Katrin Groß

Dissertationsprojekt von Katrin Groß

Kultur-Events in Besatzungszeiten – Vergleiche und Transfers kultureller Angebote und Praktiken in Grenzstädten der Westzonen 1945-1955

Als Edith Piaf im Frühjahr 1946 auf ihrer Tournee durch den französisch besetzten Teil Deutschlands im von der Ernährungskrise gebeutelten und in Trümmern liegenden Saarbrücken ein Konzert gab, erfreute sich die Aufführung der Sängerin großer Beliebtheit in der Bevölkerung. Trotz der Schwierigkeiten bei der Organisation von Transport, Unterbringung und Verpflegung zogen die französischen Verantwortlichen ein insgesamt positives Fazit solcher Veranstaltungen, die teilweise, wie im Falle von Piaf, sogar finanziell rentabel waren. Der Mangel an Zerstreuung und Unterhaltung seit Kriegsende bei gleichzeitig großer Nachfrage nach kulturellen Angeboten unter den Einheimischen, aber auch den in Deutschland stationierten Angehörigen der Alliierten, bot den zuständigen Behörden die Gelegenheit, die Deutschen über Vorführungen unterschiedlichster Art und Begegnungen mit Künstlern aus anderen Ländern mit den jeweiligen Kulturen in Kontakt zu bringen. 
Das Dissertationsprojekt untersucht kulturelle Veranstaltungen in der Nachkriegszeit in Städten Westdeutschlands und ihre Bedeutung innerhalb der Kulturpolitik der Besatzungsmächte. Im Zuge der Aufteilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg war neben Wirtschaft und Politik auch die Kultur ein wesentlicher Aspekt der alliierten Besatzungspolitik, gerade im Hinblick auf die angestrebte Umerziehung bzw. Demokratisierung der Deutschen. Jede der Militärregierungen betrieb dabei eine eigenständige Kulturpolitik in ihrer Zone, die von der jeweiligen Staatsform und Kultur geprägt war, da sich die Alliierten nur begrenzt auf ein gemeinsames Vorgehen in der Deutschlandpolitik verständigen konnten. Die Kulturpolitik beinhaltete nicht nur Bildung, Schul- bzw. Hochschulwesen oder Jugend, sondern ebenso kulturelle Angebote und Praktiken wie Theateraufführungen, Konzerte, Ausstellungen usw., wobei erste Veranstaltungen schon kurz nach Kriegsende 1945 stattfanden. Insgesamt gab es in der Nachkriegszeit in Westdeutschland Auftritte als Gastspiele bzw. ganze Tourneen französischer, britischer und amerikanischer Künstler, gleichzeitig kam es unter der Kontrolle und Aufsicht der Alliierten zu einer Wiederbelebung der deutschen Kulturszene. 
Anhand der Bildung von „Städtepärchen“ aus geographisch eng beieinanderliegenden Städten an den Grenzen der einzelnen Besatzungszonen wie beispielsweise Mainz und Wiesbaden oder Kassel und Göttingen untersucht das Dissertationsprojekt Kulturveranstaltungen in Westdeutschland zwischen 1945 und 1955. Besonderes Augenmerk liegt hierbei nicht nur auf Art, Organisation, Vermarktung und Zielsetzung der kulturellen Angebote, sondern auch auf dem Vergleich und Kulturtransfer zwischen den Städten hinsichtlich grenzüberschreitender Kooperationen und Publiken, gegenseitiger Inspiration sowie der Zusammenarbeit mit den Besatzungsmächten. Zudem soll untersucht werden, wie sich die Veranstaltungen in die jeweilige offizielle Kulturpolitik der westlichen Alliierten einfügten, wie stark die Zugehörigkeit zur britischen, amerikanischen oder französischen Besatzungszone die kulturellen Ereignisse bestimmte und welches Bild dabei von der jeweiligen Besatzungsmacht – möglicherweise durch den gezielten Einsatz der Künstler als kulturelle Mittler – vermittelt werden sollte. Im Hinblick auf die Gründung der Bundesrepublik stellt sich zudem die Frage, ob und inwieweit die kulturelle Praxis auf lokaler Ebene dadurch beeinflusst wurde und ob sich die Organisation von Kultur bzw. die Kooperation mit den Siegermächten ab 1949 veränderten. Im Mittelpunkt des Dissertationsprojekts stehen transnationale Transferprozesse, die mit der Lokal- und Regionalgeschichte verknüpft werden sollen, während der Fokus dabei in erster Linie auf der Kulturgeschichte liegt.