W5 "Soziale Diversität - Transversalität"

Für den fünften Workshop der Forschungsgruppe “Popkult60”, der sich dem Spannungsfeld “Soziale Diversität – Transversalität” widmete, kam die Kulturhistorikerin Maja Figge (Universität der Künste Berlin) am 20. Juni 2019 nach Saarbrücken. Dort hielt sie einen Vortrag zu “Figurationen von Deutschsein im bundesdeutschen Kino der fünfziger Jahre”.
Hier finden Sie den Flyer des Workshops.

Gastvortrag von Maja Figge (Universität der Künste Berlin)

Im Februar 2017 kritisierte eine Arbeitsgruppe des UN-Menschenrechtsrats Deutschland für seinen Anti-Schwarzen Rassismus; neben institutioneller Diskriminierung und der Praxis des Racial Profiling wurde vor allem Deutschlands Ablehnung von Reparationszahlungen für den Genozid an den Herero und Nama im heutigen Namibia kritisiert.
In meinem Vortrag bildet diese gegenwärtige Konjunktur des Rassismus (Demirović/ Bojadžijev 2002) den Ausgangspunkt, von dem aus ich zeigen möchte, dass der Diskurs über Rassismus schon in den fünfziger Jahren, also in dem Jahrzehnt, in dem der Mythos der Abwesenheit des Rassismus (Bielefeld 1992) in der Bundesrepublik etabliert wurde, nur zu analysieren ist, wenn die postfaschistische und die postkoloniale Situation berücksichtigt wird. Hierfür betrachte ich Artikulationen von 'Rasse' und Rassismus in fiktionalen Filmen der fünfziger Jahre, die unmittelbar Anteil an der Produktion dieses Mythos hatten. Indem der Fokus auf die Figurationen weißer Männlichkeit gelegt wird, lässt sich zeigen, inwiefern diese ein 'neues', demokratisiertes und daher 'nicht-(mehr-)rassistisches' Selbstbild entwarfen, eine Vorstellung, die dabei half, im und durch das Kino die NS-Vergangenheit zu 'bewältigen'. Als Mittel gegen die in den Filmen implizit verhandelten Schuldgefühle, wird Schwarzsein absorbiert, während zugleich Farbenblindheit behauptet wird. In der Analyse soll gezeigt werden, dass Deutschsein durch erinnerungspolitisch relevante filmische Bewegungen, deren Wirkmacht bis in die Gegenwart reicht, nämlich selektive Erinnerung (Moeller 2001) an die NS-Vergangenheit sowie die Leugnung von anti-Schwarzem Rassismus und der deutschen Kolonialgeschichte, als weiß und damit als erlöst und unschuldig refiguriert wurde.

Maja Figge, Dr. phil. ist derzeit Postdoktorandin am Graduiertenkolleg „Das Wissen der Künste“ an der Universität der Künste Berlin. Im Studienjahr 2017/18 war sie Gastprofessorin für Medientheorien an der Kunstuniversität Linz. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Gender, Race und Medien, Film und Geschichte, Postkoloniale Medientheorie, Critical Whiteness Studies, deutsches / transnationales Kino, politische Gefühle. Sie ist Ko-Kuratorin der Ausstellung MOV!NG ON. Handlungen an Grenzen – Strategien für antirassistisches Handeln (Neue Gesellschaft für bildende Kunst, Berlin 2005), Mitherausgeberin von Scham und Schuld. Geschlechter(sub)texte der Shoah (mit Konstanze Hanitzsch und Nadine Teuber, Bielefeld 2010) und Autorin von Deutschsein (wieder-)herstellen. Weißsein und Männlichkeit im bundesdeutschen Kino der fünfziger Jahre (Bielefeld 2015). Derzeit arbeitet sie an einer Studie mit dem Arbeitstitel “Entangled Modernisms. Transnational Film Relations between Western Europe and India and the Emergence of Modern Cinema (1947–1975)”. Zuletzt erschienen ist der gemeinsam mit Felix Axster verfasste Aufsatz: “Zwischen Rassismuskritik und Positionierungszwang. Überlegungen zur
Auseinandersetzung über Critical Whiteness”, in: BDG Network (Hg.): Black Diaspora and Germany, Münster: Edition Assemblage 2018.