spätmittelalter. Die Rechnungen der Kellerei Kirkel im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken (1434/35-1503/04; (Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte, Bd. 47), hg. von Hans-Joachim Kühn, Saarbrücken 2015, 846 S., ISBN 978-3-939150-08-4, 29,80 Euro

 

Weitere Informationen:

Dr. Hans-Joachim Kühn
Tel.: (06832) 801989
E-Mail: hans-joachim-kuehn(at)gmx.de
Internet: www.hans-joachim-kuehn.de